https://www.faz.net/-gum-8hg7v

Studentisches Sorgentelefon : Bei Anruf Wort

  • -Aktualisiert am

Zuhören für den Moment

Mit Nachfragen versuchen die Helfer am Telefon, die Gedanken des Anrufers zu strukturieren. „Spiegeln des Gegenübers“ nennen sie das. Der Zweiundzwanzigjährige gibt ein Beispiel: „Wenn jemand anruft und ich das Gefühl habe, dass er vor Wut gleich platzt, dann frage ich einfach, warum er so wütend ist.“ Meist reichten solche Anstöße aus, dass dem Anrufer der Grund seines Problems bewusst werde und er sich einer Lösung nähere. „Die Studenten wissen meist, was unser Angebot ist: Wir hören für den Moment zu.“ Viele sähen die Dinge nach dem Gespräch klarer und bedankten sich für das offene Ohr. Andere seien aber auch enttäuscht, weil sie sich Rat erhofft hätten. Sie bekommen aber die Nummer einer psychologischen Betreuungsstelle.

Warum wählen Studenten überhaupt die Nummer der „Nightline“, statt sich Freunden anzuvertrauen? „Häufig scheuen sich die Anrufer, mit Freunden über bestimmte Probleme zu sprechen“, antwortet die Studentin. „Oder sie haben ihr Umfeld schon so damit zugetextet, dass es langsam von dem Problem nichts mehr hören möchte.“ Außerdem wissen die Anrufer, dass sie mit anderen Studenten reden, die in ähnlicher Lebenslage sind. Auch viele „Nightliner“ hatten schon einmal Angst vor einer Klausur oder Ärger in der WG.

Die Gründe für einen Anruf sind vielfältig. „Meistens sind es jedoch keine rein universitären Krisen wie Prüfungsangst oder die verzweifelte Wohnungssuche, sondern eher zwischenmenschliche Probleme“, sagt die Studentin. Die Beziehung, die in die Brüche gegangen ist, die WG, in der man sich nicht wohl fühlt, die Angst vor dem Coming-out bei den Eltern. Manchmal werden die Telefonisten auch mit Missbrauch, unheilbaren Krankheiten und ungewollter Schwangerschaft konfrontiert. Gerade Anfängern fällt es in solchen Fällen oft schwer, sich zurückzunehmen, Distanz zu wahren und zu akzeptieren, dass sich die Hilfe darauf beschränken soll, einfach da zu sein.

Grenzen der Verschwiegenheit

Die eigene Begrenztheit macht auch dem zweiundzwanzigjährigen Neuling noch zu schaffen. „Hin und wieder würde man gern einen Ratschlag geben, das Problem am liebsten für den Anrufer lösen, einfach mehr sein als bloß das offene Ohr.“ Man fühle sich manchmal so machtlos. Nicht zu wissen, wie es mit dem Anrufer weitergehe, sei auch schwer zu verkraften. Deswegen treffen sich die Ehrenamtlichen einmal im Monat mit zwei Psychologen. Nur dort können sich die „Nightliner“ ihren eigenen Kummer von der Seele reden, denn die Maxime „Nightline“ heißt Anonymität und Verschwiegenheit. Die Mitglieder unterschreiben eine Erklärung, die es ihnen verbietet, mit Personen außerhalb der Gruppe über ihre Arbeit zu sprechen. Das rigorose Schweigen sei nötig, meint die Achtundzwanzigjährige. Welcher Medizinstudent ruft schon an, um über seine Angst vor dem Physikum zu sprechen, wenn er befürchten muss, dass vielleicht eine Kommilitonin am anderen Ende der Leitung sitzt? Und wer weiß, dass ein Bekannter bei der „Nightline“ arbeitet, dem ist die Chance genommen, dort Hilfe zu suchen.

Die Verschwiegenheit hat aber Grenzen. Bei telefonisch angekündigten Straftaten wie Amokläufen müssen die Mitglieder der Hotline die Polizei benachrichtigen. Bislang war dies allerdings nur ein Gedankenspiel. Und was passiert, wenn jemand mit Suizidgedanken anruft? Für solche Extremfälle, die bislang auch noch nicht vorkamen, haben sie Telefonnummern von Beratungsstellen parat.

Die „Nightliner“ lernen auch fürs eigene Leben. „Man nimmt hier viel mit“, sagt die Achtundzwanzigjährige. „Die Arbeit hat mir gezeigt, wie ich im Gespräch auch mal den passiven Part übernehmen kann, was mir als extrovertierter Mensch früher schwergefallen ist.“ Es müssten nicht immer viele Worte sein, sagt sie. Manchmal genüge es, zuzuhören.

Weitere Themen

Topmeldungen

Macrons Besuch im Libanon : Von Reue fehlt bislang jede Spur

In Beirut wird Emmanuel Macron wie ein Heilsbringer empfangen. Der französische Präsident verspricht Hilfe – und mahnt Reformen an. Doch bisher deutet nichts darauf hin, dass in der Politik des Libanon eine neue Ära beginnt.

Wirtschaftswunder Weiden : Von der Zonengrenze zu „Star Wars“

Weiden galt lange als Oberzentrum einer strukturschwachen Region. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs war die Oberpfalz nicht mehr „Zonenrandgebiet“. Mit Corona und Donald Trumps Abzugsplänen droht nun aber neues Ungemach.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.