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Statistik zu Bergunfällen : Hybris im Klettersteig

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Ganz schön voll hier: Nicht nur auf der Zugspitze steigt die Zahl der Touristen Bild: dpa

Mit der Zahl der Wanderer und Kletterer steigt die Zahl der Notfälle in den Bergen. Besonders beim Trendsport Klettersteiggehen überschätzen sich die Ungeübten. Schuld daran sind auch die Tourismusverbände, sagen Kritiker.

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          Noch vor zwanzig Jahren hatten Bergsteiger, die im Sommer auf dem Jubiläumsgrat von einem Kaltlufteinbruch überrascht wurden, kaum eine Chance. Gar nicht so wenige erfroren auf dem anspruchsvollen Gratweg zwischen Zugspitze und Alpsitze hoch über Garmisch-Partenkirchen.

          Heute greifen die Bergsteiger in einer Notsituation zu ihrem Mobiltelefon und rufen die Bergwacht um Hilfe. Allein die Bergwacht Garmisch-Partenkirchen fliegt jedes Jahr etwa vierzig Mal mit dem Hubschrauber hinauf zum Jubiläumsgrat, um in Not geratene Bergsteiger ins Tal zu holen. Hinzu kommen Rettungen zu Fuß, wenn ein Helikopterflug aufgrund des Wetters nicht möglich ist. Und auch die Bergwacht Grainau rückt regelmäßig zu Einsätzen auf dem Jubiläumsgrat aus.

          Die Möglichkeit mit dem Handy Hilfe zu rufen, bessere Wettervorhersagen und eine entsprechende Tourenplanung sowie die gute Ausrüstung nennt Thomas Bucher vom Deutschen Alpenverein (DAV) als Gründe, weshalb die Zahl der tödlichen Unfälle am Berg sich mit einer leichten Tendenz nach unten in den vergangenen Jahren auf einem stabilen Niveau eingependelt hat. 2012 fanden 28 DAV-Mitglieder in den Bergen den Tod, 2013 waren es 36. Das geht aus der Bergunfallstatistik hervor, die der DAV am Dienstag vorgestellt hat.

          Zahl der Notfälle steigt mit Zahl der Mitglieder

          1991, als der DAV halb so viele Mitglieder zählte wie heute, starben 76 davon in den Bergen. Auch die Unfallquote ist in den vergangenen Jahren leicht gesunken. Zwar haben die Notfälle mit unverletzt geborgenen Bergsportlern zugenommen und im vergangenen Jahr mit 1126 einen Höchststand erreicht. Allerdings zählt der DAV laufend mehr Mitglieder. Im Juli 2013 wurde die Millionenmarke überschritten.

          Neu in der aktuellen Bergunfallstatistik sind die Zahlen zu Unfällen in Kletterhallen, wobei jedoch nur 31 von 200 DAV-Kletteranlagen statistisch erfasst wurden. Das Ergebnis: An den vermeintlich sicheren künstlichen Kletterwänden kommt  es trotz ausgefeilter und normierter Technik vor allem durch Sicherungsfehler zu folgenschweren Unfällen.

          Die meisten Unfälle verzeichnet die DAV-Bergunfallstatistik aber nach wie vor beim Wandern, das von 90 Prozent der DAV-Mitglieder ausgeübt wird. Wie schon in den Vorjahren zeigt auch die Untersuchung, dass ein großer Teil der tödlich verlaufenen Wanderunfälle Folge von Krankheit, Überlastung und Kreislaufproblemen ist. Dennoch ist laut DAV „Wandern die sicherste Bergsportdisziplin“.

          Anstieg der Unfälle beim Klettersteiggehen

          Überproportional ist die Entwicklung der Unfallzahlen aber beim Trendsport Klettersteiggehen. Seit dem Jahr 2000 haben sich die Unfallmeldungen im Verhältnis zur DAV-Mitgliederzahl verdreifacht. Fast die Hälfte der in Not geratenen Klettersteiggeher braucht wegen psychischer und physischer Überforderung Hilfe. Der Anteil dieser so genannten Blockierungen hat sich in den vergangenen zehn Jahren sogar verzehnfacht.

          „Wer das ganze Jahr über im Büro sitzt, kommt in einem schwierigen Klettersteig schnell an sein Limit“, erklärt Peter Veider, der Geschäftsführer der Bergrettung Tirol. Die Bergrettung Tirol verzeichnet allein in diesem Jahr bei Einsätzen in Klettersteigen ein Plus von etwa 20 Prozent. Veider rät Klettersteiggehern, Erfahrung zu sammeln und Kondition aufzubauen und sich so langsam an schwieriger Steige heranzutasten.

          Karl Gabl, der Präsident des österreichischen Kuratoriums für alpine Sicherheit, appelliert an die Verantwortlichen in den Tourismusverbänden, die meinen, mit schwierigen Anlagen neue Gäste zu locken. „Das Gros der Klettersteiggeher will sich nicht athletisch den Berg hinaufhangeln, sondern will mit Kontakt zum Fels aber gut abgesichert durch eine Wand steigen.“ Insbesondere in Österreich sind in den vergangenen Jahren einige Sportklettersteige der schwierigsten Kategorie entstanden.

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