https://www.faz.net/-gum-84s2w

Wiener Hofreitschule : Des Kaisers weiße Lipizzaner

Die Hohe Schule im Jahr 2003: Ein Lipizzaner zeigt eine Kapriole, mit der einst gegnerische Soldaten auf dem Felde außer Gefecht gesetzt wurden. Bild: dpa

Die traditionsreiche Hofreitschule in Wien feiert Jubiläum. Doch Kritiker meinen, die Qualität am Hof habe nachgelassen – und die alte Kunst sei zu einem Spektakel verkommen.

          Was kann man tun, um ein fünfjähriges Mädchen zu trösten, das sich beim Umzug von Berlin nach Wien das Bein gebrochen hat und vom neuen Wohnort auch nicht eben begeistert ist? Man besucht mit ihr die Morgenarbeit der Spanischen Hofreitschule. Prachtvolle weiße Lipizzanerhengste werden dort von schmucken Reitern in zierlichen Schritten auf Achterbahnen durch die Halle geritten. Und was für eine Halle ist es! In klarem Marmorweiß gehalten, von Logen und Kolonnaden gesäumt und von barockem Zierrat überwölbt, ist die 1735 fertiggestellte Winterreitschule des Baumeisters Fischer von Erlach der Jüngere als Tummelplatz für Pferde einzigartig. Obgleich die Morgenarbeit nur der öffentliche und auf Dauer wenig spektakuläre Teil des Trainings ist, sind die Logen, in denen man aus hoher Warte dem Treiben zusehen kann, von einem sicht- und hörbar internationalen Publikum gut gefüllt. Wer mit gebrochenem Bein im Rollstuhl sitzt, darf sogar zu ebener Erde ganz nah an den Pferden sitzen.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Das Repertoire der Künste ist einmal die Woche in Vorführungen zu bewundern: Gänge wie Traversale und Piaffe, Sprünge wie Courbette und Kapriole, am Zügel oder mit Reiter, und Choreographien wie der Pas de deux oder die Schulquadrille. Das Ballett zu Pferde entspringt wie das Gebäude, in dem es stattfindet, höfischer Tradition. Doch als nach dem Ersten Weltkrieg die Republik errichtet wurde, da wurden auch die Lipizzaner und die Kunst, sie zu bereiten, in die neue Zeit mitgenommen - nunmehr aber für ein öffentliches Publikum. Die Uniform der Reiter - und der Reiterin, seit ein paar Jahren sind auch Frauen zugelassen - ist aber traditionell geblieben: kaffeebrauner Frack mit einer Doppelreihe glänzender Messingknöpfe (und einer verborgenen Zuckertasche), hirschlederne Reithose in Weiß, schwarze Stulpenstiefel mit verchromten Sporen (ja nicht einsetzen!) und auf dem Kopf ein schwarzer Zweispitz, wie einst Napoleon ihn trug, mit Goldborte.

          Import aus Spanien

          Mit Pomp feiert die Spanische Hofreitschule in dieser Woche ihr 450. Jubiläum mit drei Galavorführungen unter freiem Himmel auf dem Heldenplatz, ferner ein Sommerball mit dem nostalgischen Titel „Fête Impériale“. Zu diesem Anlass kommt Unterstützung aus Spanien. Reiter und Pferde der Königlich Andalusischen Reitschule in Jerez werden ihre Künste mit den Wienern darbieten. Ein Mitglied des Spanischen Königshauses, Infantin Elena, wird neben Bundespräsident Heinz Fischer sitzen und, wer weiß, später mit dem sozialdemokratischen Staatsoberhaupt auch das Tanzbein schwingen.

          Schließlich trägt die „Spanische“, wie sie in Wien genannt wird, ihren Namen nicht von ungefähr. Die Habsburger, die im 16. Jahrhundert zugleich Könige von Spanien waren, haben die Pferde von der Iberischen Halbinsel bringen lassen, um ihre Sprösslinge die höfische Reiterei lernen zu lassen. Die Lipizzaner wiederum tragen ihren Namen nach dem einstigen kaiserlichen Gestüt in Lipica, heute Slowenien. Die Zucht findet seit dem Ende der Monarchie auf dem steirischen Gestüt Piber statt. Stuten und Fohlen von dort sollen zum Jubiläum ebenfalls vorgeführt werden.

