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Die Sentinelesen - das isolierteste Volk der Welt : „Man kann nicht so tun, als gäbe es sie nicht“

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Bei einem Besuch ließ man an einem Strand ein Schwein zurück und eine Puppe. Beides wurde von den Sentinelesen mit Pfeilen attackiert und dann vergraben. Bild: www.survivalinternational.de

Mit dem Tod der letzten Angehörigen ist nun der Stamm der Bo auf der indischen Inselkette Andamanen ausgestorben. Der Ethnologe Vishvajit Pandya über deren Nachbarstamm, die Sentinelesen - das isolierteste Volk der Welt.

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          Mit dem Tod der letzten Angehörigen ist nun der Stamm der Bo auf der indischen Inselkette Andamanen ausgestorben. Die Bo waren ein Unterstamm des Großen-Andamanesen-Stamms, der einmal aus zehn Untergliederungen bestand und zu dem auch die Sentinelesen gehören.

          Professor Pandya, Sie beschäftigen sich als Ethnologe mit einem Volk, das von unserer Zivilisation vollkommen unberührt geblieben ist. Die Sentinelesen begrüßen Besucher bis heute mit einem Hagel von Pfeilen. Erst 2006 wurden zwei Fischer erschossen, die der Insel zu nahe gekommen sind.

          Isoliertheit und Feindlichkeit sind Begriffe, die uns bei der Konstruktion eines Bildes von den Sentinelesen helfen sollen. Wir träumen darin von der ersten Begegnung mit einem Volk von Wilden. Tatsächlich ist der Golf von Bengalen ein seit Jahrhunderten genutzter Handelsweg. Die Sentinelesen wissen also schon lange, dass es die Außenwelt gibt. Und sie haben eine Vorstellungen davon, wer wird sind. Von Unberührtheit kann keine Rede sein.

          Dieser Sentinelese schießt mit Pfeilen auf einen Hubschrauber

          Glauben Sie, dass die Sentinelesen mit Pfeilen schießen, weil sie schlechte Erfahrungen gemacht haben?

          Es gibt Hinweise darauf, dass es in der Vergangenheit Konflikte mit den anderen Stämmen der Andamanesen gegeben hat. Sich vor Fremden schützen zu wollen ist aber auch ein menschlicher Instinkt. Warum nehmen wir überhaupt an, dass die Sentinelesen uns mit offenen Armen begrüßen, singend und tanzend, als wären wir Kapitän Cook? Die Sentinelesen sind im Übrigen nicht so aggressiv, wie der Mythos uns glauben machen möchte. Sie drohen eher mit dem Abschuss von Pfeilen, als sie tatsächlich von der Sehne schnellen zu lassen. Die Pfeile sind zur Jagd auf Tiere gemacht, nicht auf Menschen.

          Haben Sie die Insel denn dann schon einmal betreten können?

          Ich habe die Sentinel-Insel jetzt vier Mal besucht. Betreten habe ich sie allerdings nur ein Mal. Das liegt auch daran, dass die indische Regierung seit dem Ende der Neunziger eine Politik verfolgt, deren Ziel ein minimaler Kontakt der Sentinelesen mit der Außenwelt ist. Als Anthropologe wäre ich natürlich glücklicher, wenn ich mich mit den Sentinelesen aus einer geringeren Distanz beschäftigen dürfte. Trotzdem ist die neue Politik besser als die alte.

          Wie sah die aus?

          Vorher hatte die indische Regierung noch die Idee, dass man die Sentinelesen sehr vorsichtig an unsere Zivilisation heranführen müsste. Man wollte aus der Insel eine Kokosnuss-Plantage machen, die Sentinelesen zu Bauern. Dazu besuchte man sie regelmäßig mit Geschenken.

          Wie sind diese Begegnungen verlaufen?

          Sehr unterschiedlich. Die Sentinelesen haben die Besucher auch beschossen. Zumeist aber lieferte man Säcke mit Kokosnüssen ab. Nur ein Mal kamen die Sentinelesen dabei an das Boot heran, sonst wurden die Säcke ins Wasser geworfen. Kokosnüsse sind sehr beliebt. Andere Geschenke trafen auf wenig Gegenliebe. Bei einem Besuch ließ man an einem Strand ein Schwein zurück und eine Puppe. Beides wurde von den Sentinelesen mit Pfeilen attackiert und dann vergraben.

