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Krise der Männlichkeit : Kein Mann ist ein Mann

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Als ich in Berlin aussteige, hat mein Reisegepäck ein bisschen zugelegt - es gehören jetzt auch eine Plastikspritze und ein Kondom mit Granatapfelgeschmack dazu. Eine charmante Krankenschwester mit haarigen Beinen und Minirock hat mir die Sachen geschenkt. Sogar in High Heels hatte sie sich gequetscht. Auf die T-Shirts der Junggesellengruppe war der Spruch gedruckt: „Hennings große Freiheit - Time to say Goodbye“. Das „t“ von „Freiheit“ hing etwas schief, weil eine fette Kette mit Eisenkugel daran zerrte wie am Fuß eines Häftlings. Es roch streng nach Krise und Pflaumenschnaps.

Während ich beim Mittagessen über einem Falafelteller sinniere, beäugt mich der Kellner. Wir kommen ins Plaudern. Erst denke ich, er gräbt mich an, dann zeigt er auf mein Gesicht und fragt, ob ich was Gutes dagegen hätte. Also gegen Pickel. Er schwöre ja total auf den Saft seiner Aloe-Vera-Pflanze, seine Freundin habe es sich auch schon abgeguckt. Ach ja, und Zucker sei natürlich ein No-Go. Ich ordne meine Mimik irgendwo zwischen Bewunderung und Beleidigung. Oft heißt es ja, die Frauen rückten ins Gehege der Männer vor. Doch der Ausgleich ist nah: Der Fußball-Bundestrainer feilt sich öffentlich die Nägel, und der Kellner berät mich fröhlich in Beautyfragen.

Steckt genaugenommen das Patriarchat in der Krise

Am Deutschen Historischen Museum wartet meine nächste Verabredung. Vielleicht kann Andreas Kraß sagen, ob es die Männlichkeitskrise wirklich gibt. Der Berliner Professor für Literaturwissenschaften ist immerhin ein Pionier auf diesem Feld. „Männlichkeit in der Krise könnte man auch anders nennen, nämlich: Patriarchat in der Krise." Kraß kräuselt die Stirn, aber er lächelt. "Wenn es heißt, der Mann steckt in der Krise, dann geht es auch um den Wunsch, diese Krise zu beseitigen. Also die Privilegien zurückzuerhalten, die er verloren hat, oder um deren Verlust er zumindest fürchtet." Dass der Mann nicht mehr selbstverständlich das Familienoberhaupt mit der Lizenz zur Maulfaulheit ist – ist das das Problem? „Das ist historisch gesehen das Neue. Das ist die Krise, wenn man so will.“

Während wir auf der Terrasse sitzen und ziemlich süße Torte essen – ich werde nach der Reise eine Aloe-Pflanze kaufen –, findet im Museum ein Workshop statt, der Frauen die Machtgesten der Männer lehren soll: wie man einen Raum „einnimmt“; wie man einen Tisch „besetzt“; wie einem der Erdboden „gehört“. Eine Performancekünstlerin will zeigen, dass jeder diese Körpersprache lernen kann. Der Unterricht gehört zur gerade laufenden Ausstellung über die Vagheit der Geschlechterunterschiede. Für das Plakat hat eine Künstlerin posiert, die ihren weiblichen Körper in ein paar Monaten verwandelt hat und jetzt fast so aussieht wie das Titelmodel eines Männermagazins, mit breiten Schultern und bergigen Armen, Sixpack, einem Restbusen und roten Lippen.

Was so oberflächlich Krise genannt wird, sei die Differenz zwischen einem Ideal und dem, was jemand tatsächlich leisten kann, sagt Kraß. „Ideale verkörpern aber nur Filmhelden. Der Alltagsmann muss daran scheitern.“ Er findet: „Wenn Männlichkeit die Forderung nach einem Ideal ist, dann kann man nur hoffen, dass die Männlichkeit in der Krise ist. Dann wäre die Krise nämlich eine große Chance.“

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