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Krise der Männlichkeit : Kein Mann ist ein Mann

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Männlicher Akt von Philipp Otto Runge Bild: Lempertz Auktionen

Der Mann steckt in der Krise. Was ist wirklich dran an der Behauptung? Unsere Autorin hat sich auf den Weg gemacht und ist der Frage auf den Grund gegangen.

          11 Min.

          Angefangen hat alles mit Tony. Als ich ihn kennenlernte, verstand ich endlich, wovon alle redeten. Tony war ein Musterknabe von einem Krisenmann. Ich werde später noch von ihm erzählen, denn es liegt immerhin auch an ihm, dass ich jetzt im Zug sitze und eine Reise damit verbringe, der Männlichkeit nachzuspüren. Ich will herausfinden, ob sie wirklich immer noch in der mysteriösen Krise steckt, von der seit zehn, fünfzehn, ach, seit tausend Jahren die Rede ist. Meistens wird sie als Verunsicherung beschrieben, weil der Mann statt einer übersichtlichen Aufgabe jetzt ganz viele Rollen erfüllen soll: Manager, Abenteurer, Elternzeitnehmer, Frühstück-ans-Bett-Bringer, Marathonläufer, Zuhörer, Grillmeister, Vollzeitpapa, Biomarktshopper, Kaffeetante, Liebhaber. Und wenn es heißt, „der Mann“, klar, dann sind immer alle auf einmal gemeint.

          Der Krise kann man nicht entrinnen. Man muss nur die Zeitung aufschlagen, den Fernseher anschalten oder in einen Buchladen gehen, die Krisenmänner sind immer schon da. Doch obwohl sich Journalisten und Autoren und Psychologen und Wissenschaftler an ihnen abarbeiten, geht die Krise weiter. Sie scheint sogar ansteckend zu sein, sonst müssten ja nicht ständig mehr Theorien aufgestellt, immer neue Experten interviewt und immer dickere Bücher geschrieben werden.

          Die Sache mit der Krisentheorie hat einen Haken: die Praxis. Vielleicht lebe ich in einem blinden Fleck der Gesellschaft, aber ich habe bisher keinen einzigen Mann mit Identitätsverlust gefunden. Also keinen außer Tony. Und, aber das ist eine kühne Vermutung, diesen amerikanischen Zahnarzt, der extra nach Simbabwe flog, um den Löwen Cecil zu erlegen. Natürlich kenne ich Männer mit Problemen. Es kriselt in ihrer Beziehung, im Job, in der Familie oder gesundheitlich. Aber die Krise, in der ein ganzes Geschlecht steckt, ist mir bisher verborgen geblieben. Vielleicht, weil die Männer ihren Schmerz vor mir verbergen, ich bin ja eine Frau, und sie wollen stark sein. Möglich, dass sie ihr Problem nicht wahrhaben wollen. Oder - und ich finde, auch das wäre einen Gedanken wert - vielleicht ist es ja auch einfach mal wieder gut mit dem Krisenthema.

          Warum also nicht losziehen und nach der Krise suchen? Wenn das Problem mit den Männern ein Ende fände, käme mir das ganz recht. Sie werden das verstehen, ich bin Anfang dreißig und interessiert an einem krisenfreien Mann.

          Statistisch gesehen sind Männer schon lange Sorgenkinder

          Der erste Krisenherd, den ich besuche, ist Wolfsburg. Dabei geht es der Stadt gut; die Kassen sind voll, fast jeder zweite arbeitet für VW, das Pro-Kopf-Einkommen ist hoch. Aber das Krisenbarometer schlägt nach oben aus. Haben die Krise und der Skandal die Männer erschüttert? Jedenfalls fand es die Stadt an der Zeit, mehr für sie zu tun. Statistisch gesehen sind Männer ja schon lange Sorgenkinder. Ihre Leistungen an Schulen und Universitäten stagnieren, sie werden öfter krank, leben kürzer, und die Selbstmordrate ist mehr als dreimal so hoch wie die der Frauen. Im vergangenen Jahr hat die Wolfsburger Kontaktstelle für Selbsthilfe, eine junge Beratungseinrichtung, einen neuen Bereich eröffnet. Seitdem gibt es hier eine Männerberatungsstelle.

