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Späte Ehrung : Steinmeiers Widerstandskämpferin

  • -Aktualisiert am

Gutachterin stellt unweigerlich fest, dass Stöbe „Widerstand durch Verrat“ leistete

Nachdem die Bundestagsfraktion der Linken im Oktober 2011 den Antrag gestellt hatte, Ilse Stöbe als „Widerstandskämpferin im Auswärtigen Amt“ anzuerkennen, beauftragte das AA das Münchener Institut für Zeitgeschichte im Juni 2012 mit der Anfertigung eines Gutachtens. Es wurde ein Jahr später fertiggestellt. Für die Gutachterin Elke Scherstjanoi steht unmissverständlich fest, dass Stöbe „Widerstand durch Verrat“ leistete und in die „Widerstandsgalerie“ aufgenommen werden kann. Dass die Rehabilitierung Schelihas teilweise auf Kosten von Stöbe ging, hebt sie hervor. Unter anderem mutmaßte Sahm in seinem Scheliha-Buch, Stöbe hätte „anscheinend nur noch als Belastungszeugin gegen Scheliha zu dienen“ gehabt. Die von Fischer eingesetzte UHK habe diese These in dem umstrittenen Buch „Das Amt und die Vergangenheit“ dann „verkürzt und unbegründet“ übernommen: „Im Prozess gegen Scheliha war Stöbe die Hauptbelastungszeugin.“

Die Motive für Stöbes Agententätigkeit waren laut Scherstjanoi nicht finanzieller Art, sondern „politischer Natur“. Die Entwicklung im „Dritten Reich“ habe sie darin bestärkt, „zur Verhinderung eines deutschen Eroberungskrieges beitragen zu müssen, indem sie der sowjetischen Führung Stimmungsberichte sowie Interna der deutschen Außenpolitik, der Aufrüstung und militärische Aufmarschpläne zutrug“. Daraus lasse sich „weder auf einen Mangel an Patriotismus noch auf Naivität und auch nicht auf stalinistische Verblendung“ schließen. Sie sei in der Haftzeit „besonders besonnen und kameradschaftlich“ gewesen und habe sich gegenüber der „kommunistischen Utopie“ eine „kritische Geisteshaltung“ bewahrt.

Das Gutachten überzeugte Steinmeier wohl davon, Ilse Stöbe nicht nur als „Opfer von Gewalt und Terror“, sondern gleich als Widerstandskämpferin zu ehren. Bei der „Gedenkstunde“ werden übrigens in einer Vitrine einige Dokumente gezeigt. Kernaussage der Vitrine soll sein, „dass sich im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts zwar wenig zu Ilse Stöbe finden lässt, dass sie aber zweifelsfrei im AA beschäftigt war“. Ein Journaleintrag dient beispielsweise als indirekte Bestätigung für ihr Arbeitsverhältnis mit der Wilhelmstraße, weil ihre Personalakte nicht mehr existiert. Die dürftige Überlieferung hielt über Jahre als Entschuldigung dafür her, dass sich der Werdersche Markt mit ihrer Ehrung viel Zeit ließ. Mit der Gravur an letzter Stelle auf der Gedenkwand, die oft die Kulisse für mediale Auftritte des Ministers bildet, wird Ilse Stöbe nun vor aller Welt ein kleines Denkmal gesetzt.

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