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Soziologie : Unterschied, was ist das?

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Sind wir nicht alle doch sehr verschieden? Kinderuni in Halle-Wittenberg (Archivbild von 2012) Bild: dpa

Alles soll gleich sein. Gleich relevant, gleich viel wert, gleich richtig. Damit sich alle gleich wohlfühlen können. So einfach ist das aber nicht, sagt die Soziologin Irmhild Saake.

          Frau Saake, Sie sagen, dass unsere Gesellschaft ein Problem mit Ungleichheit hat. Was meinen Sie damit?

          Das Moderne an unserer Gesellschaft ist, dass wir uns als Menschen alle als gleich empfinden wollen. Dieses große Versprechen der Gleichheit sensibilisiert uns aber nicht nur für Fragen der sozialen Ungleichheit, sondern mittlerweile sogar für Ungleichheiten jeglicher Art. Es ist für meine Studenten etwa so, dass sie es schon als komisch empfinden, dass sich am Ende einer Diskussion ein gutes Argument durchsetzt.

          Weil sie nicht glauben können, dass nur eins richtig sein kann?

          Ja, wenn ich es jetzt mal ein wenig übertreiben darf, dann haben sie sozusagen Mitleid mit den ausgeschlossenen Argumenten. Sie fordern Gleichheit auch für Argumente, Anerkennung auch für andere Positionen. Das macht eine klare wissenschaftliche Argumentation schwierig. Man kann nicht mehr so recht sagen, dass man eine wirklich unsinnige Behauptung für Quatsch hält. Es ist eher die Idee da, dass irgendetwas Gutes schon auch in dem Quatsch drin stecken wird.

          Woran liegt das? Am Wunsch, mit allen gut klar zu kommen, nicht unbeliebt zu sein?

          Es geht eher um Fragen des richtigen, des guten Lebens, die man sich im Alltag offenbar sehr schnell selbst beantworten kann, indem man sich für diejenigen einsetzt, die einem als schwächer erscheinen.

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          Das verstehe ich nicht: Wenn man das richtige Leben will, dann kann es doch oft nur einen Weg geben. Ich kann ja schlecht sagen, der andere verhält sich hier anders als ich, aber er führt sein Leben genauso gut.

          Damit machen Sie den Konflikt sichtbar, in dem viele stecken. Es gibt ein gutes Argument, das gilt aber nur für das eigene Leben. Und wenn ein anderer mit einem anderen Argument auftaucht, dann stecken viele in der Zwickmühle: Ich muss mich entscheiden, ich kann nicht beides gleichzeitig haben. Das Argument und die Harmonie. Viele sagen lieber: Das Argument ist nicht so wichtig, ich möchte lieber Akzeptanz und Anerkennung für den anderen zeigen.

          Dadurch werten sie sich doch selbst ab.

          Nein, sie werten sich auf als diejenigen, die andere anerkennen. Das ist gut, solange es um Mitgefühl geht. Es wird problematisch, wenn es zur Masche wird. Und derzeit sieht es danach aus, dass es fast wichtiger ist, noch eine gesellschaftliche Minderheit zu entdecken, die bisher nicht mitreden durfte, als ein Argument dafür zu haben, warum es überhaupt bestimmte Unterschiede gibt.

          Ein Beispiel?

          In der Soziologie gibt es seit Kurzem die Human Animal Studies. Also die Frage danach, was Tiere sind, und wie das Verhältnis der Menschen zu Tieren ist. Diese Fragen sind für die Studenten ein echtes Anliegen: Was mache ich mit meinem Reitpferd? In dem Moment, wo ich es reite, bin ich dominant – darf ich das als Mensch? Wie fühlt sich dann das Tier? Das Interessante an der Diskussion ist, dass den Studenten überhaupt nicht auffällt, dass sie selbst die ganze Zeit erzählen, was in dem Tier alles vorgehen soll. Wenn ich dann sage, dass man das Pferd ja nicht fragen kann, gucken sie fast böse, als wollten sie sagen: Ist das jetzt ein Vorwurf an das Pferd?

          Dieses Verhalten ist ja ironischerweise sehr dominant. Ich sage: Du fühlst das, denn Du bist ein Pferd. Oder: Du bist so, weil Du türkische Eltern hast. Ich kann also einfach Subjekte übergehen, für sie sprechen und noch so tun, als kümmerte ich mich um sie.