          Dass die Kerle ihm nicht die Tür einrennen würden, hatte Axel Pieper schon erwartet: „Männer sind scheue Wesen, wenn es um Unterstützung geht.“ Der Leiter des Zentrums, er trägt Bart und Polohemd, lacht viel. Erst war er Elektroniker, dann wurde er Therapeut. „Vor zehn Jahren wäre aktive Männerhilfe noch undenkbar gewesen“, sagt Pieper und schenkt Kaffee ein. „Jetzt sind wir im Zeitalter angelangt, in dem Männer emotionale Intelligenz lernen.“ Bevor die Männerberatung öffnete, hatte das Zentrum fast nur Frauen gesehen. Seit der Neuerung ist der Männeranteil auf mehr als ein Drittel gestiegen. „Allmählich kommt bei ihnen an, dass sie auch eine sensible Seite haben dürfen.“

          Männer, die die Vorstellung von Männlichkeit beeinflussten: David Beckham, James Gandolfini als Tony Soprano, Leonardo DiCaprio

          Pieper und sein Team hatten schon Erfahrungen mit dem Thema. Seit vier Jahren trifft sich in der Kontaktstelle eine Männergesprächsgruppe, gegründet hat sie ein Manager. Alle 14 Tage sitzen die Ehemänner und Singles und Väter locker zusammen und besprechen, was ihre Welt bewegt: Identitätszweifel im unübersichtlichen Rollengefüge, Einsamkeit, Leistungsdruck, Probleme mit Frauen, mit dem Sex, mit dem Job, mit den Kindern. Unwillkürlich denke ich an den Film „Männerhort“. Darin richten sich die Krisenmänner einen Zufluchtsraum ein, wo sie noch Männer sein können, wo sie also schweigen bei Rum und Zigarren. In Wolfsburg reden sie und sitzen ordentlich im Stuhlkreis.

          Aber taugt die Gruppe zum Krisenbeweis? „Im Gegenteil“, sagt Pieper. „Dass Männer in die Beratung kommen, ist bahnbrechend.“ Denn früher haben viele Männer ihre Ängste mit Sucht betäubt, das tun sie inzwischen weniger. „Heute gibt es mehr Fälle von Überlastung und Depressionen.“ Und das ist gut? „Ja, weil Männer an die Lösung des Kernproblems gehen und merken, dass das kein Widerspruch zur Männlichkeit ist.“ Männer sind ja nicht weniger sensibel als Frauen, auch wenn sie ihre Schwäche nicht zeigen. „Zum Glück sind die Zeiten des Mackerverhaltens vorbei“, sagt Pieper. „Langsam erkennen Männer, dass sie auch eine weibliche Seite haben.“ Nächstes Jahr wird er der Stadt empfehlen, das Angebot der Männerberatungsstelle auszubauen.

          Ein Mafiaboss in Therapie. Ein Mafiaboss!

          Die Suche geht weiter. Während der Zug ostwärts rauscht, wandern meine Gedanken zu Tony. Es geht natürlich um Tony Soprano. Der Serienheld ist der erste Mafiaboss, den der Geschlechterwandel so mürbe gemacht hat, dass er Panikattacken bekommt und eine Psychoanalyse beginnt. Ein Mafiaboss! Man stelle sich nur Marlon Brando als „Pate“ in der Therapie vor: „Signore Corleone, wenn ich Ihnen sage, dass Depression nach innen gerichtete Wut ist, wie fühlt sich das an?“ Die Mafiaklassiker spielen in einer vergangenen Ära, doch Tony erlebte seine eigene Great Depression zu Beginn des neuen Jahrtausends. Besser als mit den „Sopranos“ hätte man die schon damals diskutierte Frage, ob die Mittelschichtsmänner die Verlierer der westlichen Industriegesellschaften seien, nicht greifbar machen können. Sogar ein Typ wie Tony verlor die Nerven, so verzwickt war es. Seine Alphamann-Attitüde zog einfach nicht, weder im Job noch zu Hause. Der Mafia-Nachwuchs war faul und verweichlicht, Old-School-Gangster brachen ihren Eid, und die Frauen tanzten ihm auf der Nase herum. Sogar sein Therapeut war eine Frau. Tony hatte es mir sofort angetan.

