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Straßenfußball in Ruanda : Nur die Mädchentore zählen

  • -Aktualisiert am

In Kigali regnet es jeden Tag. Die Jugendlichen gehen dennoch ihrer großen Leidenschaft nach: Fußball spielen. Bild: Lena Bopp

Ruanda ist ein vom Völkermord geschundenes Land. Straßenfußball in der Hauptstadt Kigali soll den jugendlichen Hutu und Tutsi helfen, Respekt und Toleranz gegenüber den Mitmenschen zu erlernen. Den Mädchen kommt dabei eine besondere Rolle zu.

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          Am Fußballplatz in Kimisagara ist alles anders. Wenn sich am Samstagvormittag die Veteranen, das sind die älteren Jugendlichen aus dem umliegenden Stadtviertel der ruandischen Hauptstadt Kigali, zum Fußballspielen treffen, dann spielen sie auf roter Erde, dribbeln um die Schlaglöcher und schießen mit einem Ball aus Lumpen und Kordeln auf Tore ohne Netze. Manche spielen barfuß, andere tragen Trikots, die man lange nicht gesehen hat: Wacker Burghausen, TV Oberhausen, Ruud van Nistelrooy noch in Oranje. Der Samstag in Kimisagara wirkt wie aus der Zeit gefallen.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Platz ist Dominique Uwimanas kleines Königreich. Dominique ist 31 Jahre alt, er ist in Kimisagara aufgewachsen, wo es so viele Arme und keinen einzigen Reichen gibt. Der Fußballplatz ist das Herz des Viertels, er liegt in einer kleinen Talsenke, umgeben von Hügeln, an denen flache, niedrige Hütten wie Schwalbennester hängen. Die meisten Häuser sind aus Lehm und haben in den Wänden kleine Öffnungen. In manche Löcher sind Fensterscheiben eingelassen. Scheiben sind ein Ausdruck bescheidenen Wohlstands, daher sieht man sie meist nur an jenen Häusern, die weit oben auf den Hügeln stehen, auf den besten Grundstücken. Begehrt sind sie nicht etwa, weil man von dort aus eine gute Aussicht hat, sondern weil sie am weitesten entfernt von dem Bach im Tal liegen, der allen Unrat auffängt, den der Regen von den Hügeln spült. Wenn es regnet - und es regnet wenigstens einmal am Tag -, verwandelt er sich binnen Minuten in einen reißenden Fluss. Auch der Fußballplatz wird dann zu einer kleinen Seenplatte. Die Fußballspieler aber kümmert das nicht.

          Durch Straßenfußball sollen die Jugendlichen soziale Kompetenzen erlernen

          Wo sollten sie auch sonst spielen? Der Fußballplatz und das angeschlossene „Maison des Jeunes“, das Jugendhaus, Ende der Achtziger mit Mitteln der Europäischen Union gebaut, ist der einzige Ort weit und breit, an dem sich die Jugendlichen treffen können. Dominique und sein Bruder Donatien Uwimana, die das „Maison des Jeunes“ leiten, versuchen sich den Reiz des Spiels zunutze zu machen. Nach dem Vorbild des deutschen Projekts „Kickfair“ haben sie einen Straßenfußball entwickelt, der den Kindern außer dem Fußball auch soziale Kompetenzen näherbringen soll. Die Kinder sollen sich selbst und andere motivieren, Regeln einhalten, tolerant sein. Und weil das eben nicht nur in Deutschland, sondern auch in Ruanda und Brasilien und Argentinien mit Hilfe des Straßenfußballs gut funktioniert, haben Organisationen dieser vier Länder beschlossen, über ihre Arbeit einen Film zu drehen. „Together we can“ hat bei der Fußball-Weltmeisterschaft Premiere.

          Spielerisch soziale Kompetenzen erlernen: Jugendliche auf dem Fußballplatz in Ruandas Hauptstadt Kigali.
          Spielerisch soziale Kompetenzen erlernen: Jugendliche auf dem Fußballplatz in Ruandas Hauptstadt Kigali. : Bild: Lena Bopp

          Wobei Sozialarbeit mittels Fußball in Ruanda etwas anderes ist als in Deutschland oder in Südamerika. Das Projekt „Kickfair“, das die heutigen Geschäftsführer Steffi Biester und Jochen Föll im Jahr 2001 in Ostfildern nahe Stuttgart ins Leben riefen, hat sich dem Nachwuchs aus sozial schwachen Familien verschrieben - vor allem Hauptschüler gehören zu ihrer Klientel. Bei Straßenfußballturnieren in Deutschland gelten deswegen besondere Bedingungen: Vor der Partie müssen die beiden Mannschaften drei Regeln festlegen - beispielsweise können sie vereinbaren, sich vor und nach dem Spiel die Hände zu schütteln. Nach den regulären Halbzeiten wird dann in der „Dialogzone“ darüber beraten, wer diese Regeln am besten eingehalten hat. Die jeweilige Mannschaft bekommt dann zusätzliche „Regelpunkte“ gutgeschrieben, die sie zu den erzielten Toren addieren darf. Langfristig geht es darum, den Hauptschülern durch die Vermittlung sozialer Kompetenzen bessere Zukunftsperspektiven zu eröffnen. Das Angebot des Projekts „Kickformore“ ist dabei allerdings immer nur eines von vielen. Schließlich gibt es hierzulande, erst recht in einem Bundesland wie Baden-Württemberg, soziale Einrichtungen zuhauf.

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