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Soziologie : Unterschied, was ist das?

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Apfel oder Birne? Soziologin Saake findet: „Wir können nicht mehr mit Unterschieden umgehen.“

Folgende Beobachtung: Ein Vater will mit seinem Kind ins Kino. Das Kind will aber mit den Freunden allein gehen. Methode des Vaters: Aber das ist doch wirklich schade, dann können wir gar nicht über den Film reden. Denk doch mal an mich.

Genau, das ist der neue Erziehungs-Mechanismus. Wir erleben verschiedene Perspektiven, wollen das aber nicht, wollen das heilen, in dem wir so tun, als seien wir gleich. Mit Sprache und durch Hineinversetzen. Das Komische ist, dass wir einfach nicht auf die Idee kommen, dass die Situation eine ungleiche, asymmetrische ist. Der Vater ist etwas anders als das Kind, eine andere Person, er hat aber auch einen anderen Status. Diese Ungleichheit ist eigentlich eine Ressource, man könnte sie benutzen in einem Konflikt. Aber wir wollen sie nicht nutzen, ganz explizit nicht. Denn sie erscheint uns hässlich.

Was macht die Asymmetrie so hässlich? Ich finde interessant, dass Sie gerade dieses Wort verwendet haben, das hat ja was Ästhetisches und auch etwas Moralisches.

Das Gegenteil von Gleichheit ist Herrschaft und Dominanz. Und bei diesen Begriffen ist es heute völlig klar, dass man das nicht will. Aber Asymmetrien sind unvermeidbar in unserem Alltag. Daher nimmt das Gleichmachen dieser Ungleichheiten manchmal groteske Formen an. Etwa beim Thema Sterben. Ein Ethikprofessor erzählte einmal davon, wie seine Schwägerin starb. Er habe sie damals begleitet und festgestellt, dass auch er vieles zum letzten Mal tut, zum Beispiel eine bestimmte Kunstausstellung besuchen.

Jeder Mensch, so sein Resümee, stürbe also eigentlich immer auch ein Stückchen. Insofern sei er, der Professor, gleich mit seiner sterbenden Schwägerin. Unglaublich, denn jeder sieht doch: Das ist nicht gleich. Nur derjenige, der stirbt, stirbt. Der Rest schaut zu. Aber sämtliche Bemühungen auf Palliativstationen versuchen, das zu überdecken, denn die Familien sollen immer mehr ans Sterbebett ran, sollen sich einfühlen. Anderes Beispiel: Es ist ein Fakt, dass Frauen die Kinder kriegen. Aber das produziert im Alltag einer Beziehung Verwerfungen. Weil man es nicht gleichmachen kann. Auch nicht dadurch, dass sich manche Männer einen schweren Kittel umhängen, um die Schwangerschaft nachzuempfinden.

Nicht Ihr Ernst!

Man sieht das auch im Finanziellen: Es ist doch erwartbar so, dass die Frau mehrere Monate ausfällt im Beruf, weil sie das Kind bekommt. Aber in vielen Beziehungen wird richtig Buch geführt. Da muss man sich erklären und sagen: Du verdienst in dieser Zeit kein Geld. Ich bezahl jetzt mehr. Wenn ich dann mal nicht so viel habe, kannst Du wieder mehr bezahlen. Da fragt man sich: Wofür ist denn die Idee von einer Partnerschaft eigentlich gemacht? Kann sie diese Asymmetrie nicht mehr aushalten?

Es scheint mir oft so, als würde heute die Gleichheit ähnlich vehement verteidigt werden wie früher die Ungleichheit. Mit demselben Machtanspruch.

Eigentlich ist das auch etwas Gutes. Keiner von uns würde sich wünschen, dass unsere Welt in Zukunft immer ungleicher würde. Aber wir übertreiben es, können nicht mehr mit Unterschieden umgehen. Besonders in den Kulturwissenschaften führt das dazu, dass Argumente immer mehr an die Personen gebunden werden.

Nach dem Motto: Wenn Du nicht weiblich, nicht queer etc. bist, kannst Du hier nicht mitreden – egal, was Du sagst.

Ja, das ist eine wahnsinnig potente Form der Argumentation. Und es ist die große Konkurrenz für das klassische gute Argument.

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