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Soziale Netzwerke : Die Gesichter der Moderne

  • -Aktualisiert am

Die Umweltbewegung hat die Rollen in der Tierwelt neu verteilt: Schweinsmaske. Bild: plainpicture / Kniel Synnatzschke

Woher kommen mit einem Mal all die Tiermasken in den sozialen Netzwerken? Was wollen sie uns eigentlich sagen? Soviel vorweg: Mitschuld an der Chose tragen die Grünen.

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          Es ist eigentlich kein besonderes Profilbild, das der Kollege da auf Facebook hat. Er trägt ein weißes Hemd und ein braunes Jackett und steht vor einer Ziegelmauer. Aber auf dem Kopf, da prangt eine Tiermaske: ein Panda. Es ist ein Knaller: zehnmal mehr Likes als sonst. Eine Kollegin steht sogar nur vor einer weißen Tür und tut nichts, außer durch die Augenlöcher einer leicht traurig wirkenden Braunbärenmaske zu schauen. 20 Daumen hoch.

          Wo eben noch menschliche Gesichter waren, schauen einem in den sozialen Netzwerken seit einiger Zeit Pferde-, Hühner- oder Bärenmasken entgegen, begleitet durch zahllose gestrickte Tierkopf-Mützen auf den Straßen, in Bussen und Bahnen. Auf der Fotoplattform Instagram liefert das Schlagwort „horse mask“ – Pferdemaske – eine endlose Liste von Fotos, auf denen sich junge Leute mit Pferdeköpfen im Bett fläzen, den Rasen mähen, Biere runterkippen, Ukulele spielen oder eben einfach nur dastehen. Der Tierkopf-Witz scheint nicht nur in jeder Lebenslage zu funktionieren. Er ist komischerweise auch so gut wie immer lustig, egal, ob das Pferd nun den Abwasch, Party oder gar nichts macht.

          Für den Träger ist das gut. Die Maske bietet kurze Verschnaufpausen in den bildhungrigen sozialen Netzwerken, in denen einem irgendwann die Gesichtsausdrücke ausgehen. Nur: Was wollen uns diese Köpfe eigentlich sagen?

          Wildheit in einer zivilisierten Welt

          Der tierische Maskenball, er begann in der Hipster-Kultur. Hierzulande waren es vor allem Indie-Bands wie „Bonaparte“, welche die Tierköpfe aufs Parkett gebracht haben. Die Musiker trugen Wolfsmähnen, Hasenmützen und Pferdeköpfe. Die angesagte isländische Gruppe „Of Monsters and Men“ taufte ihr Album gleich „My Head Is An Animal“ – mein Kopf ist ein Tier. Peter Fox hat seine Stadtaffen. Und Rapper Cro will sich gar nicht ohne seine Pandamaske zeigen.

          Wieviel Natur nun wirklich in diesem Gestus steckt – schwer zu sagen. Wer mit Kulturpessimismus bewaffnet ist, könnte die These wagen: Die Masken sind Pseudowildnis. Ein idyllisches, kontrolliertes Stück Wildheit in einer allzu zivilisierten Welt. Wer sie trägt, darf sich ein bisschen unzivilisiert verhalten, ohne gleich mit seinem Gesicht dafür stehen zu müssen. Nicht wenige der Pferde-Menschen auf Instagram posieren denn auch in recht unflätigen Stellungen.

          Durchsucht man Instagram aber weiter nach dem generellen Schlagwort „animal mask“ oder die Google-Bildersuche nach „Tiermütze“, will sich diese These nicht recht bestätigen. Denn viele der Masken und Mützen sind keineswegs der wilden Tierwelt entrissen. Da sind neben Tigern und Bären auch Nutztiere wie Schweine und Hühner. Frösche erfreuen sich ebenfalls großer Beliebtheit.

          Alles keine Tiere, die für idyllische Wildheit stehen. In den Kommentaren zu den Fotos wird auch nicht etwa gelobt, dass sie idyllisch oder wild sind. Gelobt wird, wie „gruselig“ sie seien. Bei Amazon bemängelt ein Rezensent sogar, ein bestimmtes Pferdemasken-Modell wirke für den Preis von 39,90 Euro zu wenig verstörend. Meist sind die Fotos auch so geschossen, dass das Tier nicht etwa mächtig oder wild daherkommt, sondern verstört, bedrückt oder traurig. Der Panda von Musiker Cro blickt auch meistens zu Boden.

          Man braucht einen Moment, bis man dieses Tier-Sammelsurium und seine bedrückten Gesichtsausdrücke auf einen Nenner gebracht hat. Aber dann ist es plötzlich offensichtlich: Was hier dargestellt wird, sind die Opfertiere der Moderne.

          Rollen der Tierwelt neu verteilt

          Da sind die Bären, Löwen und Gorillas, die in Zoos und Zirkussen ein trostloses Künstlerleben fristen oder in der Steppe von alt- und neureichen Wilderern zum Teufel gejagt werden. Da ist das zu ewiger Leistung verknechtete Pferd. Da sind Schweine und Hühner, deren einzige Lebensaufgabe es ist, sich in Tierfabriken zu Tiefkühlprodukten verarbeiten zu lassen. Da sind Frösche, die auf Überlandstraßen zu Tausenden flachgelegt werden.

          Diese Tiere haben etwas gemeinsam: Es sind die Lieblingstiere der Grünen und der Ökobewegung. Es sind überhaupt die neuen Lieblingstiere. Klingt albern, stimmt aber. Die Umweltbewegung hat die Rollen in der Tierwelt neu verteilt; das ist Teil derselben gesellschaftlichen Großbewegung, die den Vegetarismus innerhalb weniger Jahre zum Mainstream gemacht hat.

          Natürlich gibt es immer noch jene Tiermasken und -mützen, die mit dem Niedlichkeitsfaktor, mit dem Kindchenschema, mit den großen Augen spielen. Doch diese Augen sind jetzt oft nicht mehr niedlich, sondern traurig.

          Der wahre Respekt gebührt heute nicht mehr den verwöhnten Haus- und Ziertieren, sondern jenen, die in Fabriken gequält oder in der Steppe gejagt werden, die vom Aussterben bedroht sind oder deren Lebensräume durch Straßen kaputtgemacht wurden. Ihre Masken auf Facebook zu tragen und zu liken ist ein neuer Weg zu sagen: Ihr seid zwar traurig, wir wissen das, aber wir denken an euch. Und für ein paar Momente verwandeln wir uns sogar in euch.

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