          Als ich in Berlin aussteige, hat mein Reisegepäck ein bisschen zugelegt - es gehören jetzt auch eine Plastikspritze und ein Kondom mit Granatapfelgeschmack dazu. Eine charmante Krankenschwester mit haarigen Beinen und Minirock hat mir die Sachen geschenkt. Sogar in High Heels hatte sie sich gequetscht. Auf die T-Shirts der Junggesellengruppe war der Spruch gedruckt: „Hennings große Freiheit - Time to say Goodbye“. Das „t“ von „Freiheit“ hing etwas schief, weil eine fette Kette mit Eisenkugel daran zerrte wie am Fuß eines Häftlings. Es roch streng nach Krise und Pflaumenschnaps.

          Während ich beim Mittagessen über einem Falafelteller sinniere, beäugt mich der Kellner. Wir kommen ins Plaudern. Erst denke ich, er gräbt mich an, dann zeigt er auf mein Gesicht und fragt, ob ich was Gutes dagegen hätte. Also gegen Pickel. Er schwöre ja total auf den Saft seiner Aloe-Vera-Pflanze, seine Freundin habe es sich auch schon abgeguckt. Ach ja, und Zucker sei natürlich ein No-Go. Ich ordne meine Mimik irgendwo zwischen Bewunderung und Beleidigung. Oft heißt es ja, die Frauen rückten ins Gehege der Männer vor. Doch der Ausgleich ist nah: Der Fußball-Bundestrainer feilt sich öffentlich die Nägel, und der Kellner berät mich fröhlich in Beautyfragen.

          Steckt genaugenommen das Patriarchat in der Krise

          Am Deutschen Historischen Museum wartet meine nächste Verabredung. Vielleicht kann Andreas Kraß sagen, ob es die Männlichkeitskrise wirklich gibt. Der Berliner Professor für Literaturwissenschaften ist immerhin ein Pionier auf diesem Feld. „Männlichkeit in der Krise könnte man auch anders nennen, nämlich: Patriarchat in der Krise." Kraß kräuselt die Stirn, aber er lächelt. "Wenn es heißt, der Mann steckt in der Krise, dann geht es auch um den Wunsch, diese Krise zu beseitigen. Also die Privilegien zurückzuerhalten, die er verloren hat, oder um deren Verlust er zumindest fürchtet." Dass der Mann nicht mehr selbstverständlich das Familienoberhaupt mit der Lizenz zur Maulfaulheit ist – ist das das Problem? „Das ist historisch gesehen das Neue. Das ist die Krise, wenn man so will.“

          Während wir auf der Terrasse sitzen und ziemlich süße Torte essen – ich werde nach der Reise eine Aloe-Pflanze kaufen –, findet im Museum ein Workshop statt, der Frauen die Machtgesten der Männer lehren soll: wie man einen Raum „einnimmt“; wie man einen Tisch „besetzt“; wie einem der Erdboden „gehört“. Eine Performancekünstlerin will zeigen, dass jeder diese Körpersprache lernen kann. Der Unterricht gehört zur gerade laufenden Ausstellung über die Vagheit der Geschlechterunterschiede. Für das Plakat hat eine Künstlerin posiert, die ihren weiblichen Körper in ein paar Monaten verwandelt hat und jetzt fast so aussieht wie das Titelmodel eines Männermagazins, mit breiten Schultern und bergigen Armen, Sixpack, einem Restbusen und roten Lippen.