          Angesichts dieser Prachtentfaltung wird man nicht allzu kleinlich auf das Jubiläumsdatum schauen, krumme 43 Jahre, nachdem aufwendig der 400. Geburtstag der Spanischen Hofreitschule begangen wurde. 1972 wurde gefeiert, weil man ein Dokument aus dem Jahr 1672 falsch interpretierte. Jetzt bezieht man sich auf eine Zahlungsanweisung aus dem Jahr 1565. Für 100 Gulden sollte ein „Thumblplatz“, eine offene Reitbahn, nahe der Burg errichtet werden. Das kann man als Zeitpunkt einer Institutionalisierung ansehen. Aber schon vorher ist das Amt eines „Rossbereiters“ nachgewiesen, und die Andalusierpferde wurden zur Zeit Ferdinands I. im Jahr 1521 importiert.

          Frischer Wind dank neuer Chefin

          Die Spanische Hofreitschule jedoch lebt im Hier und Jetzt, und ein Jubiläum ist eine schöne Werbung für ihre Shows. Die braucht sie lieber heute als morgen. Darauf versteht sich Generaldirektorin Elisabeth Gürtler. Acht Jahre hat die Chefin des Hotels Sacher den Wiener Opernball organisiert. Als sie 2008 die Geschäfte der Spanischen Hofreitschule übernommen hat, hatte die Institution einen jährlichen Umsatz von sechs Millionen Euro und ein Defizit in derselben Höhe. Zu decken hat das die Republik, der die Spanische Hofreitschule, obgleich in eine Gesellschaft ausgelagert, gehört. Der Rechnungshof monierte damals Verschwendung im Allgemeinen und Gehälter für Oberbereiter, die über denen eines Bundesministers lägen.

          Gürtler hat die Zahl der Vorführungen auf 80 mehr als verdoppelt, Tourneen ins Ausland vereinbart, dafür ein Zwei-Schichten-System eingeführt, und sie versucht, mit Events und einem „Shop“ zusätzliche Geschäftsfelder zu eröffnen. Heute, sagt die Generaldirektorin, mache sie elf Millionen Euro Umsatz im Jahr, damit decke man 90 Prozent der Kosten. 2011 habe man sogar einen kleinen Gewinn erwirtschaften können. Die Immobilien stellt die Republik, doch erhalten werden müssen sie von den Einkünften der Hofreitschule, einschließlich des Gestüts Piber und des dortigen Barockschlosses. „Allein das Fensterstreichen dort kostet ein Vermögen.“

          „Disneyland“ statt Tradition

          Die Neuerungen gingen nicht ohne Friktionen vonstatten. Gürtler bekam „Brösel“, wie man in Wien liebevoll für einen saftigen Zwist sagt, mit einigen der Bereiter. Manche, unter ihnen die beiden Oberbereiter, schieden aus. Mit ihnen ging zweifellos wertvolles Wissen und Können verloren. Dass nur die beiden dieses Können in dieser Vollständigkeit vereinten und dessen Weitergabe nun gefährdet sei, sagen Kritiker der Geschäftsführung unter Verweis auf Qualifizierungslisten. Gürtler widerspricht dem. Auch das heutige Personal sei qualifiziert. „Natürlich können beide Oberbereiter alle Lektionen ausbilden“, sagt sie. „Ich weiß, dass das ein Kritikpunkt ist, weil sie nicht selbst alle Lektionen in der Vorführung zeigen.“ Jedoch: „Ein Pferdemann, der so viele Jahre hier ist, der mitverfolgt, wo Fehler liegen, hat ein Auge dafür und weiß natürlich, wie man ausbildet.“

          Der Streit schwelt. Eine kritische Online-Liste ist von rund 1300 Namen aus aller Welt unterzeichnet. Hort der Kritiker ist ein Verein, der sich sinnig „Freundeskreis der klassischen Wiener Reitkunst“ nennt. Diese Reitkunst sehen die Freunde im Niedergang begriffen. Stattdessen werde nurmehr „Disneyland“ betrieben, sagt Karl Friedrich Habel vom Vorstand des Vereins. Er verweist auf Musikuntermalung, bunte Lichter in den Vorführungen und Maximierung des Besucherdurchsatzes. Unter der hohen Belastung leide die saubere Ausbildung von Pferd und Reiter. Der ehemalige Oberbereiter Klaus Krzisch wird in der Zeitschrift „Feine Hilfen“ mit einem vernichtenden Urteil zitiert: Da werde „vielfach hinterm Zügel rumgewurschtelt“, „die Fersen drehen sich auf halb acht“, „die Levadeure wackeln hoch in der Luft rum, statt still und gesetzt über der Erde zu stehen“. Kurz: „Das alles hat mit klassischer Reitkunst nichts mehr zu tun.“

