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Sterbende Innenstädte : Alice shoppt hier nicht mehr

„Ich bin mit meiner Kundschaft alt geworden“: Milan Quass in seinem ehemaligen Radio- und Fernsehgeschäft in Stuttgart-Plieningen. Bild: Müller, Verena

Das Einkaufen im Internet boomt. Wir wollen alles sofort und möglichst billig. Doch das hat Folgen für Deutschlands Innenstädte - und die Händler dort. Zwei Ortstermine in Sachsen und Baden-Württemberg.

          Auf den ersten Blick scheint alles in Ordnung zu sein in Zittau. Das Zentrum rund um den Marktplatz ist belebt, viele Läden haben Regale und Werbung auf die Gehwege gestellt, Luftballons und Fähnchen flattern im Wind. Inhabergeführte Geschäfte bieten Uhren, Spielwaren, Blumen, Bücher, Mode und Schuhe an. Mehr ältere als junge Leute sind an diesem Vormittag auf den Beinen in der 24 000-Einwohner-Hochschulstadt im Osten der Republik. Draußen auf der grünen Wiese haben sich nur ein Super- und ein Baumarkt angesiedelt, bis in die nächste Großstadt sind es anderthalb Stunden mit dem Auto. Wer einkaufen will, kommt eigentlich um die Mitte nicht herum. Alles paletti also?

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          “Hier verdient kaum jemand noch was“, sagt Thomas Wagner. Wagner, 45, schwarzes Hemd, schwarze Jeans und Turnschuhe, ist Inhaber eines Sporthauses am Rathausplatz. Ein Schuhkarussell mit Sonderangeboten steht vor der Tür, aber an diesem Vormittag zieht es kaum Kunden in den Laden. „Laufkundschaft wie früher, die hier lang bummelte und spontan kaufte, gibt’s nicht mehr“, sagt er. Früher, in den Neunzigern, gab es vier Sportgeschäfte in der Stadt; heute sind es noch zwei, und die kämpfen ums Überleben.

          “Es ist ein schleichender Abbau“, sagt Wagner. Er bemerkt ihn seit Mitte des letzten Jahrzehnts; Marken-Mode, T-Shirts, Jacken, Hosen, die einst reißend Absatz fanden, hat er inzwischen aus dem Angebot gestrichen. Jetzt stehen zwei Schuh-Wände links und rechts der Ladentür. „Die sind der Hauptbringer.“ Schuhe wollen die meisten eben doch noch anprobieren. „Ich nehme dem Kunden die Restangst“, sagt Wagner. Anprobe, Beratung, Umtausch, die Stärken des Einzelhandels.

          Ein leerstehendes Geschäftsgebäude in Plieningen.

          Doch seit Online-Händler kostenlose Rücksendungen anbieten, schwinden auch diese Vorteile rasant. Schon seit einiger Zeit verabschieden sich immer mehr Läden für immer, überlassen ihre Verkaufsräume Ramschanbietern oder bleiben ganz leer. Vor allem in Mittel- und Kleinstädten drohen die Zentren zu veröden.

          Auch wenn daran nicht das Internet allein Schuld trägt, auch wenn sinkende Kaufkraft, fehlende Nachfolger, unattraktive Läden ihren Teil beitragen: Der Online-Handel sei das größte Problem, weit vor Energiepreisen und Euro-Krise, sagten Einzelhändler jüngst in einer Verbandsumfrage. Längst trifft es nicht mehr nur Buchläden, vor allem Kleidung und Elektronik kommen immer öfter per Paket nach Hause. Die Fachzeitschrift „Der Handel“ zitierte jüngst den Chef eines „expansiven Ladenkonzepts“, der gestand, er wolle in Städten mit bis zu 50 000 Einwohnern kein Geschäft mehr eröffnen und lieber in den Onlineshop investieren.

          “Es gibt immer öfter Leute, die sich ausführlich beraten lassen, anprobieren, aber nichts kaufen“, erzählt Sporthaus-Besitzer Wagner. Online-Besteller, vermutet er. In Berlin sollen deshalb schon erste Ladeninhaber Eintritt planen, den sie beim Kauf verrechnen wollen. Wagner versucht es mit Beratungsterminen, wenn er echtes Interesse bemerkt: „Wer online kaufen will, lässt sich darauf nicht ein.“ Auch Fitnessgeräte und Hometrainer hat er aus dem Programm genommen, weil viele Hersteller heute direkt übers Internet verkaufen. „So billig kann ich nie sein“, sagt Wagner. Dabei bietet er auch kostenlose Lieferung an.

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