          Was so oberflächlich Krise genannt wird, sei die Differenz zwischen einem Ideal und dem, was jemand tatsächlich leisten kann, sagt Kraß. „Ideale verkörpern aber nur Filmhelden. Der Alltagsmann muss daran scheitern.“ Er findet: „Wenn Männlichkeit die Forderung nach einem Ideal ist, dann kann man nur hoffen, dass die Männlichkeit in der Krise ist. Dann wäre die Krise nämlich eine große Chance.“

          Wie wär’s mit etwas Lip Balm, Buddy?

          Oh, Tony, du Ideal von einem Krisenmann, wie viele Chancen hast du versemmelt! Würdest du jetzt mit mir durch dieses Kaufhaus streifen, du würdest von einer Ohnmacht in die nächste fallen. Zu Tonys Zeit, als die Männer sich noch rasierten, bestand ihr Rüstzeug aus Schaum und ein bisschen Rasierwasser. Inzwischen sind sie reif für das Komplettprogramm. Man hört es förmlich rufen: „Komm schon, Buddy, gönn deinem Gesicht einen Purifying Face Cleanser, pfleg es mit Anti Fatigue Eye Treatment und leg etwas Hydrating Lip Balm auf, bevor du dir mit dem Beard Conditioner das Gesichtsgemächt formst."

          Noch vor ein paar Jahren hätten die Verantwortlichen der Beautykonzerne bei dem Gedanken an Männerkosmetik abgewinkt. „Schön wär's“, hätten sie geseufzt, „aber too bad, denn leider schätzen die Männer ja gerade die Tatsache, dass sie solchen Schnickschnack nicht haben.“ Bis David Beckham ein neues Geschlecht erfand. Als Metrosexueller konnte er Mannschaftskapitän sein und Pfau, Athlet und Fashion Victim, Muskeln haben und einen Haarreif. Die Gegensätze verpufften einfach, und die Branche bekam einen neuen Milliardenmarkt. Nur der Absatz von Schaum und Rasierwasser ist im Keller. Und die Mode? Ist jetzt immer öfter genderless. Viele Designer haben das traditionelle Mann-Frau-Konzept abgeschafft. Keine andere Branche ist so zügig mit der Gleichheit vorangekommen.

          Als ich mein Hotel erreiche, loungen ein paar Gäste vor dem Haus in der Abendsonne, rauchen, trinken Kokosnusswasser und essen veganes Bananenbrot. Vom Gesicht der Männer erkennt man wenig. Sie tragen enge Jeans, karierte Filzhemden und Boots und sehen aus, als wünschten sie sich Holzscheite und eine Axt herbei. Das Hipster-Lexikon nennt sie Lumbersexuelle. Nach der Metrosexualität war ja nicht Schluss. Übrigens sitzt auch eine Frau in der Gruppe, sie trägt Boxershorts und Adiletten. Es ist alles schrecklich vertrackt.

          Überhaupt, wenn man erst mal damit anfängt, die Männlichkeit zu beobachten, verfolgt sie einen bis in die letzten Winkel. Im Hotel zum Beispiel hängen auf allen Etagen mehrere Bildschirme, und auf jedem läuft der großartigste aller Anti-Männlichkeitsfilme, nämlich „The Big Lebowski“, die Geschichte über den „Dude“, dem es komplett egal ist, welche Rolle irgendeine Gesellschaft von ihm erwartet. Einmal wird er von einem reichen Wichtigtuer gefragt: „Was macht einen Mann zum Mann, Lebowski? Ist es die Fähigkeit zur richtigen Entscheidung, koste es, was es wolle?“ Darauf der Dude relaxt: „Vielleicht. Das und ein paar Klöten.“ Der Film läuft hier im Hotel in Endlosschleife, jeden Tag, immer wieder, das ganze Jahr.

          Man muss sich nur die Männer-Zeitschriften ansehen!