          160 Mitarbeiter am Hof

          Die Hofreitschule widerspricht dem. Den Kritikern spricht Gürtler die Sachkenntnis ab. Pferde seien Bewegungstiere. „Es kann mir niemand erklären, dass eine Vorführung pro Woche ein Pferd überfordert, wenn es einen Programmpunkt zwischen sechseinhalb und zwölf Minuten geht.“ Schon 1920 habe man Musik gespielt, damals auch schon Tourneen gemacht, und in den sechziger Jahren habe es auch schon 70 Vorführungen im Jahr gegeben. Persönliche Kränkungen, vielleicht auch ein unkonzilianter Ton durch die erste Frau an der Spitze der Hofreitschule, mögen neben den fachlichen Differenzen zum Konflikt beigetragen haben. Doch im Kern geht es darum: Ist die klassische Reiterei an der „Spanischen“, immerhin als immaterielles Weltkulturerbe bei der Unesco eingetragen, als L’art pour l’art zu pflegen? Oder ist die einst höfische Einrichtung einem möglichst breiten, auch fachlich nicht so versierten Publikum zu öffnen, möglichst ohne der Republik auf die Tasche zu fallen?

          Gürtler sagt: „Wir sind angetreten mit dem Ziel, die Existenz der Spanischen Hofreitschule zu sichern, indem wir Defizite reduzieren beziehungsweise vermeiden.“ Etwa 160 Mitarbeiter hat die Hofreitschule - Pferdepfleger, Stall- und Bürokräfte, Lehrlinge - an ihren drei Standorten in Wien, Piber und am Trainingszentrum Heldenberg in Niederösterreich, wo die Hengste „Urlaub“ von der Stadt haben. Nur 16 Personen sitzen auf den Pferden. In strenger Hierarchie: zwei Oberbereiter, zwölf Bereiter, zwei Bereiteranwärter (eine weiblich). Drei Eleven sind in der Ausbildung (zwei Frauen, davon eine in Elternzeit), fünf weitere Lehrlinge machen eine Ausbildung zum Pferdewirt.

          Nur die Besten dürfen in den Sattel steigen

          Der Weg zum Bereiter ist lang, Andreas Hausberger vergleicht ihn mit einer Doktorarbeit. Hausberger hat ihn ganz zurückgelegt, er ist einer der Oberbereiter. Von etwa 100 Jugendlichen, die sich jedes Jahr als Eleven bewerben, inzwischen zu zwei Dritteln Mädchen, werden nur höchstens zwei ausgewählt. So schwer es ist, hineinzukommen, steigen doch viele wieder aus, ehe sie auch nur als Bereiteranwärter in Frage kommen. Erst nach zehn Jahren ist der Anwärter dann vielleicht auch ein Bereiter: Wenn er einen Hengst selbst fertig ausgebildet hat, bedeutet das sozusagen die Promotion. Hausbergers „Doktorarbeit“ hieß Conversado Isabella (wie Spanier führen die Hengste auch den Mutternamen).

          „Die Anforderungen sind nicht nur physisch, sondern auch psychisch sehr hoch, denn bei uns stehen die Pferde im Mittelpunkt“, sagt Hausberger. „Die Dressur ist für das Pferd da und nicht das Pferd für die Dressur.“ Den Tieren werde keine unnatürliche Bewegung aufgezwungen. „Alles, was wir hier machen, ist der Natur abgelauscht.“ Ob ein Pferd für bestimmte Schulsprünge in Frage komme, hänge vom individuellen Talent ab. Erst wenn sie vier Jahre alt seien, fange man an, mit den Pferden zu arbeiten, und auch dann lasse man sich Zeit. Trotz der vielen Vorführungen werden die Lipizzaner alt, 25 Jahre oder mehr. Er zeigt auf die bei der Morgenarbeit vorbeitrabenden Tiere. „Schauen Sie: Da ist kein Pferd dabei, das schwitzt nach der Arbeit. Die müssen alle staubtrocken sein, wenn sie in den Stall gebracht werden. Ein schwitzendes Pferd ist nicht gern gesehen.“

          Und die Kleine mit dem gebrochenen Bein, wie hat ihr die Vorstellung gefallen? Sehr gut, sagt sie. „Die Männer waren so schön.“ Die Männer? „Ja. Sie haben so schöne Knöpfe.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach kurzer Krankheit : Schriftsteller Wilhelm Genazino gestorben

          Seit seiner „Abschaffel“-Trilogie vor vierzig Jahren hat Wilhelm Genazino auf unvergleichliche Weise über die Zumutungen des Alltags geschrieben. Jetzt ist der Schriftsteller nach kurzer Krankheit gestorben.
          Gummibärchen von Haribo

          Probleme bei Haribo : Goldbärchen werden knapp

          In vielen Supermärkten werden die Gummibärchen wegen Lieferproblemen bei Haribo knapp. Das Unternehmen hat noch mehr Sorgen: Die Menschen in Deutschland haben weniger Lust auf die Fruchtgummis.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.