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Straßenhunde in Rumänien : Die Menschen leiden wie die Hunde

  • -Aktualisiert am

In einem Park in Bukarest: Anwohner füttern streunende Hunde. Bild: REUTERS

Rumänien geht gegen streunende Hunde auf den Straßen vor – und wird wegen des „Genozids“ kritisiert.

          „Der Mob veranstaltet eine wahre Blut-Orgie“ – „Die Opfer werden regelrecht abgeschlachtet“ – „Grauenhafte Tragödien spielen sich ab“ – „Hass, Brutalität und unbeschreibliche Grausamkeiten sind an der Tagesordnung.“

          Nein, nicht von Syrien ist die Rede, sondern vom „Hunde-Genozid“. Nach Ansicht vieler Tierschützer findet er gerade in Rumänien statt, seit das Parlament in Bukarest am 25. Juni ein Gesetz angenommen hat, das die Einschläferung von Straßenhunden erlaubt, sofern sie nicht innerhalb von 14 Arbeitstagen von einem Bürger oder einer Tierschutzorganisation abgeholt und adoptiert werden.

          Auch ein Kuss von Brigitte Bardot änderte nichts

          In der Negativberichterstattung über Rumänien haben die Straßenhunde den Platz eingenommen, der früher einmal Straßenkindern reserviert war. Die Wende kündigte sich vor 13 Jahren an. Damals ergriff Traian Basescu als Oberbürgermeister von Bukarest erstmals wirkungsvolle Maßnahmen, um die Streuner-Plage einzudämmen. Er ließ die Hunde einfangen und in Zwinger bringen, wo sie sterilisiert wurden. Aggressive, kranke und alte Tiere wurden eingeschläfert. Damals reiste Brigitte Bardot zum ersten Mal nach Rumänien und drückte Basescu einen Kuss auf die Wange, um ihn von seinen Plänen abzubringen. Aber Basescu blieb hart. Binnen weniger Monate sank die Zahl der Straßenhunde auf eine für Tier und Mensch erträgliche Zahl.

          Das Problem ist alt. Als Carol I. (Karl Eitel Friedrich Zephyrinus Ludwig von Hohenzollern-Sigmaringen) 1866 bei seinem ersten Aufenthalt in Bukarest aus dem Fenster blickte, soll er als erstes streunende Hunde gesehen haben. Stets korrelierten Zu- und Abnahmen der Hundepopulation mit der gesellschaftlichen Verfassung. Wurde das Land einigermaßen gut verwaltet und stieg der Wohlstand, gab es weniger Streuner. Versagte die Verwaltung und verarmte die Bevölkerung, landeten auch mehr Hunde auf der Straße. Unter dem kommunistischen Diktator Ceauşescu funktionierte so gut wie nichts mehr, das Volk fror und hungerte. Als er in den Achtzigern einen großen Teil der Altstadt von Bukarest abreißen ließ, um seine megalomanischen Baupläne zu realisieren, gab es bald mehr streunende Hunde als Securitate-Spitzel.

          Nicht mehr erwünscht: Hundeverbot auf einem Spielplatz in Bukarest

          Mit steigendem Wohlstand, der in Rumänien etwa zehn Jahre länger auf sich warten ließ als in anderen postkommunistischen Ländern, hätte auch die Hundeplage zurückgehen müssen. Aber die Behörden sind so ineffizient wie korrupt. Unter Basescu hatte das Tierschutzamt noch 70 Hundefänger in Bukarest eingesetzt, zuletzt waren es nur noch drei. Seit Sorin Oprescu vor fünf Jahren Oberbürgermeister wurde, geschah kaum noch etwas, und die Hundeplage wurde immer schlimmer. Die Bezirksbehörden, die nach dem Gesetz alle Streuner einfangen, beaufsichtigen und unfruchtbar machen müssen, versagten. Die Opposition klagt, dass das Budget, das die Stadt dafür zur Verfügung stellt, nicht ausgeschöpft, dass die Kapazität der städtischen Hundezwinger nicht genutzt werde. Die Bezirksbürgermeister schieben die Schuld dem Oberbürgermeister zu, der wiederum macht sie für die Misere verantwortlich. Angeblich sollen Straßenhunde auch schon eingefangen und in anderen Gemeinden wieder freigelassen worden sein.

          Man schätzt, dass es in Bukarest zurzeit rund 60.000 Straßenhunde gibt, vor zwei Jahren waren es noch 40.000. Nur jeder vierte Hund ist sterilisiert. Eine Hündin wird zweimal im Jahr läufig und setzt pro Wurf im Durchschnitt vier bis sechs Welpen auf die Straße. Oberbürgermeister Oprescu gab an, dass täglich etwa 40 Hunde eingefangen und unfruchtbar gemacht werden. Sterilisierungen, vor allem von Hündinnen, sind teuer. Wenn weiter nichts geschieht, verdoppelt sich die Population in wenigen Jahren.

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