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Streit um Unterhalt : „Brauchst Du erst den Test und zahlst später?“

Vater wider Willen? Das Landgericht Dortmund hat in erster Instanz befunden, dass die Ärzte des Kinderwunschzentrums zahlen müssen. Bild: Dieter Rüchel

Aus dem im Dortmunder Kinderwunschzentrum eingelagerten Sperma eines Mannes werden drei Kinder gezeugt - gegen seinen Willen, wie er sagt. Vor Gericht geht es jetzt um die Frage, wer Unterhalt zahlen muss.

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          Eigentlich wollte Stefan Wenzel* „was fürs Bett“, als er am Rosenmontag vor zwölf Jahren in einer Kneipe die zwei Jahre ältere Jasmin Klare* kennenlernte. Gemeinsame Bekannte hatten dem Maschinenbautechniker die kaufmännische Angestellte vorgestellt, der 41-Jährige war seit drei Jahren Single und offen für Neues. Klare hatte ebenfalls Interesse, aus der Bettgeschichte wurde eine Beziehung, mit zwei Wohnungen zwar, aber doch auch mit Perspektive. Denn Wenzel, der nur eingeschränkt zeugungsfähig ist, ließ sein Sperma im Dortmunder Kinderwunschzentrum einfrieren und unterschrieb, dass es dort für ein Jahr gelagert werden solle. „Auf Drängen von Frau Klare“, sagt er heute. Jasmin Klare lässt über ihren Anwalt ausrichten, dass sie dazu nichts sagen will.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Einigen können beide sich nur darauf, dass aus diesem Sperma drei Kinder gezeugt wurden: ein inzwischen siebenjähriger Sohn und ein fünfjähriges Zwillingspaar. Auf wessen Betreiben allerdings die künstliche Befruchtung bei Klare vorgenommen wurde - darüber streiten sie. Wenzel behauptet, er habe nichts von der Zeugung der Kinder gewusst und habe sie nie gewollt. Klare behauptet, er habe sich die Kinder genauso gewünscht wie sie selbst und sei mit der künstlichen Befruchtung einverstanden gewesen. Wer aber hat recht?

          Kinderwunschzentrum verklagt

          Um das zu klären, hat Wenzel das Kinderwunschzentrum verklagt. Er wollte wissen: Muss er Kindern Unterhalt zahlen, mit deren Zeugung er nicht einverstanden war? Oder müssen die Ärzte zahlen, die es seiner Meinung nach versäumt haben, sich seiner Zustimmung zu versichern? Das Landgericht Dortmund hat in erster Instanz befunden, dass die Ärzte zahlen müssen. Denn zumindest die fünfjährigen Zwillinge seien ohne die Zustimmung von Stefan Wenzel gezeugt worden - auf ziemlich abenteuerliche Weise, in der gefälschte Unterschriften und Schlampereien in dem Kinderwunschzentrum eine Rolle spielen. Das Wort vom „Samenraub“ machte unter Prozessbeobachtern die Runde. 100.000 Euro, so die Richter, soll das Kinderwunschzentrum den Zwillingen bis zu ihrem achtzehnten Geburtstag zahlen. Wenzel, der leibliche Vater wider Willen, dürfe nicht mehr mit Unterhaltszahlungen behelligt werden, die ihm nur 980 Euro monatlich zum Leben lassen.

          Doch das Kinderwunschzentrum hat Revision eingelegt, und das Oberlandesgericht Hamm wird am 4. Februar verkünden, ob das Urteil der Dortmunder Richter Bestand hat. Kann es also vielleicht doch sein, dass Wenzel nur vorgibt, von der Zeugung der Kinder nichts gewusst zu haben, um sich die monatlichen Unterhaltszahlungen zu sparen? Oder bleibt es dabei, dass er ohne Einwilligung zum Vater gemacht wurde?

          Zumindest eine Unterschrift war gefälscht

          Nach Ansicht der Dortmunder Richter spielte sich der Fall wie folgt ab: Schon beim ersten Kind hat Wenzel nicht in eine künstliche Befruchtung seiner Freundin eingewilligt, obgleich er damals noch mit ihr zusammen war. Zumindest eine der Unterschriften, die Klare dem Kinderwunschzentrum im Zuge dieser ersten Reagenzglas-Zeugung präsentiert und als die seine ausgegeben hat, war gefälscht. Das hat Klare zugegeben.

          100.000 Euro soll das Zentrum bis zum 18. Geburtstag der Zwillinge zahlen
          100.000 Euro soll das Zentrum bis zum 18. Geburtstag der Zwillinge zahlen : Bild: Dieter Rüchel

          Und Wenzel will sich erinnern, wie Klare - die heute auch dazu nichts sagen möchte - ihn einmal mit Kerzen, Musik und Dessous empfangen habe, ganz gegen ihre Gewohnheit, und ihn nach dem Essen ins Schlafzimmer gezogen habe. „Ich konnte mich genau an den Tag erinnern, weil das alles sehr ungewöhnlich für sie war“, erzählt er. So habe er ihr geglaubt, als sie ihm neun Monate später weinend erzählt habe, sie sei schwanger, es sei ein Unfall gewesen und müsse an jenem Abend passiert sein. „Ich war sauer“, sagt er, „ich hatte gerade einen Kredit aufgenommen und einen Sportwagen gekauft.“ Dennoch erkannte er das Kind als seines an und ist heute auch bereit, ihm Unterhalt zu zahlen.

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