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Stadtbegrünung : Vertikale Gärten: die grüne Avantgarde

Die grüne Wand von Patrick Blanc an einem Londoner Hotel Bild: Patrick Blanc

Der Franzose Patrick Blanc hat die vertikalen Gärten erfunden. Überall auf der Welt hat er sie installiert, sie gelten als wichtigster Impuls in der Diskussion darüber, wie man die Städte des 21. Jahrhunderts begrünen kann.

          Irgendwann musste wohl jemand mal auf die Idee kommen. Und vermutlich musste es jemand sein, der in Paris aufgewachsen ist. Einer Stadt, die über prächtige Parks und dekorative Fassaden verfügt, aber einen herben Mangel an Bäumen, Sträuchern, Hecken und Vorgärten aufweist. Als Patrick Blanc klein war und mit seinen Eltern in einer Pariser Etagenwohnung lebte, sehnte er sich nach Grün. Jeden Donnerstag ging er mit seiner Mutter in den Bois de Boulogne, schritt die Bachläufe ab und suchte nach Kaulquappen, die er zu Hause in sein Aquarium setzte. Der etwas seltsame Junge spielte kein Fußball, sondern las Bücher über Wasserpflanzen.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mit 15 Jahren stieß er in einer deutschen Fachzeitschrift auf einen Bericht über Pflanzen, die in der Lage sind, das Wasser im Aquarium zu reinigen. Er setzte einige Stecklinge des Philodendrons seiner Mutter in den Filter. Nach wenigen Wochen trieben neue Wurzeln im Wasser aus. Voilà! Es war das erste geglückte Experiment des späteren Forschers, das bewies: Pflanzen brauchen Wasser, aber keine Erde. Das war 1968. Knapp zwanzig Jahre später entwickelte er ein Patent, das es ermöglicht, prachtvolle Gärten zu gestalten, die nicht Fläche fressen, sondern in die Höhe gehen - und ganz ohne Erde auskommen.

          Ein Stück Regenwald mitten in Paris

          Heute gelten die vertikalen Gärten von Patrick Blanc, die er überall auf der Welt installiert hat, als der wichtigste Impuls in der Diskussion darüber, wie man die Städte des 21. Jahrhunderts begrünen kann. Seine bepflanzten Wände wirken dabei nicht wie gut gepflegte Vorgärten, sondern wild und natürlich - so, als habe sich in einer typischen Pariser Avenue ein Stück Regenwald breitgemacht. Seine „Murs Végétaux“, wie er die grünen Wände nennt, haben zahlreiche internationale Architekten inspiriert und werden aufwendig für Hochglanzbildbände fotografiert („Vertikale Gärten“, DVA-Verlag, 2007).

          Auch in Berlin: an der Fassade der Galeries Lafayette

          Noch hat man sich nicht entschieden, ob man sie als urbane Kunstform definieren soll oder als botanisches Wunder. Oder als einen Trend, der in eine Zeit passt, in der grünes Denken zum urbanen Leben gehört und Mode und Design zunehmend von dem Wunsch nach Nachhaltigkeit geprägt sind.

          Überall in der Welt, auch in Deutschland

          Gut fünfzig Projekte haben Blanc und sein Team in vielen Städten der Welt realisiert. In Deutschland gibt es bislang nur zwei verhältnismäßig kleine Blanc-Wände an der Fassade des Berliner Kaufhauses Galeries Lafayette und im Pressecenter der Frankfurter Messe. Derzeit ist außerdem im Rahmen der Ausstellung „Stadt-Grün“ im Frankfurter Palmengarten eine Mini-Wand von Blanc installiert worden - sozusagen als Vorgeschmack, denn Matthias Jenny, Direktor des Palmengartens, plant zusammen mit Blanc die längste vertikale Wand der Welt, die mit 1,3 Kilometern Länge an der nordwestlichen Außenseite des Palmengartens entstehen soll. Jenny hebt den ökologischen Wert des Projekts hervor, das an einer vielbefahrenen Straße realisiert wird: „Die vertikale Wand produziert Sauerstoff und schluckt CO2.“ Er will mit Hilfe von Spenden das gut 2,5 Millionen Euro teure Projekt verwirklichen.

          Die Planung eines vertikalen Gartens kann kompliziert sein. Allein für die 25 Meter hohe Außenwand des Caixa-Forums in Madrid hat Blanc 250 verschiedene Arten verwendet, insgesamt 2500 Pflanzen, von der Zwergkonifere bis zu mediterranen Kräutern wie Salbei und Rosmarin. Grundsätzlich gilt: Je wärmer die Umgebung, desto artenreicher kann ein vertikaler Garten gestaltet werden. Blanc kann dann auch jene Pflanzen verwenden, die er auf seinen zahlreichen Exkursionen in tropische Regenwälder findet, wo er im Unterholz nach neuen Arten sucht, die ohne Sonnenlicht auskommen, oder wenn er sich an Kliffs und Höhlen entlanghangelt, um Rankpflanzen zu entdecken, die nichts als Wasser und Licht brauchen. Die dürften allerdings wenig geeignet sein für Pflanzenwände weit nördlich des Äquators.

          Natürliche Veränderungen als Teil des Konzepts

          Die Wand am Frankfurter Palmengarten muss mit winterharten Sorten vorliebnehmen, die auch den deutschen Frost überstehen. Dem Mur Végétal an der Berliner Friedrichstraße, der im Mai 2008 installiert wurde, haben die schweren Winter bislang nichts anhaben können - ohne dass er besonders gepflegt oder geschützt werden müsste. Auch das ist ein Phänomen der vertikalen Gärten.

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