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Stilikone Inès de la Fressange : „Plastik ist over“

  • -Aktualisiert am

Sie hat das Gespür für Stil: das französische ehemalige Topmodel und Autorin Inès de la Fressange, die Inkarnation der Parisienne. Bild: Helmut Fricke

Stilikone Inès de la Fressange über ihr Problem mit Clogs, das Ende der High Heels und die sechs Paar Schuhe, die sie selbst im Alltag trägt.

          6 Min.

          Madame de la Fressange. Lassen Sie uns zuerst über Napoleons Schuhe sprechen.

          Napoleons Schuhe? C’est funny! Nach denen wurde ich noch nie gefragt.

          Über den Siegeszug Napoleons durch Europa ist zu lesen, dass ein Teil seines Erfolges auf die bequemen Stiefel seiner Soldaten zurückzuführen sei – ein Vorteil gegenüber den schlechter ausgerüsteten Gegnern.

          Sie haben bestimmt recht. Natürlich waren bequeme Schuhe für die Kriegsführung essentiell. Ganz anders als in der Mode, wo Komfort bislang eine untergeordnete Rolle spielt. Stiefel der Art habe ich tatsächlich einmal im Musée de la chaussure in Südfrankreich gesehen. Schwarze Stiefel, toll geformt. Ich weiß noch, dass ich dachte, die sind eigentlich perfekt.

          Welche Macht haben Schuhe heute?

          Ich bin mit einer Nanny groß geworden, die mir erzählte, dass sie als Kind barfuß zur Schule gehen musste. Die nackten Füße waren für mich ein Symbol dafür, dass ihre Familie sehr arm war. Es ist kein Zufall, dass Menschen, die plötzlich zu Geld gelangen, als Allererstes Schuhe kaufen. Noch vor Autos und Häusern. Viel später folgt dann Kunst. Schuhe können viel über einen Menschen verraten, über seinen sozialen Status oder die Identität.

          Was verraten Ihre Schuhe über Sie?

          Dass ich in der Modebranche arbeite. (Sie zeigt ihre Füße, die in flachen funkelnden Trekkingsandalen stecken.) Meine Sandalen sind mit Strass besetzt – wer sonst würde so etwas tagsüber anziehen? Ich hoffe außerdem, dass sie zeigen, dass ich nicht in der Vergangenheit stehengeblieben bin. Ich trage einen Look aus Blazer, Bluse und eine weite Hose. Früher hätte man dazu klassische Heels à la Saint Laurent kombiniert.

          Heute lassen sich verschiedene Modestile miteinander mixen.

          Mode ist da, um zu stören. Schuhe können in dieser Hinsicht einen ganzen Look verändern. Kombinieren Sie ein feines Musselinkleid zu High Heels, dann wirken Sie mondän. Aber probieren Sie das gleiche Kleid doch mal zu Biker Boots! Es ist wichtig, das Offensichtliche zu vermeiden. Letzten Endes lernt man in der Mode, Kleidung nicht zu respektieren. Das ist natürlich ein Paradox.

          Inès de la Fressange 2001. Da war ihre Tochter noch klein, inzwischen sieht sie ihrer Mutter verblüffend ähnlich.
          Inès de la Fressange 2001. Da war ihre Tochter noch klein, inzwischen sieht sie ihrer Mutter verblüffend ähnlich. : Bild: Helmut Fricke

          Sie sind im vergangenen Jahr sechzig geworden. Gibt es einen Schuh, den man ab einem bestimmten Jahrgang nicht mehr tragen sollte?

          Selbst eine alte Lady wie ich kann immer noch der Frivolität verfallen. Warum auch nicht hin und wieder eine Tasche oder ein hübsches Paar Schuhe kaufen? Man sollte das Interesse an Neuem nicht verlieren. Meistens stellt sich doch eher die Frage, wie man was trägt. Wenn ich meine Strasssandalen zu einem Minirock und einem „Punk is not dead“-T-Shirt kombinieren würde, sähe das jämmerlich aus.

          In den Achtzigern waren Sie das erste Topmodel, das einen Exklusivvertrag unterschrieb – bei Chanel. Einige Jahre lang arbeiteten Sie als Karl Lagerfelds Muse. Es heißt, Sie hätten ihn zum ein oder anderen Look inspiriert.

