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Streit um Weltkulturerbe : Und wieder eine Reconquista

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Architektonisch einzigartig: Die Mezquita-Catedral von Córdoba, einst Hauptmoschee im maurischen Spanien, ist seit 1236 eine römisch-katholische Kathedrale Bild: AFP

Der Streit um die katholische Moschee von Córdoba ist kein neuer Kulturkampf. Vielmehr geht es um Geld und Politik.

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          Es entbehrt nicht der Ironie, dass antiklerikale Gruppen in Spanien ausgerechnet zum zehnten Jahrestag der islamistischen Terroranschläge von Madrid das islamische Erbe des Landes in Gefahr sehen. Ihr Unmut richtet sich gegen den aus ihrer Sicht hoffnungslos rückständigen katholischen Bischof von Córdoba. Dieser stemmt sich nämlich im Verbund mit anderen „Reaktionären“ – wie dem Bürgermeister der Stadt von der konservativen Volkspartei – dagegen, dass die weltberühmte Moschee-Kathedrale von der sozialistisch-kommunistischen Provinzregierung Andalusiens enteignet und in den Staatsbesitz überführt wird.

          Mehr als acht Jahrhunderte lang war Ruhe, bis die andalusische Junta unter Führung der neuen Ministerpräsidentin Susana Díaz – sie löste unlängst den in Korruptionsaffären verwickelten sozialistischen Vorgänger José Antonio Griñán ab –, auf den Gedanken kam, dass die katholische Kirche womöglich die denkbar ungeeignetste Institution sei, um das Gotteshaus weiterhin zu besitzen und zu verwalten. So gab sie ein juristisches Gutachten in Auftrag, um zu klären, ob man nicht die öffentliche Hand auf die – mit 1,4 Millionen Besuchern im vorigen Jahr – größte und einträglichste Touristenattraktion Córdobas legen könnte.

          150.000 Unterschriften für den Erhalt des Weltkulturerbes

          Flankierend hatte sich schon eine Petitionsplattform gebildet, die, teils von der Junta subventioniert und von spanischen Intellektuellen, Schriftstellern und sogar dem britischen Architekten Norman Foster unterstützt, eine Verstaatlichung verlangte. Man tue dies, so hieß es, im Dienste der historischen Gerechtigkeit und auch „aus Sorge um die Erhaltung des Welterbes“. Die Unesco hat die Mezquita-Catedral im Jahr 1984 in ihre Liste aufgenommen und sich bislang nicht beschwert. Eine Online-Kampagne, die von linken Medien, darunter vor allem der Zeitung „El País“, gefördert wurde, weist bislang schon fast 150.000 Unterschriften zugunsten dieses Anliegens auf. Eine von rechten Publikationen wie der monarchistischen „ABC“ und dem konservativen „El Mundo“ animierte Gegenkampagne hängt mit etwa der Hälfte an Unterschriften noch nach.

          Die Vorwürfe, die Bischof Demetrio Fernández gemacht werden, sind, dass er – angeblich von der Öffentlichkeit unbemerkt – im Jahr 2006 den Besitztitel für die Moschee-Kathedrale zu der bescheidenen Gebühr von 30 Euro in das Grundbuch eintragen ließ. Hernach seien dann heimlich mehrere „islamische Symbole“ entfernt und auch das Wort „Moschee“ aus den Broschüren gestrichen worden. So habe man ein Kulturgut, das wie kein zweites in Spanien die friedliche Koexistenz der Religionen versinnbildlicht, in ein Denkmal aus „purer katholischer Sicht“ verwandelt. Der Bischof bestreitet derweil alle sinistren Machenschaften. Auch Bürgermeister José Antonio Nieto kann „kein Problem“ erkennen. Denn das Bauwerk sei doch „in perfektem Zustand, perfekt verwaltet und perfekt instand gehalten“.

          Mehrere Millionen jährlich durch Eintrittsgelder

          In dem schwelenden Zwist, in dem Ministerpräsidentin Díaz inzwischen als Vorschlag zur Güte anregte, man könne der Kirche nach einer Enteignung immerhin die Verwaltung überlassen, geht es nicht ernsthaft um einen „Kulturkampf“, sondern um krude Machtspiele, Geld und Politik – dies alles noch in stimmenfängerischer Absicht verstärkt vor den Europawahlen. Gleichwohl hat die Provinzposse inzwischen sogar ein internationales Echo gefunden, das ganz auf der Linie der Junta und ihrer Plattform an beifälligem Konformismus nichts zu wünschen übriglässt.

          Begehrlich blickt die andalusische Regierung auf die Einnahmen der Moschee-Kathedrale, die sich bei einem Eintrittspreis von acht Euro pro Person jährlich auf mehrere Millionen summieren und, weil gesetzlich als „Spenden“ deklariert, nicht einmal versteuert werden. Zum Vergleich nimmt die Junta mit der Alhambra von Granada, dem von ihr verwalteten Maurentempel, zum Preis von 13 Euro pro Karte noch erheblich mehr ein. Dort fördern die Buchprüfungen indes immer wieder Unregelmäßigkeiten zutage, wenn, wie unlängst entdeckt, größere Summen in die Taschen örtlicher Administratoren umgeleitet wurden.

          „Ihr habt etwas zerstört, was einzigartig in der Welt war“

          Die Frage, wem die Mezquita wirklich „gehört“, ist nicht leicht zu beantworten. Auf ihrem Platz stand ursprünglich ein römischer Janustempel, gefolgt von einer westgotischen Kirche. Im achten Jahrhundert, nach der Eroberung durch die Araber, wurde auf Geheiß des ersten Emirs Abd ar Rahman die bedeutsamste Moschee des Islams im Westen errichtet. Nach der Reconquista Córdobas übergab König Ferdinand III. sie im Jahr 1236 wieder an die katholische Kirche. Mit Genehmigung Kaiser Karls V. wurde schließlich im 15. Jahrhundert mitten in den eleganten Säulenwald ein massives Kirchenschiff eingebaut, dessen Turm alles überragen sollte. Der Kaiser selbst war mit dem Ergebnis nicht zufrieden und soll bedauernd gesagt haben: „Ihr habt etwas zerstört, was einzigartig in der Welt war.“

          Einzigartig ist die seltsame architektonische Mischung noch immer. Die katholische Kirche besteht freilich darauf, dass in dem Gotteshaus ausschließlich Messen gefeiert werden und sonst nichts. So kam es in den vergangenen Jahren gelegentlich zu kleineren Konflikten, wenn örtliche Muslimführer mit lokalpolitischen Ambitionen darauf bestanden, demonstrativ vor dem Mihrab zu beten – und eine Gruppe bärtiger junger Österreicher darob sogar einmal in ein Handgemenge mit Tempelwächtern geriet.

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