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Musikfestival : Rock ohne Ring

Ein letzter Protest: Rock am Ring wird aber nicht mehr am Nürburgring stattfinden Bild: dpa

Zu hoch gepokert: Die neuen Besitzer des Nürburgrings wollten selbst Konzert-Geschäfte machen – aber jetzt spielt die Musik woanders.

          Es ist eine Geschichte voller Wendungen und Überraschungen. Sie handelt von Neid, Gier und Übermut. Die Protagonisten sind ein erfolgreicher Konzert-Impresario, ein russischer Milliardär und ein ehrgeiziger Veranstalter aus Berlin. An diesem Wochenende wird das Geschehen seinem Höhepunkt zustreben.

          Peter Badenhop

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Im Kern geht es - wie bei so vielen großen Geschichten - um Geld und Ehre. In diesem Fall vor allem um das Geld, das sich mit einem großen Open-Air-Festival verdienen lässt. Und das ist inzwischen eine Menge. Marek Lieberberg, der 1985 „Rock am Ring“ aus der Taufe hob und zum größten und populärsten Konzert-Event in Deutschland machte, hat zuletzt gut an dem jährlichen Rock-Großereignis auf dem Nürburgring in der Eifel verdient. Seine Kontakte zu Stars wie Madonna, Depeche Mode, Cat Stevens und U2 sind legendär. Doch mit dem Verkauf der Rennstrecke an den Autozulieferer Capricorn kam das Aus für den Frankfurter Konzertveranstalter.

          Der neue Ring-Besitzer wollte plötzlich mehr vom Kuchen. Als sich Lieberberg und sein Sohn Andre sperrten, kündigte Capricorn die Verträge, um mit dem Berliner Veranstalter Peter Schwenkow und seiner börsennotierten Deutschen Entertainment AG (Deag) ein eigenes Festival auf die Beine zu stellen. Selbst den Namen des Festivals sollte Lieberberg freigeben. Der Neunundsechzigjährige, ansonsten ein kultivierter Mann, schäumte, brachte im Juni 2014 ein letztes Open-Air am Ring auf die Bühnen, wurde von Fans und Musikern mit Lob und Treueschwüren überhäuft - und zog vor Gericht.

          Neuer Ort: Nur 35 Kilometer vom Nürburgring entfernt

          Es folgte der zweite Akt, in dem Lieberberg von den Richtern des Oberlandesgerichts Koblenz recht bekam. Er konnte die Namensrechte behalten und präsentierte mit Foo Fighters, Slipknot, The Prodigy und den Toten Hosen nicht nur ein attraktives Programm, sondern auch einen neuen Veranstaltungsort mit einem Pachtvertrag über fünf Jahre: einen früheren Heeresflugplatz in Mendig, kaum 35 Kilometer vom Nürburgring entfernt. Gleichzeitig kündigten Capricorn und der 61 Jahre alte Schwenkow ihr eigenes Festival an, nannten es „Grüne Hölle“ nach der Nordschleife der Rennstrecke und verpflichteten erstaunlich schnell bekannte - und teure - Bands wie Metallica, Kiss und Muse.

          Die „Rock am Ring“-Fans beteuertem ihm die Treue: Marek Lieberberg.

          Die Szene rieb sich die Augen: Zwei Großfestivals an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden? Nur 35 Kilometer voneinander entfernt? Mit einer ähnlichen Zielgruppe? Konnte das gutgehen? Offensichtlich nicht. Denn die Fans hielten Lieberberg tatsächlich die Treue, kauften Karten für sein neues Festival mit dem alten Namen und straften die „Grüne Hölle“ mit Missachtung. Offizielle Zahlen waren nicht zu bekommen, aber als Lieberberg Anfang April „Ausverkauft“ auf seine Internetseiten schreiben konnte, waren für Schwenkows Veranstaltung am Nürburgring dem Vernehmen nach gerade einmal 15.000 Tickets verkauft. Verluste bahnten sich an.

          Peter Schwenkow, Aufsichtsratsvorsitzender Deutsche Entertainment AG

          Und so versuchte die Nürburgring-Betreibergesellschaft, zu deren Eignern inzwischen der russische Milliardär Viktor Charitonin gehört, im dritten Akt ihren möglichen Schaden auf eine Million Euro zu begrenzen und warf Schwenkow Versagen vor. Dieser schimpfte seinerseits öffentlich über das Gebaren von Charitonin, sprach von einer „Räuberpistole“ und gefühlter Erpressung - und zog dann um, in die Schalke-Arena in Gelsenkirchen. Dort beginnt an diesem Freitag um kurz nach eins nun die „Grüne Hölle“ unter dem Namen „Rock im Revier“, gleichzeitig mit dem Schwesterfestival „Rockavaria“ in München, bei dem die gleichen Bands in anderer Reihenfolge auftreten.

          „Die Fans haben sich klar positioniert“

          Auch mit dieser organisatorischen Variante eifert Schwenkow seinem Konkurrenten Lieberberg nach, der seit vielen Jahren gleichzeitig mit „Rock am Ring“ auch „Rock im Park“ in Nürnberg veranstaltet. Wie erfolgreich die Doppelvermarktung für den Berliner sein wird, dürfte sich an diesem Wochenende herausstellen. Die Fans sind allerdings schon jetzt verprellt. Vielen hat der Umzug vom Nürburgring nach Gelsenkirchen Zug- und Hotelstornierungen eingebracht, andere haben noch den letzten Auftritt von Metallica in der Schalke-Arena vor vier Jahren wegen der schwierigen Organisation in der Halle in schlechter Erinnerung.

          Vor allem aber schimpft die Rockgemeinde in Internetforen über die Preisnachlässe beim Kartenverkauf, mit denen Schwenkow offenbar in letzter Minute Zuschauer für seine Festivals gewinnen will. Über manche Ticketplattformen konnte man bis zu 45 Prozent sparen, und für „Rockavaria“ in München gab es sogar für ADAC-Mitglieder verbilligte Karten. In dieser Woche war nun von 30.000 verkauften Karten die Rede, offiziell erwarten die Veranstalter sogar 40.000 Zuschauer. Aber schon gibt es Gerüchte, dass wegen des mangelnden Interesses der Oberrang der Schalke-Arena während der Konzerte geschlossen wird und Metallica und Kiss vor halb gefülltem Haus spielen müssen.

          Marek Lieberberg verfolgt solche Nachrichten nicht mit Genugtuung, wie er sagt, sondern „mit tiefer Trauer über ein verlorenes Jahr“ wegen des Neustarts am neuen Standort. Mit Blick auf das nächste Wochenende, wenn das Jubiläums-„Rock am Ring“ in Mendig und das Parallelfestival in Nürnberg mit knapp 90.000 beziehungsweise 75.000 Zuschauern steigen sollen, sagt er nur: „Die Fans haben sich klar positioniert.“

          Statt auf „kompromisslosen Rock“ wie Schwenkow setzt der Frankfurter Impresario auf verschiedene Genres. Mit dabei ist übrigens auch Frank Turner, englischer Singer-Songwriter, der in seinen Liedern mit viel Witz und Ironie Geschichten erzählt. Manchmal kleine, manchmal ganz große - so ähnlich wie die von den beiden Konzertveranstaltern und dem Milliardär.

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