          Bevor die Reise wie jede gute Reise ans Meer geht, decke ich mich am Bahnhof mit Männermagazinen ein. Es gibt dafür mittlerweile eigene Regale. Ich kann mich erinnern, wie wir Grundschulmädels am Kiosk in die „Brigitte“ oder die „Cosmopolitan“ schauten und Gedanken hatten wie: „So viele Anweisungen. Was für ein Stress.“ Und das machen die Männer jetzt freiwillig nach? Machen sie, auch wenn es eine Weile gedauert hat, bis sie den „Kicker“ mal aus der Hand gelegt haben. Inzwischen ist für jeden was dabei: für Fans von gebutterten Fleischbrocken („Beef“), für Schlipsträger, die gerne ein bisschen crazy wären („Business Punk“) und für bürgerliche Romantiker („Freemen's World - Abenteuer gibt es noch“), um nur ein paar zu nennen. Ich blättere durch die Rezepte für Sumoringer-Kraftsuppe und Bulletproof Coffee (das ist Kaffee mit viel Fett), die „neuen Superkraft-Turbo-Workouts“, eine Reportage über die Überlastungsgefährdung der Allround-Männer und einen Fitnessplan, der Männer „trotz Job und Kids“ in Bestform hält. Ein Bild, das ich nicht mehr aus dem Kopf bekomme, ist die Anzeige einer großen Modemarke, auf der ein strammes Mannsbild von Katzenbabys umspielt wird.

          Seit ungefähr dreißig Jahren haben deutsche Wissenschaftler die Geschlechterforschung auf dem Plan, und seit der Jahrtausendwende hat sie richtig Fahrt aufgenommen. Auch wenn Studenten die Mannwerdung hierzulande noch nicht lernen können wie in den Vereinigten Staaten, wo es das Masterfach Masculinities gibt. Doch noch bevor das Thema hier überhaupt aufkam, hat Klaus Theweleit mit seinen „Männerphantasien“ die Arena eröffnet, das war 1977. Wer den Titel nicht kennt, könnte denken, das Buch sei zum Schmunzeln, dabei ist es gewaltig. Theweleit hat in dieser psychoanalytischen Monumentaluntersuchung anhand der Literatur der Freikorps das mangelhafte Verhältnis dieser Männer zu ihren Körpern und eine tiefe Identitätsangst analysiert.

          Der Einband der „Männerphantasien“ ist mit dem Bild eines Zuges versehen, der den Hindenburgdamm gen Sylt überquert. Und über ebendiese letzte Verbindung zwischen Festland und Nordseeinsel fährt jetzt auch der bis auf den letzten Platz mit Urlaubern gefüllte Zug.

          Immer wieder geht es um Macht

          Am Sonntag scheint sich halb Westerland in demselben Café zu treffen wie Klaus Theweleit und ich. Es poltert und klirrt, wir angeln uns einen Tisch in der Ecke. Ob der Autor den ultimativen Krisenbeweis liefern kann? Theweleit ist amüsiert. „Wenn die Männlichkeit in der Krise sein soll, wo war sie denn vorher?“ Ich nippe am Kaffee. „Das kann ja nur heißen, dass Männer etwas von ihrer Macht verloren haben.“ Der Satz kommt mir bekannt vor. Immer wieder die Macht. Wir stecken mitten im Kulturkampf.

          Wenn überhaupt, sagt Theweleit, bekämen diesen Machtverlust im Alltag die Jüngsten zu spüren. „Wenn es eine Krise gibt, dann sind die Jungs davon betroffen, denn sie sind nirgendwo mehr überlegen, nicht im Sport und nicht in der Bildung.“ Im Gegenteil, den Mädchen fällt vieles leichter, und gefallen lassen sie sich von den Jungen nicht mehr als von anderen Mädchen. „Aber es ist oberflächlich zu behaupten, die Männer kämen nicht damit klar, dass die Frauen mehr zu sagen haben. Es ist eine neue Realität.“ Wieder spukt mir Tony im Kopf herum. Ihn machte die Gegenwart so verrückt, dass er einfach beschloss, sie zu ignorieren. Seiner Tochter sagte er einmal: „Draußen sind vielleicht die Neunziger, aber in diesem Haus ist es 1954!“ Tony verteidigte seine Jungsphantasien mit Klauen und Zähnen.