          Das ist ein Widerspruch, das stimmt. Die Leute spüren ihn auch. Aber sie versuchen ihn zu lösen, indem sie sich noch mehr in die anderen hineinversetzen. Umso mehr sie das machen, desto mehr sieht man Muster. Man kann zum Beispiel sehen, wie stark das Bild vom Pferd dem Bild von Kindern ähnelt. Ich muss das Pferd erziehen. Aber dafür schäme ich mich. Dasselbe bei Kindern. Eltern wollen nicht mehr erziehen. Sie hätten es am liebsten, dass das Kind sagt: Ich habe das verstanden, warum du das sagst, du kannst das gerne machen.

          Apfel oder Birne? Soziologin Saake findet: „Wir können nicht mehr mit Unterschieden umgehen.“

          Folgende Beobachtung: Ein Vater will mit seinem Kind ins Kino. Das Kind will aber mit den Freunden allein gehen. Methode des Vaters: Aber das ist doch wirklich schade, dann können wir gar nicht über den Film reden. Denk doch mal an mich.

          Genau, das ist der neue Erziehungs-Mechanismus. Wir erleben verschiedene Perspektiven, wollen das aber nicht, wollen das heilen, in dem wir so tun, als seien wir gleich. Mit Sprache und durch Hineinversetzen. Das Komische ist, dass wir einfach nicht auf die Idee kommen, dass die Situation eine ungleiche, asymmetrische ist. Der Vater ist etwas anders als das Kind, eine andere Person, er hat aber auch einen anderen Status. Diese Ungleichheit ist eigentlich eine Ressource, man könnte sie benutzen in einem Konflikt. Aber wir wollen sie nicht nutzen, ganz explizit nicht. Denn sie erscheint uns hässlich.

          Was macht die Asymmetrie so hässlich? Ich finde interessant, dass Sie gerade dieses Wort verwendet haben, das hat ja was Ästhetisches und auch etwas Moralisches.

          Das Gegenteil von Gleichheit ist Herrschaft und Dominanz. Und bei diesen Begriffen ist es heute völlig klar, dass man das nicht will. Aber Asymmetrien sind unvermeidbar in unserem Alltag. Daher nimmt das Gleichmachen dieser Ungleichheiten manchmal groteske Formen an. Etwa beim Thema Sterben. Ein Ethikprofessor erzählte einmal davon, wie seine Schwägerin starb. Er habe sie damals begleitet und festgestellt, dass auch er vieles zum letzten Mal tut, zum Beispiel eine bestimmte Kunstausstellung besuchen.

          Jeder Mensch, so sein Resümee, stürbe also eigentlich immer auch ein Stückchen. Insofern sei er, der Professor, gleich mit seiner sterbenden Schwägerin. Unglaublich, denn jeder sieht doch: Das ist nicht gleich. Nur derjenige, der stirbt, stirbt. Der Rest schaut zu. Aber sämtliche Bemühungen auf Palliativstationen versuchen, das zu überdecken, denn die Familien sollen immer mehr ans Sterbebett ran, sollen sich einfühlen. Anderes Beispiel: Es ist ein Fakt, dass Frauen die Kinder kriegen. Aber das produziert im Alltag einer Beziehung Verwerfungen. Weil man es nicht gleichmachen kann. Auch nicht dadurch, dass sich manche Männer einen schweren Kittel umhängen, um die Schwangerschaft nachzuempfinden.

          Nicht Ihr Ernst!

          Man sieht das auch im Finanziellen: Es ist doch erwartbar so, dass die Frau mehrere Monate ausfällt im Beruf, weil sie das Kind bekommt. Aber in vielen Beziehungen wird richtig Buch geführt. Da muss man sich erklären und sagen: Du verdienst in dieser Zeit kein Geld. Ich bezahl jetzt mehr. Wenn ich dann mal nicht so viel habe, kannst Du wieder mehr bezahlen. Da fragt man sich: Wofür ist denn die Idee von einer Partnerschaft eigentlich gemacht? Kann sie diese Asymmetrie nicht mehr aushalten?

          Es scheint mir oft so, als würde heute die Gleichheit ähnlich vehement verteidigt werden wie früher die Ungleichheit. Mit demselben Machtanspruch.

          Eigentlich ist das auch etwas Gutes. Keiner von uns würde sich wünschen, dass unsere Welt in Zukunft immer ungleicher würde. Aber wir übertreiben es, können nicht mehr mit Unterschieden umgehen. Besonders in den Kulturwissenschaften führt das dazu, dass Argumente immer mehr an die Personen gebunden werden.

          Nach dem Motto: Wenn Du nicht weiblich, nicht queer etc. bist, kannst Du hier nicht mitreden – egal, was Du sagst.

          Ja, das ist eine wahnsinnig potente Form der Argumentation. Und es ist die große Konkurrenz für das klassische gute Argument.

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