          Viele Menschen glauben, ich hätte ihn auf neue Ideen gebracht. In Wahrheit war ich diejenige, die aus der Position der ersten Trägerin heraus versucht hat, seine gewaltige Kreativität zu zügeln. Manchmal sagte ich zu ihm: „Hör zu, Karl, das ist genug. Du musst dem Ganzen nicht noch ein Detail hinzufügen.“ Er ist ein unglaublicher Designer. Keiner kennt die Geschichte der Mode und des Kostüms besser als er. Allerdings interessiert er sich meiner Ansicht nach mehr für Kleidung als für Schuhe. Selbst wenn er auf dem Laufsteg verrückte Dinge zeigt, wie transparente Plastikstiefel. Bei mir ist es eben genau andersherum. Ich trage fast jeden Tag eine weiße Jeans und ein dunkelblaues Jackett – gut gemacht, sind das Basics, die immer funktionieren. Mit Schuhen und auch Handtaschen lässt sich Abwechslung in den Look bringen.

          Ihre 18 Jahre alte Tochter Violette d’Urso war auch schon mal Model bei einer Couture-Schau von Chanel. Sie trug damals Turnschuhe auf dem Laufsteg.

          Selbstverständlich von Chanel. Während der Couture-Kollektion für den Herbst 2015 saß sie im für das Défilée aufgebauten Casino zwischen internationalen Stars und trug als Einzige Sneakers. Damals war die Idee von Turnschuhen als Luxusprodukt noch recht jung. Heute sind sie ein fester Teil des Luxusuniversums. Das ist jetzt keine Überraschung mehr.

          Sie gelten als Personifizierung des Pariser Stils. Gibt es denn einen Schuh, den eine Pariserin niemals tragen würde?

          In der Vergangenheit hätte man in Paris niemals diese schrecklichen bunten Plastik-Clogs gesehen. Aber kürzlich hat eine angesagte Marke ihnen einen Absatz verpasst, sie kosten jetzt bestimmt 700 Euro. Plötzlich fühlte ich mich alt, alt, alt. Ich kann das nicht greifen. Störer in die Garderobe einbauen heißt ja nicht, etwas so Hässliches zu entwerfen. Ich glaube, dass in ihnen niemand besser aussehen kann.

          Schnallenpumps von Roger Vivier.
          Schnallenpumps von Roger Vivier. : Bild: Roger Vivier

          Kürzlich sagten Sie in einem Interview, Ihre liebsten Schuhe würden Sie nicht auf Ihrem Instagram-Account zeigen, weil Sie sie dafür als zu schlicht empfinden. Ist so ein bunter Clog eher für die Inszenierung in den sozialen Netzwerken als für den Fuß entworfen worden?

          In Ihrer Frage liegt ja schon die Antwort. Ich bin der Mode gegenüber natürlich sehr aufgeschlossen. Aber es stimmt, dass heute vieles auf den Laufstegen gezeigt wird, das einzig der schnellen Effekthascherei dient. Da geht es bei Roger Vivier zum Glück elegant zu.

          Sie sind die Markenbotschafterin des Unternehmens und Designerin Ihres eigenen Labels. Schauen Sie den Schuhdesignern eigentlich manchmal kritisch über die Schulter?

          Nein – eben weil ich selbst Designerin bin. Ich erinnere mich an einen Urlaub in Südfrankreich, in dem ich die Stoffmuster für die nächste Kollektion auswählen musste. Jeder im Haus hatte seine Meinung. Warum nimmst du nicht dieses Blau? Was willst du mit dem Fummel? Furchtbar. Designer brauchen viel Freiheit. Es ist ganz normal, dass man einige Entwürfe nicht sofort versteht. Wir alle finden manchmal etwas hässlich und zwei Jahre später plötzlich schön. Viele Trends sind einzig eine Frage des Timings.

          Und deshalb sehen wir Sie in zwei Jahren doch mit bunten Plastik-Clogs an den Füßen?

          Ich fürchte, in diesem Fall müssen wir wirklich eine Ausnahme machen (lacht). Und wissen Sie, Plastik ist over. So viel Plastik überall! Die Mode ist ein schlechtes Vorbild, wenn es um die Umwelt geht. Sie sollte als gutes Beispiel vorangehen.

          Noch einen Schuh sieht man übrigens nicht an Ihnen: High Heels.

          Ab einem gewissen Alter wirken sie so ladylike, ein bisschen verklemmt. Ich denke, der Trend zu ultrahohen Stilettos ist ohnehin am Abflachen.

          Meinen Sie, das hat damit zu tun, dass Frauen ihre Garderobe heute vornehmlich von ihrem eigenen, selbstverdienten Geld kaufen?

