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Späte Ehrung : Steinmeiers Widerstandskämpferin

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Während ihrer Warschauer Korrespondentenzeit machte Herrnstadt sie mit Scheliha bekannt. Der habe, so Coppi, den Kommunismus und die Sowjetunion entschieden abgelehnt. Daher ließ ihn Herrnstadt in dem Glauben, dass über den deutschen Diplomaten der britische „Secret Service“ mit wichtigen Interna aus der Warschauer Botschaft versorgt werden sollte. Von Januar 1940 an war Scheliha in der Berliner Informationsabteilung des AA, wo Stöbe im Mai eine Anstellung als Pressebearbeiterin fand. Im Sommer erkrankte sie schwer, Kuraufenthalte und Beurlaubungen wurden notwendig, das Arbeitsverhältnis endete am 31. Dezember 1940. Im ersten Halbjahr 1941 konnte sie wichtige Informationen über Vorbereitungen des Unternehmens „Barbarossa“ nach Moskau „weiterleiten“. Mittlerweile hatte sie dem persönlich sehr verbundenen Redakteur Carl Helfrich eine Stelle im AA verschafft und ihn „für die Mitarbeit bei der GRU gewonnen“. Bis zum März 1942 arbeitete Stöbe für die Dresdner Lingner-Werke. Vieles spreche dafür, dass Scheliha „ihr im April 1942 für drei Monate zu einer erneuten Arbeitsmöglichkeit in der Informationsabteilung verholfen“ habe, meint Coppi.

Im Journal: Spuren zu Rudolf von Scheliha und Ilse Stöbe

Am 12. September 1942 wurden zunächst Stöbe und Helfrich von der Gestapo festgenommen, am 29. Oktober auch Scheliha – im Rahmen der „Aktion Rote Kapelle“ der Gestapo. Dabei gehörte Stöbe nicht der Gruppe Schulze-Boysen/Harnack an, sondern agierte eigenständig und unabhängig. Das Reichskriegsgericht verurteilte Scheliha und Stöbe am 14. Dezember 1942 wegen Landesverrats zum Tode; vollstreckt wurde das Urteil eine Woche später. Kurz vorher soll sie noch die „Internationale“ in ihrer Zelle gepfiffen haben. Helfrich überlebte die Haft, und Herrnstadt kehrte bei Kriegsende 1945 aus Moskau in das besetzte Deutschland zurück. Beide waren zunächst bei der „Berliner Zeitung“, Herrnstadt als Chefredakteur. Helfrich gab am 2. Oktober 1945 in einem Lebenslauf für seine Anerkennung als Opfer des Faschismus Stöbe als seine „Braut“ aus. Und in einem SED-Fragebogen trug Herrnstadt 1951 unter der Rubrik „Verhaftete Familienangehörige“ Ilse Stöbe als seine Frau ein und nannte sie gemeinsam mit seinen Eltern und Geschwistern, die alle in Auschwitz umgekommen waren.

In der frühen DDR spielte Stöbe bei den Großkundgebungen zum Gedenken der Opfer des Faschismus keine Rolle. Erst nachdem die Moskauer Zeitung „Prawda“ 1967 eine Artikelserie mit dem Titel „Ihr Deckname war ,Alta‘“ veröffentlicht hatte und ihr 1969 postum – gemeinsam mit Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack – die traditionsreichste Auszeichnung der Sowjetunion, der „Rotbannerorden“, verliehen worden war, heroisierte Ost-Berlin auch sie als „Kundschafterin des Friedens“. Demgegenüber wurde sie in Bonn – in verlängerter Gestapo- und Reichsgerichts-Perspektive – als Spionin stigmatisiert: geltungssüchtig, verschwenderisch und sexbesessen. Der Historiker Martin Kröger, Mitarbeiter im Politischen Archiv des AA und leitender Bearbeiter für das Diplomatenlexikon, setzt sich amtsintern seit langem für eine Neubewertung Ilse Stöbes ein, weil die Forschung zu den Hitler-Gegnern über den „alten Stand“ längst hinweggekommen sei, „dass der kommunistische Widerstand nicht gleichwertig war“. Zudem müsse berücksichtigt werden, dass der Krieg gegen die Sowjetunion ein Rasse- und Vernichtungskrieg war.

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