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Stammzellen : Endstation Menschenklon

Das Klonieren per Kerntransfer erzeugt nach wie vor enormes öffentliches Aufsehen - so wie zuletzt der Menschenklon aus Kalifornien. Doch in Wahrheit ist dieser Klon ein Muster ohne Wert. Wirkliche Fortschritte werden an anderer Stelle erzielt.

          Worin sollte wohl der Durchbruch bestehen, wenn Wissenschaftler die bloße Erzeugung eines geklonten Embryos aus den Hautzellen eines Mannes bekanntgeben? Forschern eines südkalifornischen Privatlabors war genau das gelungen, und die Reaktionen darauf ließen erahnen, dass der Menschheit damit etwas Bemerkenswertes - Bedrohliches in den Augen der einen, Bereicherndes in denen der anderen - widerfahren sein muss.

          Natürlich fielen die Reaktionen nach dem bitteren Lehrstück des südkoreanischen Klonfälschers Hwang diesmal etwas gedämpfter aus. Aber das generelle und zwiespältige Interesse am Menschenklon ist offenkundig ungebrochen. Daran hat sich seit der Geburt von Dolly, dem Klonschaf, nichts geändert. Aber ist das wirklich so? Hat sich nichts geändert?

          Ein Muster ohne Wert

          Richtig ist: Die ethischen Einwände gegen das Klonen menschlicher Zellen haben nichts von ihrer Aktualität verloren. Jedenfalls für den, der sich ihnen anzuschließen bereit ist. Was sich allerdings geändert, ja dramatisch weiterentwickelt hat, ist die Wissenschaft, die hinter den Klonexperimenten steht. Und in diesem veränderten Kontext erscheint der kalifornische Menschenklon nun mehr denn je wie ein Muster ohne Wert.

          Viele Wissenschaftler bringen noch nicht den Mut auf, es offen auszusprechen. Nicht, weil sie wirklich von der Klonforschung überzeugt sind, sprechen sie von einem wichtigen Schritt, sondern aus nur langsam weichender Unwissenheit und Unschlüssigkeit heraus, die auf diesem jungen Gebiet herrschen.

          Was hat man denn erreicht?

          Die Sache ist ja auch alles andere als banal. Die Frage etwa zu beantworten, wie gewöhnliche Zellen biologisch reprogrammiert und damit irgendwann vielleicht daraus medizinisch zielgenau Ersatzgewebe und -organe gezüchtet werden können, dieses Fernziel der Regenerativen Medizin ist eine Jahrhundertaufgabe. Das zumindest ist jedem Forscher sonnenklar. Damit freilich das Klonen durch Kerntransfer in Eizellen zu begründen, wie es vorige Woche auch die britische Behörde bei der Zulassung zweier Experimente zum Klonen von menschlichem Erbmaterial in Kaninchen-Eizellen getan hat, klingt wenig stichhaltig. Immer weniger jedenfalls. Nehmen wir das Argument Grundlagenforschung - Lernen von der Natur: In der Tat kann es faszinierend und medizinisch sinnvoll sein, etwas darüber zu erfahren, was Stammzellen, die man aus natürlichen wie aus geklonten Embryonen zu "ernten" versucht, zu so faszinierend vitalen und wandelbaren Zellen werden lässt. Fast alles, was man heute über die Pluripotenz, die extreme Wandlungsfähigkeit der Stammzellen weiß, hat man von solchen Naturvorlagen gelernt. Der Klon hingegen ist ein Artefakt.

          Wer also die sagenhaft wandlungsfreudigen Zellen künstlich herstellt, indem er wie beim Klonen ganze Zellkerne transplantiert und damit eine Reprogrammierung von Körperzellen hin zur Pluripotenz anstrebt, der begibt sich auf ein völlig neues, unsicheres Terrain. Das ist die Erfahrung einiger Jahre, und daran hat sich nichts geändert. Was hat man also erreicht? In Tierexperimenten viel, in der Biomedizin hingegen wenig, außer ein paar klonierten menschlichen Zellen, einer Menge haltloser Vorsätze und nun also einer klonierten Blastozyste, deren Zustand und Brauchbarkeit für die Stammzellforschung niemand kennt.

          Kerntransfer wie ein grobes Werkzeug

          Wie es darum steht, lässt sich allerdings aus einigen wenigen Fakten erahnen. Die Klonexperimente in Kalifornien wurden nämlich schon im Sommer 2006 vorgenommen. Und nichts deutet darauf hin, dass man in der Zwischenzeit mit dem vorgestellten, wenig innovativen Verfahren weitergekommen ist. Gäbe es eine brauchbare Stammzelllinie aus klonierten Blastozysten, die Welt hätte gewiss davon erfahren.

          Der entscheidende Punkt jedoch, an dem die humane Klonforschung absehbar zu enden verspricht, ist ein anderer. Es ist auch nicht die ethische Zwietracht, die sie sät. Es ist das einfache ökonomische Prinzip. Inzwischen nämlich wird die experimentelle Reprogrammierung gezielter, schneller, preiswerter und gesellschaftlich gewiss mehrheitsfähiger mit anderen künstlichen "induzierten Stammzellen" vorangetrieben - schlichten Hautzellen, die mit einem Gencocktail und ohne den Umweg über Eizellen verjüngt werden. In nur zwei Jahren, also in derselben Zeit, in der die Kalifornier sich offenkundig vergeblich mit dem Erzeugen eines stammzellliefernden Klons abstrampelten, haben diese Zellen ein ganz neues, vielversprechendes Gebiet eröffnet. Der Klonpionier Ian Wilmut, Schöpfer von Dolly, hat nicht umsonst ihretwegen dem Klonen den Rücken gekehrt.

          Natürlich steht man auch da erst am Anfang. Aber die - relative - Leichtigkeit und die Geschwindigkeit, mit denen Fortschritte auf diesem Gebiet sichtbar werden, lassen den Kerntransfer wie altes grobes Werkzeug erscheinen. Schon um ihrer selbst willen und aus Gründen der Verhältnismäßigkeit wird die Forschung dies in einem so konfliktträchtigen Gebiet nicht außer Acht lassen können. Es lohnt sich heute einfach nicht mehr, um des Klonens willen eine Schlacht für die Forschungsfreiheit anzuzetteln.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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