https://www.faz.net/-gum-81y3o

Stierkampf in Spanien : Langsam stirbt der Tod am Nachmittag

  • -Aktualisiert am

Der Matador Jose Antonio Ruiz bei einem Stierkampf in Sevilla Bild: Reuters

Spaniens nationale Fiesta war die längste Zeit eine Wachstumsindustrie – die Jugend geht nicht mehr zum Stierkampf. Auch, weil die Tradition schlicht nicht mehr das ist, was sie über die Jahrhunderte war: eine Sache des Volkes.

          4 Min.

          Einmal noch, am Ostersonntag, schien die Welt des Stierkampfs in Ordnung. In der „Maestranza“ zu Sevilla, der Kathedrale der Tauromachie, hing am Kartenschalter das Schild „ausverkauft“. Drinnen hörte das Publikum die ersten Paso-doble-Klänge, sah die Rauchschwaden aus hundert Havannas aufsteigen und erhob sich wie ein Mann, als Juan Antonio Ruiz, genannt „Espartaco“, das Rund betrat.

          Grau war das straff zurückgekämmte Haar des 52 Jahre alten Toreros, der sich nach vierzehn Jahren Pause wegen einer Verletzung doch noch ein letztes Mal der Gefahr aussetzen wollte. Sein Schüler Borja Jiménez, der vom Neuling (Novillero) zum Meister (Matador) aufsteigen wollte, hatte den Lehrer für diese Zeremonie an seine Seite gebeten.

          Obwohl die Stiere, wie so oft im gegenwärtigen Spanien, ihnen mit knieweicher Kraftlosigkeit den Auftritt etwas verdarben, waren die „Aficionados“ auf Triumph eingestimmt. Für „Spartakus“ – er stammt aus einer Gemeinde namens Espartinas in Andalusien – und seinen Zögling wurden schließlich ausreichend Ohren abgeschnitten. Und weil es das erklärte Ende der Karriere des Grauhaarigen war, schnitten dessen Sohn und Vater ihm gemeinsam das kennzeichnende Zöpfchen (Coleta) der Zunft ab, bevor er auf den Schultern seiner Getreuen durch das Große Tor (Puerta Grande) aus der Arena getragen wurde.

          Zunehmende Gleichgültigkeit bei jungen Spaniern

          Ist also alles gut bei dieser spanischsten aller spanischen Traditionen? Fernándo Sánchez Dragó, ein Buchautor und Journalist, der in der „Maestranza“ eine Hommage an Espartaco und den Stierkampf ausbrachte, sprach von der Corrida gar als einem „Sakrament“. Über den Torero als Prototypen sagte er: „Wenn er den Stier besiegt, lehrt er uns zu leben.“ Aber in Wirklichkeit stirbt der Stierkampf in Spanien eines langsamen Todes. Das archaische Schauspiel, das in Zeiten vor den Katholischen Königen zurückreicht und von Philipp II., der kein großer Enthusiast war, dennoch gegen eine Bannbulle des Papstes Sixtus V. verteidigt wurde, ist in ernster Gefahr, an der Gleichgültigkeit einer neuen Generation junger Spanier zu scheitern.

          Die Osterzeit markiert immer den Beginn der Saison. Bei den „Fallas“ von Valencia sah man in der Arena, wie die Spanier sagen, „schon viel Zement“. Da waren also reichlich Plätze frei. Würden Touristen sie nicht wie Eintagsfliegen noch einigermaßen füllen, das Geschäft wackelte vielerorts an der Küste schon. Im Frühling und Sommer kommen dann Sevilla und Madrid, wo der gefühlig patriotische Geist der Stierkampfleidenschaft am längsten zu überdauern verspricht. Bei den Sanfermines im Juli in Pamplona geht es wiederum weniger um Stiere als um eine heitere, ausgelassene Fiesta. Und wenn die Saison im Herbst in Saragossa endet, wird auch in diesem Jahr wieder mit gemischten Gefühlen Bilanz gezogen werden müssen.

          Die Zahlen des Kulturministeriums deuten unerbittlich auf einen Niedergang des von Ernest Hemingway einst in seinem Buch „Tod am Nachmittag“ emotional propagierten Unternehmens, das sogar der wilde Westgotenkönig Sisebuto schon mit gemischten Gefühlen sah, weil ihm der Bischof von Barcelona bei dem Anblick der Stiere immer ganz aus dem Häuschen zu geraten schien. Inzwischen ist der Stierkampf – weniger aus tierschützerischen, sondern vor allem aus politisch-separatistischen Gründen – in Katalonien verboten worden. Auch der atlantische Touristen-Archipel der Kanaren hat ihn untersagt. Im Baskenland, wo sonst alles „Spanische“ tabu ist, ist die Corrida hingegen noch ziemlich lebendig. Aber auch dort wie im übrigen Spanien gehen die Gewinnzahlen und die der Besucher merklich zurück. Die Wirtschaftskrise, das Desinteresse der fußballorientierten Jugend, die andauernden Proteste grüner Tierfreunde und die Regionalnationalismen machen dem Stierkampf zu schaffen, und seine Instrumentalisierung durch die Politik hat ihm mehr geschadet als genutzt.

