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Stierkampf in Spanien : Langsam stirbt der Tod am Nachmittag

  • -Aktualisiert am

„Nationale Fiesta“ keine Wachstumsindustrie mehr

Im Jahr 2013 gab es nach den jüngsten Angaben des Kulturministeriums in Spanien noch knapp zweitausend Stierkämpfe aller Kategorien. In jedem der vergangenen sechs Krisenjahre verlor die Corrida bei den Zuschauern einige Prozentpunkte. Derweil erwies sich der Sektor geradezu als Magnet für Arbeitslose. Im Gegensatz zu dem Rückgang beim Publikum stand das wachsende Interesse junger Möchtegern-Toreros, die sich von den noch immer stattlichen Honoraren der Besten beeinflussen ließen. Und in den teils – so wie etwa in Madrid – von konservativen Regionalregierungen subventionierten Stierkampfschulen, wo auch „Picadores“ (Lanzenreiter) oder „Banderilleros“ (die Helfer mit den aufreizenden Pfeilen) lernen können, nahmen Betrieb und Nachfrage zu.

Aber Spaniens „nationale Fiesta“ ist keine Wachstumsindustrie mehr, das ist nicht zu leugnen. Sogar Paco March, Stierkampfkritiker der Zeitung „La Vanguardia“ und Vorsitzender des Stierkampfverbandes von Katalonien, ließ sich dieser Tage von der Internetzeitung „El Confidencial Digital“ mit einem als Aufruf getarnten Nachruf zitieren, als er sagte: „Man muss den (jungen) Leuten vermitteln, dass zu den Toros zu gehen so ist wie ins Kino zu gehen oder ins Theater.“ Das ist aber, trotz einiger Bemühungen der Regierung des Ministerpräsidenten Mariano Rajoy in diesem Wahljahr, eine Sisyphusarbeit. Da gibt es einen Gesetzentwurf, der noch in dieser Legislaturperiode endgültig verabschiedet werden soll und der den Stierkampf zu einem schützenswerten „Kulturgut“ erklärt. Parallel dazu gibt es Bestrebungen mit höchst ungewissen Aussichten, der Corrida auch bei der Unesco zum Rang eines Weltkulturerbes zu verhelfen. Den größten Gefallen täten die Regierenden dabei ihrem Thema wohl, wenn sie erst einmal die Mehrwertsteuer für Kulturveranstaltungen senkten, die gegenwärtig bei 21 Prozent liegt und auch den Stierkampf einschließt.

Sinkende Nachfrage wegen Fußball

Dann wiederum konkurriert bei den Jugendlichen, denen bei Real Madrid oder dem FC Barcelona kein Preis zu hoch ist, der Eintritt mit der Indifferenz. Dahinter steckt ein bisschen auch die Aversion gegen die Corrida als Domäne von Grafen, Großgrundbesitzern, korpulenten Impresarios und anderen Privilegierten – was auf die Kicker keine Anwendung findet. Der Stierkampf ist schlicht nicht mehr, was er über die Jahrhunderte in Spanien war: eine Sache des Volkes. Er war, vor allem seit er von den Toreros zu Fuß und nicht mehr zu Pferde ausgetragen wurde, ungeachtet aller politischen Färbungen und Präferenzen eine Sache „von denen da unten gegen die da oben“. Dass „der Hunger mehr schmerzt als jeder Hornstoß“, war im Volksmund immer Ansporn für Wagemutige aus der Provinz. Da gab es, obwohl die „Linke“ sich heutzutage fromm distanziert, keine ideologischen Unterschiede. Die Corridas florierten in der Republik genauso wie unter Franco.

Doch die Zeiten ändern sich, so dass bald womöglich nicht einmal mehr verboten werden muss, was eines natürlichen Todes stirbt. Der vielleicht symbolträchtigste Wandel mag dabei noch dem Wechsel auf dem Königsthron zukommen. Juan Carlos I. geht noch hin, klopft auf Schultern und ist ein überzeugter Verfechter des Stierkampfes als Teil, wie er glaubt, des Wesens alles Spanischen. Sein Sohn und Nachfolger Felipe VI. ist da schon von anderem Zuschnitt. Er wurde, seit er König ist, noch bei keiner Corrida gesehen und dürfte – vor allem, wenn er auf seine Frau hört – dort auch so schnell nicht gesehen werden.

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