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Krise der Männlichkeit : Kein Mann ist ein Mann

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Dass die Kerle ihm nicht die Tür einrennen würden, hatte Axel Pieper schon erwartet: „Männer sind scheue Wesen, wenn es um Unterstützung geht.“ Der Leiter des Zentrums, er trägt Bart und Polohemd, lacht viel. Erst war er Elektroniker, dann wurde er Therapeut. „Vor zehn Jahren wäre aktive Männerhilfe noch undenkbar gewesen“, sagt Pieper und schenkt Kaffee ein. „Jetzt sind wir im Zeitalter angelangt, in dem Männer emotionale Intelligenz lernen.“ Bevor die Männerberatung öffnete, hatte das Zentrum fast nur Frauen gesehen. Seit der Neuerung ist der Männeranteil auf mehr als ein Drittel gestiegen. „Allmählich kommt bei ihnen an, dass sie auch eine sensible Seite haben dürfen.“

Männer, die die Vorstellung von Männlichkeit beeinflussten: David Beckham, James Gandolfini als Tony Soprano, Leonardo DiCaprio

Pieper und sein Team hatten schon Erfahrungen mit dem Thema. Seit vier Jahren trifft sich in der Kontaktstelle eine Männergesprächsgruppe, gegründet hat sie ein Manager. Alle 14 Tage sitzen die Ehemänner und Singles und Väter locker zusammen und besprechen, was ihre Welt bewegt: Identitätszweifel im unübersichtlichen Rollengefüge, Einsamkeit, Leistungsdruck, Probleme mit Frauen, mit dem Sex, mit dem Job, mit den Kindern. Unwillkürlich denke ich an den Film „Männerhort“. Darin richten sich die Krisenmänner einen Zufluchtsraum ein, wo sie noch Männer sein können, wo sie also schweigen bei Rum und Zigarren. In Wolfsburg reden sie und sitzen ordentlich im Stuhlkreis.

Aber taugt die Gruppe zum Krisenbeweis? „Im Gegenteil“, sagt Pieper. „Dass Männer in die Beratung kommen, ist bahnbrechend.“ Denn früher haben viele Männer ihre Ängste mit Sucht betäubt, das tun sie inzwischen weniger. „Heute gibt es mehr Fälle von Überlastung und Depressionen.“ Und das ist gut? „Ja, weil Männer an die Lösung des Kernproblems gehen und merken, dass das kein Widerspruch zur Männlichkeit ist.“ Männer sind ja nicht weniger sensibel als Frauen, auch wenn sie ihre Schwäche nicht zeigen. „Zum Glück sind die Zeiten des Mackerverhaltens vorbei“, sagt Pieper. „Langsam erkennen Männer, dass sie auch eine weibliche Seite haben.“ Nächstes Jahr wird er der Stadt empfehlen, das Angebot der Männerberatungsstelle auszubauen.

Ein Mafiaboss in Therapie. Ein Mafiaboss!

Die Suche geht weiter. Während der Zug ostwärts rauscht, wandern meine Gedanken zu Tony. Es geht natürlich um Tony Soprano. Der Serienheld ist der erste Mafiaboss, den der Geschlechterwandel so mürbe gemacht hat, dass er Panikattacken bekommt und eine Psychoanalyse beginnt. Ein Mafiaboss! Man stelle sich nur Marlon Brando als „Pate“ in der Therapie vor: „Signore Corleone, wenn ich Ihnen sage, dass Depression nach innen gerichtete Wut ist, wie fühlt sich das an?“ Die Mafiaklassiker spielen in einer vergangenen Ära, doch Tony erlebte seine eigene Great Depression zu Beginn des neuen Jahrtausends. Besser als mit den „Sopranos“ hätte man die schon damals diskutierte Frage, ob die Mittelschichtsmänner die Verlierer der westlichen Industriegesellschaften seien, nicht greifbar machen können. Sogar ein Typ wie Tony verlor die Nerven, so verzwickt war es. Seine Alphamann-Attitüde zog einfach nicht, weder im Job noch zu Hause. Der Mafia-Nachwuchs war faul und verweichlicht, Old-School-Gangster brachen ihren Eid, und die Frauen tanzten ihm auf der Nase herum. Sogar sein Therapeut war eine Frau. Tony hatte es mir sofort angetan.

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