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Krise der Männlichkeit : Kein Mann ist ein Mann

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Theweleit, der 26 Jahre Hausmann war, weil seine Frau die lohnendere Position hatte, bestellt noch einen Espresso und stellt klar, dass Männer nur dann ein Problem haben, wenn sie am alten Rollenbild haften. „Ansonsten sind sie nicht benachteiligt, sie haben alle Möglichkeiten. Es sind nur nicht mehr die alten Muster gefragt. Um etwas zu erreichen, müssen sie sich jetzt ein bisschen mehr anstrengen.“ Und was heißt das für meine Suche nach der Krise? „Krise ist Quatsch, das ist so ein Wort, das zu Brei gekloppt wird und doch nichts aussagt, auch wenn man tausend Artikel draus macht.“

Tags darauf rollt der Zug wieder über den Damm, zurück an Land, es geht nach Hause. Im Waggon versuche ich ziemlich umständlich, meinen Koffer mit einer Schulter auf die Ablage zu hieven, als ich es von der Tür her rufen höre: „Hey, lass mich mal!“ Der Mann sprintet herüber und greift nach dem Koffer. „Danke“, sage ich und lache, „aber es geht schon!“ Aber es geht nicht. Er ruft: „Mein Gott, jetzt lass mich doch einfach mal. Irgendwie müssen wir uns doch für euch unersetzlich machen.“ Ich schaue ihn an. Und denke: Ganz egal, ob Krise oder nicht, wir hängen da zusammen drin.

An Tonys Krise hatten nicht zuletzt die Frauen Schuld

Auf der Heimfahrt denke ich, wenn es um die Krise geht, spielt eben immer auch die Frage mit, wie ein Mann sein muss, um ein „richtiger Mann“ zu sein. Was die Wissenschaft hegemoniale Männlichkeit nennt, also das Selbstverständnis der männlichen Überlegenheit, ist mittlerweile in fast allen Lebensbereichen überholt. Neu ist aber, dass es neben den ohnehin vielen Möglichkeiten, den Begriff „Männlichkeit“ mit Inhalt zu füllen, immer mehr und immer komplexere Möglichkeiten gibt. Was heißt es, 2015 als Mann in Deutschland zu leben? Es heißt hetero sein, bi, schwul oder transgender; allein leben, monogam oder polyamourös; Ernährer sein oder Teilzeitvater oder Hausmann; alleinerziehend, verheiratet, ohne Kinder oder mit; dick oder drahtig, paleo oder vegan, introvertiert oder durchgeknallt, mit Cowboystiefeln oder Lackschuhen, und immer so weiter. Dasselbe gilt für die Frauen. Wir alle ruckeln uns zurecht, ecken an, und manchmal fühlt sich das wie eine handfeste Krise an. Nicht jeder kann sich so viel Gelassenheit leisten wie George Clooney, der über seine Frau sagt: „Ich bin stolz, dass sie klüger ist als ich. Dafür bin ich besser im Armdrücken.“

An Tonys Krise hatten nicht zuletzt die Frauen Schuld, ihre neuen Rollen sprengten seine notorisch rückwärtsgewandte Männerwelt. Einmal sagte er, dass er gerne ein Gary-Cooper-Typ wäre, stark und schweigsam, aber das lief so nicht mehr. Sein Leben als Familienmann war für ihn mindestens so gefährlich wie die Verstrickungen seiner mafiösen famiglia. Und der therapeutische Blick auf sein Innenleben kam einem Hochverrat an seinem Geschlecht gleich. Er hasste es, Hilfe zu brauchen, aber er brauchte sie. Was Tony an der Therapie am meisten ärgerte, war, dass er keine handfesten Ansagen bekam. Er wollte Regeln hören. Doch er ging immer leer aus. Die Therapeutin stellte ihm Fragen, und selbst seine Gegenfragen beantwortete sie mit Fragen, es machte ihn fuchsteufelswild. Er sollte selbst Antworten finden. Aber das hätte viel Zeit gekostet und viel Mühe.

Nun ist die Reise vorbei. Gibt es nun die Krise, oder kann ich guten Gewissens ihr Ende ausrufen? Die Antwort überlasse ich Ihnen. Nehmen Sie sich ruhig Zeit. Aber ich bin sicher, wir sind uns einig.

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