https://www.faz.net/-gum-wj82

Sternsinger-Aktion : Codewort 20 C+M+B 08

Kostümierte Sternsinger gehören in diesen Tagen zum Straßenbild Bild: ddp

Die Sternsinger-Aktion ist ein alter Brauch, sollte man meinen. Doch ganz so einfach ist es nicht. Im FAZ.NET-Spezial erinnern sich zudem ein Bischof, ein Schauspieler und ein Fußballprofi an ihre Zeit als Sternsinger.

          Schon viele Könige und Kaiser hat der imposante Dom zu Speyer im Lauf der Jahrhunderte kommen und gehen sehen. Aber so viele gekrönte Häupter wie in dieser Woche waren es noch nie - und noch nie so viele junge. Dabei ist das bunte Volk, das sich am Mittwoch vor dem romanischen Westportal der Kathedrale versammelt, nicht auf vorzeitigen Karneval gestimmt. Auch die Lieder, mit denen die meist in wallende Umhänge gehüllte Schar gegen die schneidende Kälte ansingt, entstammen trotz der Samba-Rhythmen nicht dem Repertoire rheinischen Frohsinns. „Oh, When The Saints Go Marching In“, singen Hunderte Kronen- und Turbanträger, und manch ein mannshoher Stern bewegt sich im Takt der Musik.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Nicht nur in Speyer, überall in Deutschland gehören bunt kostümierte Sternsinger in dieser Woche zum Straßenbild. Zwischen Neujahr und dem 6. Januar, dem kirchlichen Hochfest „Erscheinung des Herrn“, ziehen sie bei Wind und Wetter von Haus zu Haus. Sie singen vor Tannenbäumen und Krippen, verbreiten Weihrauchduft in Geschäften, Altenheimen oder Krankenhäusern, posieren mit Politikern und Bischöfen.

          Fußballer Miroslav Klose: „Nie der 'Mohrenkönig'“
          Bischof Franz-Josef Bode: „Weihrauch mit Stallgeruch“
          Schauspieler Andreas Pietschmann: „Messdiener in Snowboots“

          Sternsinger am Start - Warten auf den Einsatz (hier in Regensburg)

          Ehe sie weiterziehen, hinterlassen sie meist auf dem Türsturz einen Schriftzug: „20 C+M+B 08“. Die Zahlen stehen für das neue Jahr, die Buchstaben freilich nicht für Caspar, Melchior und Balthasar, wie die „Heiligen Drei Könige“ der Legende nach hießen, die nach der biblischen Überlieferung einem Stern folgten und denen sich Gott als Menschenkind in Bethlehem offenbarte. Nein, CMB, das müssen schon die jüngsten Sternsinger wissen, ist die Abkürzung für den Wunsch, der Segen Gottes möge auf diesem Haus ruhen: Christus mansionem benedicat.

          Die Zeit des katholischen Aufbruchs

          Ein rührender und vor allem ein alter Brauch, sollte man meinen, ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit, in der die Welt noch in Ordnung war und die Menschen noch glaubten. Doch das ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Alter Brauch ist das Sternsingen nur in Süddeutschland und den Alpen, hier und da auch in Westfalen, kaum aber im Rheinland. Dort aber, in Aachen, begann vor rund 160 Jahren jene Sternsinger-Bewegung, die mittlerweile nicht nur ganz Deutschland erfasst hat, sondern auf der ganzen Welt Kreise zieht.

          Es war die Zeit des katholischen Aufbruchs aus den Trümmern der alten Welt, die in den Napoleonischen Kriegen untergegangen war. Dank neuer bürgerlicher Freiheiten schlossen sich Katholiken zu Verbänden und Vereinen zusammen, um einander beizustehen. Dazu kamen zahllose neue Ordensgemeinschaften, die sich angesichts der Not der Bevölkerung der Pflege der Alten und Kranken widmeten oder Mädchen zu einer Ausbildung verhalfen.

