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Sprachbewusstsein : „Sozialtourismus“ ist Unwort des Jahres

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Bild: dpa

Das „Unwort des Jahres 2013“ heißt „Sozialtourismus“. Mit dem Schlagwort hätten einige Politiker und Medien gezielt Stimmung gegen unerwünschte Zuwanderer aus Osteuropa gemacht, begründet die Jury ihre Entscheidung.

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          Das „Unwort des Jahres 2013“ lautet „Sozialtourismus“. Das teilte die „Unwort“-Jury unter dem Vorsitz der Sprachwissenschaftlerin Nina Janich am Dienstag in Darmstadt mit. Mit dem Schlagwort „wurde von einigen Politikern und Medien gezielt Stimmung gegen unerwünschte Zuwanderer, insbesondere aus Osteuropa, gemacht“, begründete die Jury ihre Entscheidung.

          Janich erklärte: „Dies diskriminiert Menschen, die aus purer Not in Deutschland eine bessere Zukunft suchen, und verschleiert ihr prinzipielles Recht hierzu.“ Der Ausdruck reihe sich ein in ein Netz weiterer Unwörter, die diese Stimmung befördern, wie etwa „Armutszuwanderung“. Mit dem Begriff „Armutszuwanderung“ bezeichnet die CSU gering qualifizierte Migranten, die nach Einschätzung der Partei in Deutschland vor allem Sozialleistungen in Anspruch nehmen wollen, aber kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.

          Für die Jury waren unter den mehr als 1300 Einsendungen oft genannte Begriffe wie „Supergrundrecht“ und „Armutszuwanderung“ in der engeren Wahl. Das Gremium entscheidet aber unabhängig und richtet sich nicht nach der Häufigkeit der Vorschläge.

          Das „Unwort des Jahres“ wird seit 1991 ausgewählt. Die Aktion will das Sprachbewusstsein und die Sprachsensibilität in der Bevölkerung fördern. Die Jury besteht aus vier Sprachwissenschaftlern, einem Journalisten sowie einem jährlich wechselnden Mitglied aus dem Bereich Kultur und Medien.

          Vor einem Monat war der Begriff „GroKo“ zum Wort des Jahres 2013 gewählt worden - als besonders interessante, sprachspielerische Wortbildung, die in ihrem Anklang an „Kroko“ beziehungsweise „Krokodil“ eine halb spöttische Haltung zeige, wie die Gesellschaft für deutsche Sprache ihre Entscheidung begründete.

          Auf den zweiten Platz setzten die Sprachforscher „Protz-Bischof“. Unter diesem Namen war Franz-Peter Tebartz-van Elst weit über die Grenzen seines Bistums Limburg hinaus bekannt geworden. Als Gegenpol zu Protz und Prunk wurde die „Armutseinwanderung“ auf Platz drei gewählt

          Die Unwörter der vergangenen Jahre

          2012: „Opfer-Abo“: Das Schlagwort hatte Wetter-Moderator Jörg Kachelmann geprägt. Er meinte damit, dass Frauen immer wieder die Opferrolle zugesprochen wird. Die Jury kritisierte, der Begriff stelle Frauen „pauschal und in inakzeptabler Weise“ unter den Verdacht, sexuelle Gewalt zu erfinden und damit selbst Täterinnen zu sein.

          2011: „Döner-Morde“: Mit der „sachlich unangemessenen, folkloristisch-stereotypen Etikettierung“ würden ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt, erklärte die Jury.

          2010: „Alternativlos“: Das Wort suggeriere zu Unrecht, dass keine Diskussion mehr notwendig sei.

          2009: „Betriebsratsverseucht“: Damit würden Arbeitnehmer-Interessen in völlig unangemessener Weise als Seuche dargestellt.

          2008: „Notleidende Banken“: Der Begriff stelle das Verhältnis von Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrise auf den Kopf.

          2007: „Herdprämie“: Diffamierung von Eltern, insbesondere von Frauen, die ihre Kinder zu Hause erziehen, anstatt einen Krippenplatz in Anspruch zu nehmen.

          2006: „Freiwillige Ausreise“: Damit werde suggeriert, dass viele abgelehnte Asylbewerber vor einer Abschiebung „freiwillig“ in ihre Heimat zurückkehrten. Tatsächlich hätten sie keine Wahl.

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