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Stadtplanung in China : Die Mauern sollen fallen

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In Peking herrscht trotz Fahrverbote ständig Stau. Mit dem Fall der Mauern soll das anders werden. Bild: dpa

Chinesische Stadtplaner wollen ummauerte Wohnviertel öffnen – für einen besseren Verkehrsfluss und einen Rückgang der Emissionen. Die Bevölkerung reagiert mit Protest.

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          Aus heiterem Himmel haben die chinesischen Städteplaner eine kleine Revolution angezettelt, die das Leben eines großen Teils der Städter betreffen wird: Die Mauern sollen fallen. Wenn es nach ihren Vorstellungen geht, werden die Bürger der großen chinesischen Städte bald auf ihr liebstes Wohngefühl verzichten müssen – sie werden nicht mehr in ummauerten und bewachten Blocks wohnen, sondern den Elementen der Stadt ungeschützt ausgesetzt sein.

          Das System der abgetrennten Blocks und ummauerten Wohnviertel entspreche nicht mehr den Erfordernissen der modernen Stadt und müsse beendet werden, verfügte eine Stadtplanungskonferenz. Neue „gated communities“, also ummauerte Wohnviertel, dürfen nicht mehr gebaut werden. Und die alten Blocks und Nachbarschaften aus der sozialistischen Gründerzeit sollen nach und nach geöffnet werden. Auch die ummauerten Wohn- und Büroblöcke von Universitäten und anderen öffentlichen Einrichtung sollen ihre Mauern abreißen.

          Besserer Verkehrsfluss und Rückgang der Emissionen

          Die Stadtplaner argumentieren vor allem mit den Bedürfnissen des städtischen Verkehrs. So herrscht in der 23-Millionen-Metropole Peking trotz Fahrverboten für bestimmte Fahrzeuge an bestimmten Tagen dauernd Stau – sogar am Wochenende. Der Verkehr, so wurde befunden, fließt zu langsam, weil zu viele Blocks und ihre kleineren Nebenstraßen für den öffentlichen Verkehr nicht zugänglich sind. Außerdem mache die Öffnung der ummauerten Wohnviertel den Bau öffentlicher Verkehrsmittel wie U-Bahnen einfacher.

          Mit der Öffnung der Blocks und ummauerten Nachbarschaften sollten auch Grünflächen und andere Einrichtungen, die bislang nur den jeweiligen Bewohnern zugänglich waren, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Und schließlich soll der Abriss auch der Smog-Bekämpfung dienen. So sollen in der Hauptstadt Peking fünf Luftkorridore entstehen, durch die der Wind fegen kann – um so den gesundheitsgefährdenden Smog der Industrie- und Autoabgase wegzublasen. Der angestrebte bessere Verkehrsfluss soll zudem zum Rückgang der Emissionen führen.

          Gegen das Vorhaben hat sich Protest im Internet erhoben, der für chinesische Verhältnisse ungewöhnlich laut ist. Tausende Internetnutzer protestierten, die Öffnung der Mauern werde mehr Schaden anrichten als Vorteile bringen. Nach einer Umfrage des Internetportals Sina sprachen sich 76 Prozent der Befragten gegen die Öffnung der städtischen Wohnblocks aus. Die meisten gaben an, dass sie sich dann in ihrer Nachbarschaft nicht mehr sicher fühlen würden. Kritiker schimpften, die Bürger müssten für eine verfehlte Stadtentwicklung der vergangenen Jahre bezahlen. Im Internet wurde vor allem das Argument angebracht, dass man dann Sorgen um die Sicherheit der Kinder auf der Straße haben müsse.

          Chinesische Städte vergleichsweise sicher

          Es ist umstritten, ob diese Sorge begründet ist. Chinesische Städte und insbesondere die Hauptstadt Peking sind vergleichsweise sicher – auch dank starker Kontrollen und Polizeipräsenz, Videoüberwachung und vieler Nachbarschaftskontrolleure. Auch Frauen können sich in chinesischen Städten relativ sicher allein bewegen. Die Stadtplaner argumentieren, dass es in modernen Städten andere Sicherheitsvorkehrungen gebe als ummauerte Wohnviertel.

          Bewohner der älteren Wohnviertel, die noch keine Tiefgarage haben, fürchten um den Parkplatz vor der Tür, wenn das Viertel für alle geöffnet wird. Der größte Protest aber kommt von den Besitzern von Eigentumswohnungen in den unzähligen Hochhausburgen der Städte und den Bewohnern der ummauerten und wohlbewachten Einfamilienhaus-Siedlungen am Stadtrand. Sie argumentieren, dass sie mit dem Kauf ihrer Wohnung auch ein Recht auf die ausschließliche Nutzung der Straßen und der Grünflächen ihres Wohngebietes erworben haben.

          Die Rechtsstreitigkeiten könnten schwierig werden. Selbst der Oberste Gerichtshof schaltete sich ein und versicherte, er werde darauf achten, dass bei der Umgestaltung der Städte alles mit rechten Dingen zugehen werde.

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