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Spaceship One : Suborbitale Hüpfer zur schwarzen Kante

  • -Aktualisiert am

„Spaceship One” Bild: AP

Die private Expedition Richtung Weltall war sicherlich eine beeindruckende technische Leistung. Aber war sie ein echter Weltraumflug? Warum es übertrieben ist, die Piloten von Spaceship One schon Astronauten zu nennen

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          Wo die Erde aufhört und wo der Weltraum anfängt, ist wissenschaftlich überhaupt nicht klar definiert. Folgt man den Lehrbüchern der Geophysik, gehört die bis in mehrere hundert Kilometer Höhe reichende Ionosphäre auf jeden Fall noch zu unserer Erde. Selbst der Schweif der Magnetosphäre, der auf der Nachtseite der Erde mehrere Millionen Kilometer lang sein kann, ist noch eindeutig Teil unseres Heimatplaneten.

          Andererseits geht selbst den besten Bergsteigern auf dem noch nicht einmal neun Kilometer hohen Mount Everest die Puste aus, und sogar gut ausgerüstete Flugzeuge sind mit herkömmlichen Strahltriebwerken kaum in der Lage, höher als 30 Kilometer zu fliegen. Weil also keiner so richtig weiß, wo denn nun die Unterkante des Weltraums liegt, ist man einer pragmatischen Definition gefolgt und hat sich für eine runde Zahl entschieden. Demnach fängt der Weltraum in genau hundert Kilometer Höhe an.

          "Spaceship One" kein wirkliches Raumschiff

          Am Montag hat, wie berichtet, ein privat in Kalifornien finanziertes und entwickeltes Gefährt zum drittenmal diese Grenze überschritten. Dieser Flug brachte den beiden Piloten, den Amerikanern Michael Melvill und Brian Binnie, die offiziellen Rangabzeichen von Astronauten ein und dem Konstrukteur, Burt Rutan, den mit zehn Millionen Dollar dotierten "Ansari-X-Preis".

          Aber trotz seines verführerischen Namens "Spaceship One" ist das Gefährt ebensowenig ein "Raumschiff", wie die Internationale Raumstation etwas mit Kapitän Kirks "Raumschiff Enterprise" aus der gleichnamigen Fernsehserie zu tun hat. Die drei Flüge des aus Verbundwerkstoffen gebauten Stummelflüglers waren - trotz ihrer Rekordmarken - nicht mehr als suborbitale Hüpfer. Diese Hüpfer haben physikalisch große Ähnlichkeit mit jenen Parabelflügen, die Mercury-Astronauten vor mehr als vierzig Jahren vollführten.

          Technische Meisterleistung

          Ohne Zweifel ist es eine technische Meisterleistung, einen wiederverwendbaren Gleiter zu entwickeln, der huckepack von einem Trägerflugzeug bis in die Stratosphäre getragen wird und dann aus eigener Kraft die Unterkante des Weltraums erreicht. Auf dem Scheitelpunkt der Flugbahn sind die Piloten für einige Minuten schwerelos.

          Im Vergleich zu den Mercury-Kapseln ist Spaceship One auch deshalb technisch wesentlich anspruchsvoller, weil es zu seinem Ausgangsort - einem regulären Flughafen - zurückkehren kann und nicht gleichsam ruderlos irgendwo im Pazifik landet. In dieser Hinsicht weist Rutans Gefährt konzeptionell durchaus Ähnlichkeiten mit den amerikanischen Raumtransportern auf.

          Mangelnder Hitzeschutz

          Dennoch wäre es vermessen, diese drei Flüge - wie es jetzt in den amerikanischen Medien aufgebauscht wird - tatsächlich als "Raumflüge" zu bezeichnen. Dazu müßte Spaceship One nämlich zunächst die "erste kosmische Geschwindigkeit" erreichen, die es ihm überhaupt ermöglicht, in eine Erdumlaufbahn einzuschwenken.

          Den Kräften, die auftreten, um es auf diese Geschwindigkeit von fast 29 000 Kilometern pro Stunde zu beschleunigen, wäre das Vehikel nicht gewachsen. Vor allem bei Wiedereintritt in die Erdatmosphäre würde es noch schneller verglühen als die Raumfähre Columbia im Februar 2003 im Himmel über Texas, denn Spaceship One hat keinen Hitzeschutz, der seinen Namen verdiente.

          Klassische Raumfahrt wesentlich anspruchsvoller

          Ebenso übertrieben ist es nach diesen drei Flügen auch, das "Ende der Nasa" zu verkünden und die etablierte Raumfahrttechnik als veraltet und obsolet zu bezeichnen. Keiner der drei Flüge von Spaceship One dauerte länger als zwei Stunden. An Bord der Raumtransporter können Astronauten dagegen bis zu drei Wochen die Erde umkreisen.

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