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Stadtentwicklung Chemnitz : „Das muss alles seine Ordnung haben“

Markus Börner im Fahrrad-Projekt des „ExKa”, das sich wohl dennoch bald einen neuen Ort suchen muss Bild: Christoph Busse

Mit Abwanderung und Überalterung haben viele Städte zu kämpfen - Chemnitz jedoch esonders. Seit 1980 hat die Stadt fast 80.000 Einwohner verloren. Wer etwas dagegen tun will, bekommt jedoch Steine in den Weg gelegt.

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          Jemand wie Dominik Intelmann ist eine Seltenheit. Vor ein paar Jahren kehrte der Achtundzwanzigjährige nach Chemnitz zurück, in seinen Geburtsort. Dabei kennen die meisten jungen Chemnitzer ihre Heimatstadt nur noch aus der Ferne. Ein paar, die geblieben sind, schrauben an diesem Montagabend hinter großen Schaufenstern an Fahrrädern, ölen Ketten und wechseln Schläuche. Hinten an der Bar gibt es Bionade, Bier und selbstgebackenen Kuchen, ein junger Mann legt Platten auf, zwei andere spielen Tischkicker. Mittendrin steht Intelmann, reicht Werkzeug und gibt Tipps. Es ist kalt, aber doch irgendwie gemütlich.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Die „Offene Fahrradwerkstatt“ ist Intelmanns Idee; jeden Montagabend stellt er sie zur Verfügung und will damit, klar, Räder reparieren, aber vor allem auch das Viertel beleben. „Tonight & forever“ hat er deshalb auf die Schultafel am Eingang geschrieben. Der Slogan klingt hoffnungsvoll, aber auch nach Trotz. Denn der Laden und mit ihm eine ganze Reihe anderer Initiativen, die sich hier unter dem Namen „Experimentelles Karree“, kurz „ExKa“, bündeln, stehen vor dem Aus. Dabei fehlen weder Mitstreiter noch Ideen, ja nicht mal Geld, sondern wohl allein der politische Wille. Doch der Reihe nach.

          Es existiert keine Szene

          Das ExKa entstand im Sommer vor zwei Jahren aus der spontanen Hausbesetzung einer Gruppe Jugendlicher, die ihre Lebensvorstellungen in der rapide alternden Stadt permanent ignoriert sahen. „Abgesehen von ein paar Yuppie-Clubs im Zentrum gibt es in Chemnitz keine attraktive Jugendkultur“, sagt Intelmann. Es existiert keine Szene, geschweige denn ein Szeneviertel. Die Stadt und die Wohnungsgesellschaft GGG waren von der Aktion so überrascht, dass sie den Akteuren bald ein leerstehendes Haus im Reitbahnviertel südlich des Zentrums zur Nutzung überließen.

          An diesem Abend tagt nun direkt neben der Fahrradreparatur ein Krisenkomitee. „ExKa - wie geht's weiter?“ steht über der Zusammenkunft. „Es sieht nicht gut aus“, erläutert Vereinschef Markus Börner den zwanzig Leuten, die ringsum auf Couches und Barhockern sitzen. Ein Beamer wirft Fotos ihrer Aktionen der vergangen Monate an die Wand: Theater- und Pantomimegruppe, Jugendforum, Kunstgalerie, Sonntags-Familienbrunch, Kino und Ausstellungen. „Kann sein, dass wir hier schon bald raus müssen“, sagt Politikstudent Börner, 26; seine Zuhörer schweigen frustriert. Die kommunale Wohnungsgesellschaft GGG will das Haus zurückhaben, jetzt endgültig. Schicke Mietwohnungen sollen dort entstehen. Der übliche Konflikt also, könnte man meinen, doch so üblich ist das in Chemnitz nicht.

          Vor allem die Jugend kehrt Chemnitz den Rücken

          Denn leerstehende Häuser sind in Chemnitz keine Mangelware, und es tobt auch kein Kampf um die beste Lage. Im Gegenteil: Große Teile der Stadt liegen brach, nicht irgendwo weit draußen, sondern im Zentrum. Seit 1980 hat die Stadt fast 80.000 Einwohner verloren, mehr als zwei Drittel davon gingen nach dem Ende der DDR, als ganze Industriezweige zusammenbrachen. Zurück blieben neben Fabrikbrachen Zehntausende leere Wohnungen, verlassene Läden, verwaiste Schulen. 240.000 Einwohner leben heute noch in der Stadt, Altersdurchschnitt 47 Jahre, Tendenz steigend. Vor allem die Jugend kehrt Chemnitz den Rücken; inzwischen fehlt eine ganze Generation, die wiederum für Nachwuchs sorgen könnte. In keiner anderen deutschen Großstadt ist der Anteil der Kinder und Jugendlichen bis 15 Jahre so gering (10 Prozent) und die Gruppe der Alten über 60 Jahre so groß (33 Prozent).

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