https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/stilikone-ines-de-la-fressange-im-interview-15655681.html

Stilikone Inès de la Fressange : „Plastik ist over“

  • -Aktualisiert am

Nicht notwendigerweise. Fragen Sie einen Mann, wann er seine Frau am meisten liebt, und er wird sicherlich nicht antworten: „Wenn sie zehn Zentimeter größer ist!“ Er wird sagen: wenn sie lacht, wenn sie hungrig ist, wenn sie sich durchs Haar fährt.

Langfristig verschwinden High Heels also in der Fetischkiste?

Vielleicht. Das Spannende an der Mode ist ja, dass man das vorher nie weiß. Zu Zeiten von André Courrèges glaubte auch jeder, dass wir im Jahr 2000 nur noch mit Kosmonautenanzügen herumlaufen. Wer hätte gedacht, dass wir zu Naturfasern zurückkehren!

In dem Roman „Le Pied de Fan chette“ beschreibt der französische Autor Nicolas Edme Restif de la Bretonne schon 1769 seine erotische Liebe zu Frauenschuhen – lange vor Sigmund Freuds psychoanalytischen Phantasien. Ist ein inniges Verhältnis zu Schuhen etwas Urfranzösisches?

Ach, ich glaube das nicht. Die Leidenschaft für Schuhe ist ein globales Phänomen. Ich persönlich bin immer wieder begeistert von der handwerklichen Meisterleistung, zu der manche Schuhdesigner in der Lage sind. Ich liebe es, ständig neue Schuhe zu entdecken.

Aber ist konkret der weibliche Schuhtick nicht doch eine geniale Erfindung von Marketingspezialisten?

Wir haben eine Stammkundin, die extra aus Brasilien anreist, um ihre Schuhe in Paris zu kaufen. Selbst wenn sie schon 35 Paare gekauft hat, verlangt sie nach mehr. Sie sagt: „Ich bin alt, ich bin dick. Kleider passen mir nicht. Ich möchte alle diese Schuhe einfach zu Hause wissen.“

Haben Sie jemals Schuhe gekauft, die Ihnen zu klein waren, aber Sie wollten sie unbedingt? Und haben Sie Schuhe im Schrank, die Sie noch nie getragen haben, aber für zu große Meisterwerke halten, um sie wegzugeben?

Beides muss ich mit Ja beantworten. Sehen Sie. Und fragen Sie das mal Männer, die verstehen das nicht! Machen Sie sich nichts draus, das ist okay.

Wie viele Paar Schuhe besitzen Sie eigentlich? Und wie viele davon tragen Sie regelmäßig?

Das sollten an die einhundert Paar sein. Davon trage ich gerade einmal sechs im Alltag. Darunter ein paar klassische schwarze Schnürschuhe, kurze schwarze Stiefel und meine geliebten Converse, die ich seit meiner Jugend immer wieder kaufe. Ein Paar elegante Loafer. Und dezente Ledersandalen. In Saint-Tropez gehe ich immer in ein Geschäft namens Rondini. Die machen seit über neunzig Jahren die gleichen Sandalen. Espadrilles gibt es auch bei meiner eigenen Marke, sie sind im Sommer wunderbar – und günstig. Elegante Schuhe müssen niemals teuer sein.

Sind das auch die Schuhe, die jeder im Schrank haben sollte?

Seien wir ehrlich zu Ihren Leserinnen: Keiner muss hier irgendwas! Aber es ist doch magisch, dass Roger Viviers ikonische Schnallenpumps – der Belle Vivier – bis heute an Aktualität nicht verloren haben. Marlene Dietrich und Grace Kelly haben sie getragen. Und heute tragen sie die It-Girls in New York. Abgesehen davon, geht bei mir wirklich nichts ohne meine flachen schwarzen Stiefel. Sie passen sowohl zu Jeans als auch zu kultivierten Hosen. Aber sie sehen natürlich etwas zeitgemäßer aus als die von Napoleon.

Weitere Themen

Bon retour, Haute Couture!

Pariser Modewoche : Bon retour, Haute Couture!

Nach zwei Jahren kehrt die Haute Couture auf die Laufstege zurück. Die Designer wissen ihre alten Bühnen zu nutzen und setzen wieder auf Kollaborationen – sowie auf eine düstere Ästhetik.

Topmeldungen