          Erstens haben Frauen endlich verstanden, dass sie keine High Heels brauchen, um sexy oder trendy zu sein. Zweitens haben sie einfach keine Lust mehr, zu leiden. Und die Haltung ist so wichtig! Eine Frau auf Heels mit elegantem Gang, einem hübschen Kleid und Wind in den Haaren – wunderschön. Aber wehe, wenn sie nicht laufen kann! Es gibt immer noch fabelhafte Stilettos, aber auch ein flacher oder niedrigerer Absatz kann eben toll aussehen.

           Inès de la Fressange in 2011.
          Inès de la Fressange in 2011. : Bild: Helmut Fricke

          Haben Männer ein besonderes Interesse an hohen Schuhen?

          Nicht notwendigerweise. Fragen Sie einen Mann, wann er seine Frau am meisten liebt, und er wird sicherlich nicht antworten: „Wenn sie zehn Zentimeter größer ist!“ Er wird sagen: wenn sie lacht, wenn sie hungrig ist, wenn sie sich durchs Haar fährt.

          Langfristig verschwinden High Heels also in der Fetischkiste?

          Vielleicht. Das Spannende an der Mode ist ja, dass man das vorher nie weiß. Zu Zeiten von André Courrèges glaubte auch jeder, dass wir im Jahr 2000 nur noch mit Kosmonautenanzügen herumlaufen. Wer hätte gedacht, dass wir zu Naturfasern zurückkehren!

          In dem Roman „Le Pied de Fan chette“ beschreibt der französische Autor Nicolas Edme Restif de la Bretonne schon 1769 seine erotische Liebe zu Frauenschuhen – lange vor Sigmund Freuds psychoanalytischen Phantasien. Ist ein inniges Verhältnis zu Schuhen etwas Urfranzösisches?

          Ach, ich glaube das nicht. Die Leidenschaft für Schuhe ist ein globales Phänomen. Ich persönlich bin immer wieder begeistert von der handwerklichen Meisterleistung, zu der manche Schuhdesigner in der Lage sind. Ich liebe es, ständig neue Schuhe zu entdecken.

          Aber ist konkret der weibliche Schuhtick nicht doch eine geniale Erfindung von Marketingspezialisten?

          Wir haben eine Stammkundin, die extra aus Brasilien anreist, um ihre Schuhe in Paris zu kaufen. Selbst wenn sie schon 35 Paare gekauft hat, verlangt sie nach mehr. Sie sagt: „Ich bin alt, ich bin dick. Kleider passen mir nicht. Ich möchte alle diese Schuhe einfach zu Hause wissen.“

          Haben Sie jemals Schuhe gekauft, die Ihnen zu klein waren, aber Sie wollten sie unbedingt? Und haben Sie Schuhe im Schrank, die Sie noch nie getragen haben, aber für zu große Meisterwerke halten, um sie wegzugeben?

          Beides muss ich mit Ja beantworten. Sehen Sie. Und fragen Sie das mal Männer, die verstehen das nicht! Machen Sie sich nichts draus, das ist okay.

          Wie viele Paar Schuhe besitzen Sie eigentlich? Und wie viele davon tragen Sie regelmäßig?

          Das sollten an die einhundert Paar sein. Davon trage ich gerade einmal sechs im Alltag. Darunter ein paar klassische schwarze Schnürschuhe, kurze schwarze Stiefel und meine geliebten Converse, die ich seit meiner Jugend immer wieder kaufe. Ein Paar elegante Loafer. Und dezente Ledersandalen. In Saint-Tropez gehe ich immer in ein Geschäft namens Rondini. Die machen seit über neunzig Jahren die gleichen Sandalen. Espadrilles gibt es auch bei meiner eigenen Marke, sie sind im Sommer wunderbar – und günstig. Elegante Schuhe müssen niemals teuer sein.

          Sind das auch die Schuhe, die jeder im Schrank haben sollte?

          Seien wir ehrlich zu Ihren Leserinnen: Keiner muss hier irgendwas! Aber es ist doch magisch, dass Roger Viviers ikonische Schnallenpumps – der Belle Vivier – bis heute an Aktualität nicht verloren haben. Marlene Dietrich und Grace Kelly haben sie getragen. Und heute tragen sie die It-Girls in New York. Abgesehen davon, geht bei mir wirklich nichts ohne meine flachen schwarzen Stiefel. Sie passen sowohl zu Jeans als auch zu kultivierten Hosen. Aber sie sehen natürlich etwas zeitgemäßer aus als die von Napoleon.

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