          Spendendosen in den Kirchen

          Doch nicht nur der Sozialkatholizismus erlebte in denselben Jahren, in denen Karl Marx das „Kommunistische Manifest“ verfasste, seine erste Blüte. Auch der Gedanke, den katholischen Glauben in Weltgegenden zu verbreiten, in denen er noch keine Wurzeln geschlagen hatte, lag Mitte des 19. Jahrhunderts, zur Hochblüte des europäischen Kolonialismus, in der Luft. So entstand in Aachen kurz nach dem Hilfswerk Missio, das im vergangenen Jahr auf seine Gründung vor 175 Jahren zurückblicken konnte, nach französischem Vorbild ein zweites Missionswerk, das sich speziell an Kinder richtete: Geld, das Kinder in Deutschland dem 1846 gegründeten „Werk der heiligen Kindheit in Deutschland“ gaben, wurde nach Afrika, Asien und Lateinamerika weitergegeben, um damit Missionsschulen, Waisenhäuser oder Krankenstationen zu bauen.

          Gespendet werden konnte indes nicht nur zur Weihnachtszeit, wenn die Kinder angehalten wurden, auch selbst zu schenken. Das ganze Jahr über standen in den Kirchen Spendendosen bereit. Die Figur eines Schwarzen bedankte sich nickend für den Einwurf einer Geldmünze: der „Nickneger“.

          95.000 Mark bei der ersten Aktion

          Die Geschichte des „Werks der heiligen Kindheit“ liegt im Dunkeln. Sicher ist indes, dass vor genau fünfzig Jahren ein neues Kapitel in der Geschichte dieses Werkes aufgeschlagen wurde. 1958 regte der Spiritanerpater Koppelberg als Vorsitzender des mittlerweile so genannten Päpstlichen Kindermissionswerks „Die Sternsinger“ an, das regionale Brauchtum des Sternsingens mit der Hilfe für Kinder in aller Welt zu verbinden: die „Aktion Dreikönigssingen“ war geboren.

          Weitere Themen

          Die Anführerin der Klimabewegung Video-Seite öffnen

          Greta Thunberg : Die Anführerin der Klimabewegung

          Von einigen wird sie als „Klima-Göre“ verspottet, für andere ist sie die Gallionsfigur der neuen weltweiten Klimabewegung: die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg polarisiert. Was treibt die Jugendliche an?

          Was in der langen Nacht geschah

          FAZ Plus Artikel: Kompromiss und Proteste : Was in der langen Nacht geschah

          Erst war das Klimaschutzgesetz fast am Ende, dann kam der Protest – und dann stritt das Kabinett eine Nacht lang. Jetzt sonnt sich die Politik im Glanz der Einigung. Währenddessen dröhnt der Protest Hunderttausender.

          Topmeldungen

          Klimastreik in Berlin : Rackete for Future

          Beim großen Klimastreik in Berlin überlassen die Aktivisten von „Fridays for Future“ anderen die Bühne. Es sollte der Auftakt sein für ein breites gesellschaftliches Bündnis. Doch noch prallen Welten aufeinander.
          Ihnen reicht der Kompromiss nicht: Wie in Berlin demonstrierten Hunderttausende

          Kompromiss und Proteste : Was in der langen Nacht geschah

          Erst war das Klimaschutzgesetz fast am Ende, dann kam der Protest – und dann stritt das Kabinett eine Nacht lang. Jetzt sonnt sich die Politik im Glanz der Einigung. Währenddessen dröhnt der Protest Hunderttausender.
          Der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses, Adam Schiff von der Demokratischen Partei, am Donnerstag im Kongress

          Whistleblower belastet Trump : Die Spur führt nach Kiew

          Ein Mitarbeiter des Geheimdienstes macht Donald Trump schwere Vorwürfe. Dessen Regierung versuchte, die Informationen des Whistleblowers zu unterdrücken.
          Bittet zum Rapport: Gauland bei einem Wahlkampftermin in Thüringen

          Streit in der AfD : Zum Vorsprechen bei Gauland

          Die AfD-Führung zitierte am Freitag einige Unruhestifter zum Rapport – einer kam gar nicht erst, sondern schimpfte auf Facebook. Andere verkündeten den Frieden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.