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Provokante Wagen : Keine Angst im Karneval

  • -Aktualisiert am

Der starke Wladimir: Jacques Tilly arbeitet in der Wagenbauhalle letzte Feinheiten an dem überkremlgroßen Düsseldorfer Putin heraus. Bild: Edgar Schoepal

Ein Witz, den jeder mit 1,5 Promille auf den ersten Blick versteht und trotzdem internationale Aufmerksamkeit erregt? Jacques Tillys provokante Karnevalswagen können das. Wird er wegen „Charlie Hebdo“ etwas ändern?

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          Seit wenigen Tagen hängt in dem alten Straßenbahndepot im Düsseldorfer Süden ein Schild. „Weitergehen allerstrengstens verboten“ steht darauf. „Wegen der geheimen Mottowagen ist das Betreten des Hofes, des Zeltes und der kleinen Künstlerhalle Unbefuchten total untersagt. Der Verfassungsschutz der Bundesrepublik Deutschland.“

          Seitdem das Düsseldorfer Karnevalskomitee beschlossen hat, die politischen Karnevalswagen für den Rosenmontagszugs geheim zu halten, schützt sich Jacques Tilly so vor Neugierigen. In einem roten Overall, der an den Beinen viel zu kurz ist und über die Jahre das ein oder andere Loch bekommen hat, läuft er in diesen Tagen hektisch durch die großen Hallen, manchmal fährt er sogar auf dem Fahrrad, dann ist er schneller.

          Jedes Jahr aufs Neue denkt Tilly, dass ihm jetzt wirklich nichts mehr einfällt. Aber das stimmt natürlich nie.

          In den Wochen vor Rosenmontag werden nach und nach die elf politischen Wagen gebaut, das Heiligtum des Düsseldorfer Karnevals. Sie stehen, wenn sie fertig sind, gut versteckt in einem riesigen Zelt im Hinterhof. Anders als die Kölner, die gerade erst beschlossen haben, ihren „Charlie Hebdo“-Wagen doch nicht fahren zu lassen, bleibt bei Tilly alles im Verborgenen, und wie immer fragt man sich: Wie werden seine Wagen in diesem Jahr aussehen? Wird es einen Wagen zu den Anschlägen in Paris auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ geben? Und werden der „Islamische Staat“ und die Wahlen in Griechenland aufgegriffen?

          Humor ist für Tilly die humanste Form der Kritik.

          Tilly verrät, wie jedes Jahr, nichts. Er schließe keine Themen aus, sagt er mit Blick auf „Charlie Hebdo“, es werde einfach weitergearbeitet wie immer. Anders als die Kölner will sich Tilly seine Narrenfreiheit nicht nehmen lassen, die er sich über die Jahre erarbeitet hat. Er bedauert die Kölner Entscheidung, äußert sich aber zurückhaltend: „Schade, dass der Kölner Wagen nicht fährt, er wäre ein tolles Statement der Narren für die Meinungsfreiheit gewesen.“

          Tilly könnte aber auch noch gar nichts zu allen Wagen sagen, weil er noch gar nicht genau weiß, wie die letzten Wagen aussehen werden. Ein Motiv lässt er sogar immer bis kurz vor Schluss offen, um noch spontan reagieren zu können. Als zum Beispiel im vergangenen Jahr am Samstag vor Rosenmontag russische Soldaten auf der Krim einmarschierten, baute er noch am Wochenende einen Putin-Wagen. Der russische Präsident ließ darauf die Muskeln spielen, der Bizeps war eine Bombe, deren Lunte langsam herunterbrannte.

          Es war viel mehr als ein politischer Karnevalswagen, es war wegen der Aktualität die politische Karikatur des Tages für Menschen auf der ganzen Welt. In einer Mappe hat Tilly das alles dokumentiert: Ausdrucke der Internetseiten von „Washington Post“, „Los Angeles Times“ und sogar indischen und japanischen Zeitungen.

          Viele sagen, Tilly sei der beste und provokanteste Wagenbauer im deutschen Karneval. Niemand spitze so zu wie er. Für Tilly heißt das vor allem: Der Druck wird jedes Jahr größer. Wenn er sich Anfang Januar in seine Wohnung zurückzieht und die Wagenbauer allein lässt, ist er erst einmal nicht ansprechbar. Jedes Jahr denkt er aufs Neue, dieses Mal falle ihm nun wirklich nichts mehr ein.

          Mit Seine Lebensgefährtin muss sich dann bis Rosenmontag um die Kinder kümmern, und er grübelt und zeichnet. Mit elektronischer Musik der norwegischen Band Röyksopp aus dem Kopfhörer treibt er seine Gedanken voran. Hunderte Entwürfe können es werden, bis er zufrieden ist. Bis nichts mehr bleibt außer der Pointe. Ein perfekter Karnevalswagen ist so reduziert, dass man ihn ohne Worte versteht, sagt Tilly, auch noch mit 1,5 Promille.

          Tilly lässt nur Überraschungen fahren

          Sein Humor ist mittlerweile so gefürchtet, dass sogar einmal jemand versuchte, die Wagen früher zu sehen. Der damalige Düsseldorfer Oberbürgermeister Joachim Erwin schlich 2006 durch das Depot in das Zelt am Hinterausgang, wo die politischen Wagen gelagert werden. Eigentlich habe er nachschauen wollen, ob es einen Wagen zu den dänischen Mohammed-Karikaturen gegeben habe, erinnert sich Tilly.

          Doch Erwin entdeckte stattdessen einen amerikakritischen Wagen. Der damalige Präsident Bush erschoss sich, darunter stand: „Endlich mal eine sinnvolle Antiterrormaßnahme“. Es müssen keine schönen Minuten danach für die Mitarbeiter im Depot gewesen sein. Erwin soll als überzeugter Atlantiker vor Wut getobt haben. Tilly ließ den Wagen dann nicht im Rosenmontagszug fahren. Er wäre dann ja keine Überraschung mehr gewesen.

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