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Krise der Männlichkeit : Kein Mann ist ein Mann

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Man muss sich nur die Männer-Zeitschriften ansehen!

Bevor die Reise wie jede gute Reise ans Meer geht, decke ich mich am Bahnhof mit Männermagazinen ein. Es gibt dafür mittlerweile eigene Regale. Ich kann mich erinnern, wie wir Grundschulmädels am Kiosk in die „Brigitte“ oder die „Cosmopolitan“ schauten und Gedanken hatten wie: „So viele Anweisungen. Was für ein Stress.“ Und das machen die Männer jetzt freiwillig nach? Machen sie, auch wenn es eine Weile gedauert hat, bis sie den „Kicker“ mal aus der Hand gelegt haben. Inzwischen ist für jeden was dabei: für Fans von gebutterten Fleischbrocken („Beef“), für Schlipsträger, die gerne ein bisschen crazy wären („Business Punk“) und für bürgerliche Romantiker („Freemen's World - Abenteuer gibt es noch“), um nur ein paar zu nennen. Ich blättere durch die Rezepte für Sumoringer-Kraftsuppe und Bulletproof Coffee (das ist Kaffee mit viel Fett), die „neuen Superkraft-Turbo-Workouts“, eine Reportage über die Überlastungsgefährdung der Allround-Männer und einen Fitnessplan, der Männer „trotz Job und Kids“ in Bestform hält. Ein Bild, das ich nicht mehr aus dem Kopf bekomme, ist die Anzeige einer großen Modemarke, auf der ein strammes Mannsbild von Katzenbabys umspielt wird.

Seit ungefähr dreißig Jahren haben deutsche Wissenschaftler die Geschlechterforschung auf dem Plan, und seit der Jahrtausendwende hat sie richtig Fahrt aufgenommen. Auch wenn Studenten die Mannwerdung hierzulande noch nicht lernen können wie in den Vereinigten Staaten, wo es das Masterfach Masculinities gibt. Doch noch bevor das Thema hier überhaupt aufkam, hat Klaus Theweleit mit seinen „Männerphantasien“ die Arena eröffnet, das war 1977. Wer den Titel nicht kennt, könnte denken, das Buch sei zum Schmunzeln, dabei ist es gewaltig. Theweleit hat in dieser psychoanalytischen Monumentaluntersuchung anhand der Literatur der Freikorps das mangelhafte Verhältnis dieser Männer zu ihren Körpern und eine tiefe Identitätsangst analysiert.

Der Einband der „Männerphantasien“ ist mit dem Bild eines Zuges versehen, der den Hindenburgdamm gen Sylt überquert. Und über ebendiese letzte Verbindung zwischen Festland und Nordseeinsel fährt jetzt auch der bis auf den letzten Platz mit Urlaubern gefüllte Zug.

Immer wieder geht es um Macht

Am Sonntag scheint sich halb Westerland in demselben Café zu treffen wie Klaus Theweleit und ich. Es poltert und klirrt, wir angeln uns einen Tisch in der Ecke. Ob der Autor den ultimativen Krisenbeweis liefern kann? Theweleit ist amüsiert. „Wenn die Männlichkeit in der Krise sein soll, wo war sie denn vorher?“ Ich nippe am Kaffee. „Das kann ja nur heißen, dass Männer etwas von ihrer Macht verloren haben.“ Der Satz kommt mir bekannt vor. Immer wieder die Macht. Wir stecken mitten im Kulturkampf.

Wenn überhaupt, sagt Theweleit, bekämen diesen Machtverlust im Alltag die Jüngsten zu spüren. „Wenn es eine Krise gibt, dann sind die Jungs davon betroffen, denn sie sind nirgendwo mehr überlegen, nicht im Sport und nicht in der Bildung.“ Im Gegenteil, den Mädchen fällt vieles leichter, und gefallen lassen sie sich von den Jungen nicht mehr als von anderen Mädchen. „Aber es ist oberflächlich zu behaupten, die Männer kämen nicht damit klar, dass die Frauen mehr zu sagen haben. Es ist eine neue Realität.“ Wieder spukt mir Tony im Kopf herum. Ihn machte die Gegenwart so verrückt, dass er einfach beschloss, sie zu ignorieren. Seiner Tochter sagte er einmal: „Draußen sind vielleicht die Neunziger, aber in diesem Haus ist es 1954!“ Tony verteidigte seine Jungsphantasien mit Klauen und Zähnen.

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