          Das klingt wieder nach dem Bild vom primitiven Wilden.

          Wenn man will, kann man dieses Bild auch weiter stützen: Wir wissen zum Beispiel nicht, ob die Sentinelesen das Feuermachen beherrschen. Sie scheinen es jedenfalls eifersüchtig zu verstecken und zu schützen. Sie scheinen nur bis zwei zu zählen und größere Mengenverhältnisse anders zu beschreiben. Es ist nicht bekannt, ob oder in welcher Form sie eine Religion besitzen. Sie scheinen keine Häuser zu bauen, sondern in kurzlebigen Unterständen zu schlafen. Aber wir beherrschen auch ihre Sprache nicht und kennen die Insel im Grunde nur vom Meer aus. Es gibt große Lücken in unserem Wissen.

          Wie viele Menschen leben auf der Insel?

          Ich schätze auf eine Population von 50 bis 80 Menschen.

          Reicht eine Bevölkerung von 80 Menschen für das Überleben einer Kultur?

          Jäger und Sammler wie die Sentinelesen sind fast immer nur in kleinen Gruppen zusammen. Gefährlich wird es für solche Kulturen eigentlich vor allem dann, wenn wir ihnen unsere Zivilisationsmodelle aufzwingen. Große Gruppen, feste Orte — Reservate — haben meist schlechte Folgen. Zudem hat es in der Vergangenheit, vor der Ankunft der Europäer auf dem Archipel, wohl Austausch gegeben zwischen den Inseln. Orte, an denen man zusammenkam, an denen tatsächlich auch Kinder ausgetauscht wurden, was den Inzest vermieden haben könnte. Die Stabilität der Inselpopulationen war früher vielleicht weit weniger prekär.

          Leben die Menschen auf Sentinel alle zusammen?

          Ich vermute, dass die Bevölkerung in Gruppen von acht bis zwölf Individuen geteilt ist. Die Gruppen bewegen sich viel, nachts biwakieren sie vermutlich in mehreren Unterständen. Vermutlich kommen die Inselbewohner nur zu kultischen Zwecken in größeren Gruppen zusammen. Es ist aber auch möglich, dass sich alle während der Regenzeit zusammenfinden. Das sind Spekulationen, die sich aus unserem Wissen über die Onge, eine Nachbarkultur, ableiten. Zugleich sind die Kulturen auf den Andamanen auch verschieden: Ornamentik, Kanubau, Waffenbau unterscheiden sich von Insel zu Insel.

          Wenn die Sentinelesen Austausch mit anderen Kulturen gekannt haben: Sind sie dann denn nicht neugierig auf unsere?

          Mein Eindruck ist, dass ihr Interesse an uns eher gering ist. Wenn überhaupt, finden sie unsere Körper wohl spannender als unsere Mitbringsel.

          Wie sehen Sie die Zukunft der Kultur? Haben Sie Angst um ihr Überleben?

          Ich würde mir wünschen, dass die indische Regierung aufhört, den Kopf in den Sand zu stecken. Es ist gut, aus ihnen keine Kokosfarmer machen zu wollen, aber man kann auch nicht so tun, als gäbe es sie nicht. Eine Isolation jedenfalls ist völlig unmöglich. Die beiden toten Fischer sind nur zwei von vielen illegalen Besuchern der Insel gewesen. Wir müssen aufpassen, dass wir aus ihnen nicht einen Mythos machen, der eine aus anthropologischer Perspektive verantwortungslose Außenwelt neugierig auf die „Steinzeitmenschen“ macht. Man kann die Sentinelesen schon jetzt auf Youtube sehen, christliche Websites erkennen in ihnen die letzten Kinder Gottes. So lange wir sie nicht weiter erforschen, bleiben sie Projektionsfläche und passive Opfer der modernen Welt. Ein kontrollierter Zugang hingegen würde nicht nur unser Verständnis der eigenen Vergangenheit fördern. Vielleicht würde er auch dazu führen, dass die Sentinelesen die Entscheidung über ihre Zukunft selber treffen dürfen.

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