https://www.faz.net/-gum-7rf4n

Späte Ehrung : Steinmeiers Widerstandskämpferin

  • -Aktualisiert am

Für eine Rehabilitierung Schelihas setzte sich seit Mitte der achtziger Jahre der pensionierte Botschafter Ulrich Sahm ein. 1990 veröffentlichte er eine Studie über ihn. Vornehmlich auf dieser Basis urteilte im Oktober 1995 das Verwaltungsgericht Köln, „dass Scheliha aufgrund der politischen Gegnerschaft verfolgt worden“ sei. Laut Zeugenaussagen sei es nicht vorstellbar, dass er „bezahlten Landesverrat“ begangen habe. Daraufhin enthüllte Staatssekretär Hans-Friedrich von Ploetz Ende Dezember 1995 eine Scheliha-Plakette direkt unter der AA-Ehrentafel und nannte ihn ein „Opfer von Gewalt und Terror“; das Wort „Widerstandskämpfer“ vermied er. Schelihas Name steht seit dem Jahr 2000 an oberster Stelle auf der nach Todesdaten geordneten Berliner Gedenkwand.

Auf Urlaub: Hohe Tatra, in den dreißiger Jahren

Im Zuge der sogenannten Nachrufaffäre setzte Außenminister Fischer im Sommer 2005 eine „Unabhängige Historikerkommission“ (UHK) ein, die während der ersten Amtszeit von Außenminister Steinmeier ihrem Auftrag nachging und zu Beginn der Amtszeit von Außenminister Westerwelle im Oktober 2010 das von begeisterungsfähigen Feuilletonisten vorschnell gefeierte Buch „Das Amt und die Vergangenheit“ vorlegte. Breiten Raum nahm in dieser Studie auch der „Fall Scheliha“ ein. Generell kommen aber die Widerstandskämpfer der alten Wilhelmstraße, die seit Jahrzehnten Identifikationsfiguren und Gallionsfiguren des neuen Auswärtigen Dienstes sind, in der Studie eher am Rande vor. Daher lässt sich sagen: Hinter wenigen Aufrechten aus der Zeit vor 1945, die nicht nur die Karriere, sondern das Leben riskiert beziehungsweise verloren hatten, versteckten sich nach 1945 Scharen von Mitläufern und manche Mittäter, die der jungen Bundesrepublik wieder als Diplomaten dienten; ihnen galt das eigentliche Interesse der UHK.

Was Stöbe betrifft, so machte diese Zeitung am 20. Juli 2011 in einem Beitrag über Gedenken und Tradition des Auswärtigen Amts und am 20. Juli 2012 in einem Artikel über den hohen Anteil von Frauen unter den kommunistischen Gegnern des Nationalsozialismus darauf aufmerksam, dass auch Ilse Stöbe ein „Opfer von Gewalt und Terror“ (gemäß Ploetz-Formulierung von 1995) und eine Ehrung seitens des AA längst überfällig sei. Zu Stöbe veröffentlichte dann Hans Coppi junior, Sohn des hingerichteten Widerstandskämpfers der „Roten Kapelle“, 2013 eine einfühlsame biographische Annäherung unter dem Titel „Ilse Stöbe: Wieder im Amt. Eine Widerstandskämpferin in der Wilhelmstraße“. Auch ihm gelang es nicht, jene Unterlagen einzusehen, die im Archiv des russischen Auslandsgeheimdienstes GRU in Moskau liegen. Unterstützt wurde Coppi beim Buchprojekt von der Journalistin Sabine Kebir. Sie produzierte einen Radioessay über Stöbe, den der Deutschlandfunk 2013 sendete.

Wer genau war die junge Frau?

Wer war die junge Frau, die den legendären Theodor Wolff im französischen Exil in dem Roman „Die Schwimmerin“ (1937) zu der Figur der Gerda Rohr inspirierte? Eng befreundet war Stöbe mit Rudolf Herrnstadt, der sie 1931 für die GRU anwarb. „Sie sympathisiert mit dem großen sozialen Experiment im Osten, das sie durch die Feindschaft und Begehrlichkeit des Westens und auch Deutschlands gefährdet sieht“, schreibt Coppi. 1936 lernte sie in Berlin Rudolf Huber, den Chef der „Thurgauer Zeitung“, kennen; der Schweizer starb Anfang 1940 und vermachte ihr ein beträchtliches Vermögen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Impeachment-Regeln : Demokraten wittern Vertuschung

Heute entscheidet der Senat, wie er Donald Trump den Prozess macht. Die Republikaner wollen die Sache schnell hinter sich bringen. Die Demokraten sagen: weil der Präsident viel zu verbergen habe.
Das Logo des japanischen Autoherstellers Mitsubishi: Es besteht der Verdacht auf Abgasmanipulation.

Verdacht auf Abgasmanipulation : Razzia beim Autohersteller Mitsubishi

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt hat die Geschäftsräume von Mitsubishi durchsuchen lassen. Dem japanischen Automobilhersteller wird Betrug mit illegalen Abschalteinrichtungen bei Diesel-Fahrzeugen vorgeworfen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.