          „Nationale Fiesta“ keine Wachstumsindustrie mehr

          Im Jahr 2013 gab es nach den jüngsten Angaben des Kulturministeriums in Spanien noch knapp zweitausend Stierkämpfe aller Kategorien. In jedem der vergangenen sechs Krisenjahre verlor die Corrida bei den Zuschauern einige Prozentpunkte. Derweil erwies sich der Sektor geradezu als Magnet für Arbeitslose. Im Gegensatz zu dem Rückgang beim Publikum stand das wachsende Interesse junger Möchtegern-Toreros, die sich von den noch immer stattlichen Honoraren der Besten beeinflussen ließen. Und in den teils – so wie etwa in Madrid – von konservativen Regionalregierungen subventionierten Stierkampfschulen, wo auch „Picadores“ (Lanzenreiter) oder „Banderilleros“ (die Helfer mit den aufreizenden Pfeilen) lernen können, nahmen Betrieb und Nachfrage zu.

          Aber Spaniens „nationale Fiesta“ ist keine Wachstumsindustrie mehr, das ist nicht zu leugnen. Sogar Paco March, Stierkampfkritiker der Zeitung „La Vanguardia“ und Vorsitzender des Stierkampfverbandes von Katalonien, ließ sich dieser Tage von der Internetzeitung „El Confidencial Digital“ mit einem als Aufruf getarnten Nachruf zitieren, als er sagte: „Man muss den (jungen) Leuten vermitteln, dass zu den Toros zu gehen so ist wie ins Kino zu gehen oder ins Theater.“ Das ist aber, trotz einiger Bemühungen der Regierung des Ministerpräsidenten Mariano Rajoy in diesem Wahljahr, eine Sisyphusarbeit. Da gibt es einen Gesetzentwurf, der noch in dieser Legislaturperiode endgültig verabschiedet werden soll und der den Stierkampf zu einem schützenswerten „Kulturgut“ erklärt. Parallel dazu gibt es Bestrebungen mit höchst ungewissen Aussichten, der Corrida auch bei der Unesco zum Rang eines Weltkulturerbes zu verhelfen. Den größten Gefallen täten die Regierenden dabei ihrem Thema wohl, wenn sie erst einmal die Mehrwertsteuer für Kulturveranstaltungen senkten, die gegenwärtig bei 21 Prozent liegt und auch den Stierkampf einschließt.

          Sinkende Nachfrage wegen Fußball

          Dann wiederum konkurriert bei den Jugendlichen, denen bei Real Madrid oder dem FC Barcelona kein Preis zu hoch ist, der Eintritt mit der Indifferenz. Dahinter steckt ein bisschen auch die Aversion gegen die Corrida als Domäne von Grafen, Großgrundbesitzern, korpulenten Impresarios und anderen Privilegierten – was auf die Kicker keine Anwendung findet. Der Stierkampf ist schlicht nicht mehr, was er über die Jahrhunderte in Spanien war: eine Sache des Volkes. Er war, vor allem seit er von den Toreros zu Fuß und nicht mehr zu Pferde ausgetragen wurde, ungeachtet aller politischen Färbungen und Präferenzen eine Sache „von denen da unten gegen die da oben“. Dass „der Hunger mehr schmerzt als jeder Hornstoß“, war im Volksmund immer Ansporn für Wagemutige aus der Provinz. Da gab es, obwohl die „Linke“ sich heutzutage fromm distanziert, keine ideologischen Unterschiede. Die Corridas florierten in der Republik genauso wie unter Franco.

          Doch die Zeiten ändern sich, so dass bald womöglich nicht einmal mehr verboten werden muss, was eines natürlichen Todes stirbt. Der vielleicht symbolträchtigste Wandel mag dabei noch dem Wechsel auf dem Königsthron zukommen. Juan Carlos I. geht noch hin, klopft auf Schultern und ist ein überzeugter Verfechter des Stierkampfes als Teil, wie er glaubt, des Wesens alles Spanischen. Sein Sohn und Nachfolger Felipe VI. ist da schon von anderem Zuschnitt. Er wurde, seit er König ist, noch bei keiner Corrida gesehen und dürfte – vor allem, wenn er auf seine Frau hört – dort auch so schnell nicht gesehen werden.

          Weitere Themen

          In der Stadt der Zwillinge Video-Seite öffnen

          Alles doppelt : In der Stadt der Zwillinge

          Im nigerianischen Igbo-Ora gibt es landesweit die meisten Zwillinge. Die Stadt hat sich deshalb zur Hauptstadt der Zwillinge ernannt und feiert deshalb bereits zum zweiten Mal das „World Twins Festival“.

          Topmeldungen

          Sogenannte Fußballfans in Bulgarien, einem „der tolerantesten Länder der Welt“?

          Gegen den Hass : Die Strafen müssen weh tun

          Im Fußball hat sich ein Klima entwickelt, in dem sich Rassisten und Nazis ungeniert ausleben. Sanktionen schlugen bislang fehl. Ohne Punktabzüge und Disqualifikationen wird es nicht gehen. Aber selbst das reicht nicht.
          Wer zu den Besten in der Forschung gehören möchte, muss sich den Platz hart erkämpfen. Auch in Deutschland gibt es hierfür inzwischen Graduiertenschulen, die die Promovierenden unterstützen.

          Spitzenforschung : Wo die Promotion zur Selektion wird

          Amerikas Dominanz in der Spitzenforschung hat auch die hiesige Nachwuchsförderung kräftig umgekrempelt. Wer oben mitspielen will, muss an eine Graduiertenschule und sich von dort aus die begehrten Plätze erkämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.