https://www.faz.net/-gum-nl5y

St. Petersburg : Mit dem Lineal träumen

Frühling in St. Petersburg - mit tiefgefrorener Newa Bild: ZDF

St. Petersburg ist eine italienische und holländische - aber vor allem auch eine deutsche Stadt.

          3 Min.

          Es ist häufig behauptet worden, St. Petersburg mit seinen schnurgeraden Alleen sei eine deutsche, das noch immer verwinkelte Moskau dagegen eine russische Stadt. Das ist noch kein Kompliment für die jüngere der beiden russischen Hauptstädte. Bevor die Zeitläufte Petersburg zu Petrograd, gar zu Leningrad degradierten und jenes Leningrad zu einer versprengten Stadt wurde, betrachteten Russen die Gründung ihres Zaren Pjotr Alexejewitsch nicht selten mißtrauisch: Bewundert wurde sie zwar wegen ihrer Schönheit und Pracht, aber es sind auch viele Haßerklärungen überliefert. In dieser Mischung aus Bewunderung, Skepsis und Abscheu ist das Bild der Stadt dem Ruf der Deutschen ähnlich, die sie entscheidend mitgeprägt haben.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Petersburg ist eine italienische und eine holländische, aber auch ganz wesentlich eine deutsche Stadt. Am berühmtesten Boulevard Rußlands, dem Newskij-Prospekt, ging es zeitweise deutscher zu, als es vielen Russen lieb war. Noch um die Jahrhundertwende waren die Ladenzeilen voller deutscher Geschäfte und Büros: Ein Optiker Richter und ein Fotograf Bürger hatten ihre Läden gleich im Haus Nummer eins, nur einen Steinwurf vom Winterpalais entfernt.

          Geschäftsinhaber mit deutschen Namen

          Den Boulevard hinab in Richtung Moskauer Bahnhof folgten das Blumengeschäft Gerstner, der Grammophonladen Burchard, das Gouvernantenvermittlungsbüro Bötlin und mehr als ein Dutzend weiterer Geschäfte, deren Inhaber deutsche Namen trugen. Wer auf dem Newskij Anzüge, Handschuhe, Bücher, Möbel oder Pelze kaufen wollte, konnte das bei deutschen Kaufleuten tun. Zumindest in diesem Teil der Stadt kamen Deutsche auch ohne Kenntnis der Landessprache zurecht. Das galt aber schon nicht mehr, sobald sie sich vom Trottoir auf die Straße wagten.

          Als Bismarck 1859 als preußischer Gesandter in die Stadt gekommen war, amüsierte er sich zwar über die vielen hinter kyrillischen Buchstaben verborgenen deutschen Ladenschilder auf dem Newskij, ereiferte sich aber noch Jahre später in seinen Erinnerungen über die rüde Fahrweise der Petersburger Kutscher. Von Petersburg aus hatte er seiner Frau nach Hause geschrieben, sie solle besser den eigenen Kutscher mitbringen, wenn sie nachkomme: "Ein Russe an seiner Stelle spart 1 Kutscher, liegt im Hundeloch statt Wohnung, säuft aber." Natürlich bevölkern in Petersburg auch in der Literatur Deutsche das Stadtbild. Bei Puschkin, Gogol, Dostojewskij und den anderen genialen Heimatdichtern erscheinen sie häufig, bisweilen auch, wie bei Gontscharow, als Gegenstück zum russischen Faulenzer Oblomow. Die Petersburger Deutschen sind meist Menschen, die mit dem Lineal träumen und ihre Gefühle in Gramm wiegen, phantasielose Seelen, schnurgerade wie die sternförmig auf die Admiralität zulaufenden Prospekte der Stadt.

          Echte Petersburger Deutsche gibt es kaum noch

          Die deutsche Gegenwart in der Stadt wird nicht mehr von den wenigen an der Newa geborenen Deutschen getragen. Das Goethe-Institut, das Konsulat und die Außenstelle des Büros der deutschen Wirtschaft sind Fixpunkte. Es leben zwar noch Rußlanddeutsche in Petersburg und der Region, doch daß es 5000 sein sollen, wie ihre Funktionäre nach dem Zerfall der Sowjetunion gern behaupteten, dürfte übertrieben sein. Echte Petersburger Deutsche gibt es kaum noch. Es sind aber einige aus Deutschland Zugereiste dem eisigen Charme erlegen, die nun als Journalisten, Unternehmensberater oder Geschäftsleute dort leben.

          Eine der wenigen Linien des deutschen Lebens in St. Petersburg, die nach der Unterbrechung durch die Weltkriege und die sowjetische Diktatur wiederaufgenommen wurden, ist die "St. Petersburgische Zeitung". Ihre historische Vorgängerin gleichen Namens (Redaktionssitz: Newskij-Prospekt) war nicht das einzige, aber das traditionsreichste und beste deutsche Blatt in der Hauptstadt. Wer in der städtischen Bibliothek einen Blick in die alten Jahrgänge der 1727 erstmals erschienenen, mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs dann eingestellten "SPZ" wirft, stößt auf eine Flut von Kleinanzeigen, die Ausweis der damaligen Lebendigkeit des deutschen Mikrokosmos in der aufstrebenden Stadt sind. Ein solches Anzeigenaufkommen hat die neue St. Petersburgische Zeitung noch nicht erlebt. Als Monatszeitung ist sie seit 1991, neugegründet von zwei Russen und zwei Rußlanddeutschen, wieder in der Stadt präsent, doch hangelt sich das Blatt mühevoll von Ausgabe zu Ausgabe. Einer der rußlanddeutschen Gründungsherausgeber ist inzwischen nach Deutschland ausgereist. Von einem Büro am Newskij können seine zurückgeblieben Kollegen höchstens phantasieren.

          Weitere Themen

          Zahl der Neuinfektionen sinkt stark

          Inzidenzwert fällt auf 11,6 : Zahl der Neuinfektionen sinkt stark

          Das RKI hat seit dem Vortag 1330 neue Ansteckungen mit dem Coronavirus registriert, vor einer Woche waren es noch 3187. Die Sieben-Tage-Inzidenz sinkt stetig weiter. Experten fordern unterdessen die Schaffung von Strukturen zur Behandlung von hundertausenden Post-Covid-Patienten.

          Topmeldungen

          Mietkäufe bei Immobilien : Miete zahlen, Eigentum bilden

          Schon seit Langem versucht die Politik, aus mehr Mietern Eigentümer zu machen. Mehrere Parteien wollen jetzt Mietkäufe stärker fördern. Das Modell klingt gut, doch in der Praxis lauern noch Tücken.
          Russischer Panzer rollen im April 2021 nach Manövern auf der Krim an Bord von Landungsschiffen.

          F.A.Z. Frühdenker : Kein Interesse an einem neuen Kalten Krieg

          Vom Treffen zwischen Biden und Putin gehen Entspannungssignale aus. Bundespräsident Steinmeier ist in Polen. Und die dänische Nationalmannschaft wieder im Stadion. In Deutschland wird es heiß. Der F.A.Z. Newsletter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.