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Krise der Männlichkeit : Kein Mann ist ein Mann

  • -Aktualisiert am

Männlicher Akt von Philipp Otto Runge Bild: Lempertz Auktionen

Der Mann steckt in der Krise. Was ist wirklich dran an der Behauptung? Unsere Autorin hat sich auf den Weg gemacht und ist der Frage auf den Grund gegangen.

          Angefangen hat alles mit Tony. Als ich ihn kennenlernte, verstand ich endlich, wovon alle redeten. Tony war ein Musterknabe von einem Krisenmann. Ich werde später noch von ihm erzählen, denn es liegt immerhin auch an ihm, dass ich jetzt im Zug sitze und eine Reise damit verbringe, der Männlichkeit nachzuspüren. Ich will herausfinden, ob sie wirklich immer noch in der mysteriösen Krise steckt, von der seit zehn, fünfzehn, ach, seit tausend Jahren die Rede ist. Meistens wird sie als Verunsicherung beschrieben, weil der Mann statt einer übersichtlichen Aufgabe jetzt ganz viele Rollen erfüllen soll: Manager, Abenteurer, Elternzeitnehmer, Frühstück-ans-Bett-Bringer, Marathonläufer, Zuhörer, Grillmeister, Vollzeitpapa, Biomarktshopper, Kaffeetante, Liebhaber. Und wenn es heißt, „der Mann“, klar, dann sind immer alle auf einmal gemeint.

          Der Krise kann man nicht entrinnen. Man muss nur die Zeitung aufschlagen, den Fernseher anschalten oder in einen Buchladen gehen, die Krisenmänner sind immer schon da. Doch obwohl sich Journalisten und Autoren und Psychologen und Wissenschaftler an ihnen abarbeiten, geht die Krise weiter. Sie scheint sogar ansteckend zu sein, sonst müssten ja nicht ständig mehr Theorien aufgestellt, immer neue Experten interviewt und immer dickere Bücher geschrieben werden.

          Die Sache mit der Krisentheorie hat einen Haken: die Praxis. Vielleicht lebe ich in einem blinden Fleck der Gesellschaft, aber ich habe bisher keinen einzigen Mann mit Identitätsverlust gefunden. Also keinen außer Tony. Und, aber das ist eine kühne Vermutung, diesen amerikanischen Zahnarzt, der extra nach Simbabwe flog, um den Löwen Cecil zu erlegen. Natürlich kenne ich Männer mit Problemen. Es kriselt in ihrer Beziehung, im Job, in der Familie oder gesundheitlich. Aber die Krise, in der ein ganzes Geschlecht steckt, ist mir bisher verborgen geblieben. Vielleicht, weil die Männer ihren Schmerz vor mir verbergen, ich bin ja eine Frau, und sie wollen stark sein. Möglich, dass sie ihr Problem nicht wahrhaben wollen. Oder - und ich finde, auch das wäre einen Gedanken wert - vielleicht ist es ja auch einfach mal wieder gut mit dem Krisenthema.

          Warum also nicht losziehen und nach der Krise suchen? Wenn das Problem mit den Männern ein Ende fände, käme mir das ganz recht. Sie werden das verstehen, ich bin Anfang dreißig und interessiert an einem krisenfreien Mann.

          Statistisch gesehen sind Männer schon lange Sorgenkinder

          Der erste Krisenherd, den ich besuche, ist Wolfsburg. Dabei geht es der Stadt gut; die Kassen sind voll, fast jeder zweite arbeitet für VW, das Pro-Kopf-Einkommen ist hoch. Aber das Krisenbarometer schlägt nach oben aus. Haben die Krise und der Skandal die Männer erschüttert? Jedenfalls fand es die Stadt an der Zeit, mehr für sie zu tun. Statistisch gesehen sind Männer ja schon lange Sorgenkinder. Ihre Leistungen an Schulen und Universitäten stagnieren, sie werden öfter krank, leben kürzer, und die Selbstmordrate ist mehr als dreimal so hoch wie die der Frauen. Im vergangenen Jahr hat die Wolfsburger Kontaktstelle für Selbsthilfe, eine junge Beratungseinrichtung, einen neuen Bereich eröffnet. Seitdem gibt es hier eine Männerberatungsstelle.

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