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Sterilisierte Frauen in Indien : Rattengift im Antibiotikum

  • -Aktualisiert am

Sie hat überlebt: Eine der Frauen, die sich in einem „sterilisation camp“ die Eileiter durchtrennen ließ, wird noch im Krankenhaus von Bilaspur behandelt. Bild: Reuters

83 Frauen wollten sich von Doktor Gupta sterilisieren lassen, jetzt sind 14 von ihnen tot, und viele andere kämpfen um ihr Leben. Die jüngsten Todesfälle offenbaren ein verfehltes System der Geburtenkontrolle in Indien.

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          R. K. Gupta ist ein erfahrener Arzt. Mehr als 50.000 Frauen hat er in seiner Laufbahn schon sterilisiert. Im Januar erhielt er sogar von der Regierung des Bundesstaates Chhattisgarh eine Auszeichnung. Für einen Eingriff benötige er nur zwei bis fünf Minuten, und für bis zu zehn Operationen benutze er dasselbe Skalpell, erzählte Gupta stolz. Von Komplikationen keine Rede. Seit vergangener Woche ist das anders: R. K. Gupta ist in Polizeigewahrsam - Verdacht auf Totschlag.

          83 Frauen waren zu Doktor Gupta in ein offizielles Sterilisationscamp in dem indischen Bundesstaat gekommen. Eigentlich untersagen es die staatlichen Vorschriften einem Arzt, mehr als 30 Sterilisationen pro Tag vorzunehmen. Doch Gupta entschied sich anders. „Wenn derart viele Frauen zu einer Behandlung vorgelassen werden, ist es meine moralische Verantwortung, alle Frauen auch zu behandeln.“ Innerhalb von fünf Stunden hatte er sämtlichen Frauen die Eileiter durchtrennt, pro Eingriff benötigte er rund drei Minuten.

          Verunreinigte Medikamente und Operationen im Minutentakt

          Doch nach der Operation klagten die Frauen über Übelkeit, sie mussten sich immer wieder übergeben, hatten Bauchschmerzen und hohes Fieber. 14 Patientinnen sind mittlerweile tot, Dutzende werden in Krankenhäusern behandelt, einige befinden sich in kritischem Zustand. Gupta selbst ist sich keiner Schuld bewusst. „Ich habe nichts falsch gemacht“, sagte er auf der Polizeistation in Bilaspur. „Ich werde zum Sündenbock gemacht.“

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          Inzwischen besteht der Verdacht, dass verunreinigte Medikamente den Tod der Frauen verursacht haben könnten. Die in Chhattisgarh verwendeten Antibiotika und Schmerzmittel wurden analysiert. Das erschreckende Ergebnis des vorläufigen Tests: In den Tabletten wurde Zinkphosphid gefunden - ein Stoff, der normalerweise als Rattengift eingesetzt wird. Der Besitzer der Arzneimittelfabrik Mahawar und sein Sohn wurden am Wochenende festgenommen. Schon 2012 war die Arzneimittelfabrik in die Schlagzeilen geraten, als minderwertige Substanzen in Medikamenten verarbeitet wurden. Drei Monate lang musste die Firma ihre Produktion einstellen, seine Lizenz durfte das Unternehmen jedoch behalten.

          „Das Schlimmste an den Meldungen aus Chhattisgarh ist, dass es sich hierbei um keinen Einzelfall handelt“, sagt Kerry McBroom. Sie ist Leiterin der „Reproductive Rights Initiative“ in Delhi und kümmert sich mit ihren Mitarbeitern seit Jahren um die Rechte indischer Frauen. „Es ist leider in Indien die Regel, dass Frauen Eingriffe unter solch schlechten Bedingungen ertragen müssen.“ Operationen im Minutentakt, minderwertige Medikamente, schlechte Hygiene sind nur einige Kritikpunkte. Die Klinik in Chhattisgarh, so beklagen Angehörige, sei seit Jahren im Rohbau, es gebe dort kaum technische Hilfsmittel, und auf den Tabletten habe kein Verfallsdatum gestanden.

          Versuch der Geburtenkontrolle

          „Wenn man sich an die Vorschriften hält, ist die Sterilisierung eine sehr sichere Methode der Empfängnisverhütung und Bevölkerungskontrolle“, sagt Alok Banerjee von der Organisation „Advocating Reproductive Choices“, einem Zusammenschluss von 36 Gesundheitsorganisationen, die sich für die Verbreitung sicherer Verhütungsmethoden einsetzen.

          Camps wie in Chhattisgarh sind in Indien Bestandteil eines staatlichen Programms: Durch das kostenlose Angebot sollen Paare zur Empfängnisverhütung bewegt werden. Die Behörden versuchen so, das rasante Bevölkerungswachstum zu kontrollieren. Zur Zeit leben in Indien rund 1,2 Milliarden Menschen. Das Land könnte aber schon im Jahr 2030 China als bevölkerungsreichstes Land der Welt ablösen. Denn anders als dort gibt es in Indien keine Gesetze, die Familien vorschreiben, wie viele Kinder sie bekommen dürfen.

          Obwohl eine Vasektomie bei Männern weitaus unkomplizierter ist (und zudem wieder rückgängig gemacht werden kann), werden in Indien vor allem Frauen sterilisiert. Laut dem Familiengesundheitsbericht von 2006 wurden 37 Prozent der verheirateten Frauen sterilisiert, die Vasektomie-Quote bei Männern liegt hingegen bei einem Prozent.

          Prämien für Sterilisation

          Offiziell lassen sich die Frauen freiwillig sterilisieren. Nachrichtenagenturen berichten, dass die Frauen in Chhattisgarh für den Eingriff jeweils eine Entschädigung erhalten - die Angaben schwanken zwischen 600 Rupien (knapp acht Euro) und 1400 Rupien (nicht einmal 20 Euro).

          Die Vermittler, die Frauen in die Camps bringen, werden angeblich mit umgerechnet einigen Euro belohnt. Und auch die Ärzte erhalten normalerweise eine Prämie pro Eingriff. Menschenrechtsorganisationen beklagen immer wieder, dass Frauen zu den Sterilisierungen genötigt werden, da einzelne Bundesstaaten den örtlichen Behörden und Ärzten inoffiziell Quoten vorgeben, die diese einzuhalten hätten.

          Die Obduktion der Leichen hat keine Hinweise auf Operationsfehler geliefert. Trotzdem bleibt R. K. Gupta wegen seiner übereifrigen Schnelligkeit beim Operieren weiter in Haft. Der Arzt macht aber die Medikamente für den Tod der Frauen verantwortlich. Nun muss untersucht werden, warum Tabletten einer privaten Firma verwendet wurden - und nicht die Medikamente aus staatlichem Bestand.

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