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Straßenmusikant : Bachblüten

  • -Aktualisiert am

Helmuts Bühne ist die B-Ebene der U-Bahn-Station Hauptwache, immer steht er vor der gleichen Säule. Bild: Hannes Jung

Ein Mann spielt Geige in der U-Bahn-Station. Seit 35 Jahren, denn er kann nicht anders. Die Welt um ihn herum aber hat sich verändert.

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          Um sechs steht Helmut auf. Er schüttelt die Arme und Beine, dann streckt er sich auf einer weichen Matte aus. Helmut zieht die Knie auf den Bauch, den Kopf auf die Brust, lässt wieder locker, denkt dabei an nichts. Seit einiger Zeit nenne man das wohl Yoga, meint Helmut. Egal, er nennt es schon immer Strecken.

          Später zieht Helmut sich an, ein weißes Hemd, darüber die Silberkette mit dem Amethyst, die er immer trägt, darüber eine Jeansjacke. In einen Rucksack packt er Haarbürste, Schuhe, Wasserflasche und Camel-Zigaretten. Nun noch die Geige, dann los. Halb zehn ist es, wenn Helmut seine kleine Wohnung verlässt, um die Stadt zu verzaubern. Er macht alles noch genau wie früher. Doch die Stadt hat sich verändert.

          Fünfunddreißig Jahre ist es her, dass Helmut zum ersten Mal in der U-Bahn-Station Hauptwache in Frankfurt geigte. Sein halbes Leben. Seitdem kommt er fast jeden Tag. Sein langer brauner Bart ist über die Jahre weiß geworden, sein Haar licht. Manchmal schmerzen Helmut Entzündungen in den Handgelenken, die hatte er früher nicht. Und wenn im Winter der Wind eiskalt durch die Stadt fegt, hat Helmut wochenlang Schnupfen und leichtes Fieber. Er ist hier alt geworden.

          Der Straßenmusiker auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz
          Der Straßenmusiker auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz : Bild: Hannes Jung

          Helmuts Bühne ist die B-Ebene. Immer stellt er sich an die gleiche blau gekachelte Säule, direkt neben den Mülleimer aus Metall. Von da aus kann er alles gut sehen, die Rolltreppe hinunter zur U-Bahn, die Treppe hinauf in die Stadt. Über Helmut liegt die größte Einkaufsstraße von Frankfurt, unter ihm donnern die Züge. Ihm gefällt es dazwischen. Helmut liebt Orte wie diesen, an denen alle unterwegs sind, nicht ganz oben, nicht ganz unten. So wie er selbst.

          Er steht da immer morgens, ungefähr zwischen zehn und zwölf. Vorher haben es die Berufstätigen eilig, zur Arbeit zu kommen. Da hört niemand einem Geiger zu. Nachmittags eilen sie mit großen Schritten in die Geschäfte, dann nach Hause. Abends hat Helmut es vor ein paar Jahren auch einmal versucht. Doch da kamen Jugendliche, Bierflaschen in der Hand, und pöbelten ihn an. Helmut pöbelte nicht zurück. Er geht ihnen seitdem einfach aus dem Weg.

          Früher war das nicht nötig. Als Helmut 1977 nach Frankfurt kam, freute die Stadt sich über ihn. Sie war dreckiger und hässlicher als heute, in der U-Bahn-Station schliefen die Penner. Da stank es nach Urin und kaltem Zigarettenrauch. Vielleicht brauchte die Stadt gerade deshalb die Musik. Ein paar Meter neben den Dealern, die in der B-Ebene Mandraxtabletten verkauften, spielte Helmut Bachs d-Moll-Chaconne, sein Lieblingsstück bis heute.

          Bevor er loslegt, zieht Helmut seine feinen Schuhe an - Lederschuhe für Tänzer, denn er tanzt beim Geigespielen.
          Bevor er loslegt, zieht Helmut seine feinen Schuhe an - Lederschuhe für Tänzer, denn er tanzt beim Geigespielen. : Bild: Hannes Jung

          Helmut spielte mit dem leichtesten Bogen, den er kriegen konnte. „Der schenkt dir nix“, dachte er, „da hörst du jede Nachlässigkeit.“ Es sollte aber keine Nachlässigkeiten geben. Helmut übte jedes Stück für die U-Bahn-Station, bis er es auswendig konnte. Die Jugendlichen saßen dann im Halbkreis auf dem schmutzigen Steinboden und lauschten. Anzugträger standen da, langhaarige Hippies, Hausfrauen mit Dauerwelle. Es gab eine Zeit, da nannten manche die B-Ebene Bach-Ebene. „Das war die Zeit, in der noch niemand iPods und Kopfhörer hatte“, sagt Helmut.

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