          Theweleit, der 26 Jahre Hausmann war, weil seine Frau die lohnendere Position hatte, bestellt noch einen Espresso und stellt klar, dass Männer nur dann ein Problem haben, wenn sie am alten Rollenbild haften. „Ansonsten sind sie nicht benachteiligt, sie haben alle Möglichkeiten. Es sind nur nicht mehr die alten Muster gefragt. Um etwas zu erreichen, müssen sie sich jetzt ein bisschen mehr anstrengen.“ Und was heißt das für meine Suche nach der Krise? „Krise ist Quatsch, das ist so ein Wort, das zu Brei gekloppt wird und doch nichts aussagt, auch wenn man tausend Artikel draus macht.“

          Tags darauf rollt der Zug wieder über den Damm, zurück an Land, es geht nach Hause. Im Waggon versuche ich ziemlich umständlich, meinen Koffer mit einer Schulter auf die Ablage zu hieven, als ich es von der Tür her rufen höre: „Hey, lass mich mal!“ Der Mann sprintet herüber und greift nach dem Koffer. „Danke“, sage ich und lache, „aber es geht schon!“ Aber es geht nicht. Er ruft: „Mein Gott, jetzt lass mich doch einfach mal. Irgendwie müssen wir uns doch für euch unersetzlich machen.“ Ich schaue ihn an. Und denke: Ganz egal, ob Krise oder nicht, wir hängen da zusammen drin.

          An Tonys Krise hatten nicht zuletzt die Frauen Schuld

          Auf der Heimfahrt denke ich, wenn es um die Krise geht, spielt eben immer auch die Frage mit, wie ein Mann sein muss, um ein „richtiger Mann“ zu sein. Was die Wissenschaft hegemoniale Männlichkeit nennt, also das Selbstverständnis der männlichen Überlegenheit, ist mittlerweile in fast allen Lebensbereichen überholt. Neu ist aber, dass es neben den ohnehin vielen Möglichkeiten, den Begriff „Männlichkeit“ mit Inhalt zu füllen, immer mehr und immer komplexere Möglichkeiten gibt. Was heißt es, 2015 als Mann in Deutschland zu leben? Es heißt hetero sein, bi, schwul oder transgender; allein leben, monogam oder polyamourös; Ernährer sein oder Teilzeitvater oder Hausmann; alleinerziehend, verheiratet, ohne Kinder oder mit; dick oder drahtig, paleo oder vegan, introvertiert oder durchgeknallt, mit Cowboystiefeln oder Lackschuhen, und immer so weiter. Dasselbe gilt für die Frauen. Wir alle ruckeln uns zurecht, ecken an, und manchmal fühlt sich das wie eine handfeste Krise an. Nicht jeder kann sich so viel Gelassenheit leisten wie George Clooney, der über seine Frau sagt: „Ich bin stolz, dass sie klüger ist als ich. Dafür bin ich besser im Armdrücken.“

          An Tonys Krise hatten nicht zuletzt die Frauen Schuld, ihre neuen Rollen sprengten seine notorisch rückwärtsgewandte Männerwelt. Einmal sagte er, dass er gerne ein Gary-Cooper-Typ wäre, stark und schweigsam, aber das lief so nicht mehr. Sein Leben als Familienmann war für ihn mindestens so gefährlich wie die Verstrickungen seiner mafiösen famiglia. Und der therapeutische Blick auf sein Innenleben kam einem Hochverrat an seinem Geschlecht gleich. Er hasste es, Hilfe zu brauchen, aber er brauchte sie. Was Tony an der Therapie am meisten ärgerte, war, dass er keine handfesten Ansagen bekam. Er wollte Regeln hören. Doch er ging immer leer aus. Die Therapeutin stellte ihm Fragen, und selbst seine Gegenfragen beantwortete sie mit Fragen, es machte ihn fuchsteufelswild. Er sollte selbst Antworten finden. Aber das hätte viel Zeit gekostet und viel Mühe.

          Nun ist die Reise vorbei. Gibt es nun die Krise, oder kann ich guten Gewissens ihr Ende ausrufen? Die Antwort überlasse ich Ihnen. Nehmen Sie sich ruhig Zeit. Aber ich bin sicher, wir sind uns einig.

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