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Sommerferien auf der Autobahn : Fast bis ans Ende der Welt

  • -Aktualisiert am

Am Hattenbacher Dreieck beginnt die A 5 Bild:

Die Deutschen lieben ihr Auto. Und ihren Urlaub. Und beides zusammen erst! 440 Kilometer muss man zurücklegen, um den Süden zu erreichen. Ein ganz normaler Feriensamstag auf der A 5: Hörbücher, Hotdogs, Schützen und Dänen.

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          Um halb zehn kippt der König das erste Bier des Tages. Dass die grasumbüschelte Betonwüste mit Kiosk, der hessische Rastplatz Limes, ein unwürdiger Ort für Seine Majestät sein könnte, kommt ihm nicht in den Sinn. Eckard Schmidt ist aber auch ein König aus dem Volk, genauer gesagt, aus der Schützengilde Freienhagen, Gründungsjahr 1593. An diesem milden Morgen fährt er mit seinen Mannen nach Bayern. Im klimatisierten Bus dürfen sogar ein paar Ehefrauen mitkommen und bei der Rast Cherrytomaten, hartgekochte Eier, Würste, Brötchen, Plastikbecher, Sekt- und Bierflaschen auftischen. Die Schützen reden, wie Schützen eben so reden: Die Frauen seien „alle zu gebrauchen“, eine sei aber zu Hause geblieben, „auf die Möbel aufpassen“. Hohoho, machen sie, hihihi die Frauen, und einer in Lederhose pinkelt an einen Busch.

          Dass der Autobahnrastplatz der Ballermann des ganz kleinen Mannes ist, scheint an diesem Morgen auf der A 5 nicht abwegig. Die CDs im Schützenbus heißen „Schlager-Hit-Mix“ und „Die Après-Ski-Show“, und nach genug Bier singen die Männer das Waldecker Lied, „unsere Nationalhymne“, und „In München steht ein Hofbräuhaus“. Saufen ist wichtig: Wer in die Gilde will, muss erst ein Bierglas voll Schnaps austrinken. Heute abend werde auch gebechert, man besuche ja eine befreundete Kapelle, erzählt ein Schnauzbärtiger. Als Gastgeschenk haben die Hessen einen Stehtisch dabei: „Kann man Biergläser drauf abstellen.“ Der König grinst, die Frauen packen zusammen: Weiter geht's.

          Die A 5 ist eine der wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen Europas

          Vom Hattenbacher Dreieck bis nach Basel, über 440 Kilometer, führt die Bundesautobahn 5 (erster Spatenstich: Adolf Hitler), eine der wichtigsten durchgehenden Nord-Süd-Verbindungen Europas; vorbei an Getreidefeldern, Mittelgroßstädten, Erotik-Centern und Fastfoodriesen, dem Frankfurter Flughafen, dem Schwarzwald und dem dicken Zollbeamten an der Schweizer Grenze. Wer hier an einem Samstag in den Sommerferien unterwegs ist, sehnt sich nach dem Süden und hat Angst vor Staus, hängt Stofftiere an Innenspiegel, isst Dosenthunfisch auf dem Beifahrersitz und Eis auf der Rückbank, quengelt, gähnt, lacht und fummelt permanent am Radio herum: Es ist, könnte man sagen, der typische Deutsche.

          Das Studieren von Karten will gelernt sein
          Das Studieren von Karten will gelernt sein :

          Der typische Däne dagegen ist unterwegs wie ein entspannterer Mr. Bean. Morton Wittrups blechernes Vehikel sieht schon bei 90 Stundenkilometern so aus, als würde es gleich abheben, weil die Räder der 25 Jahre alten „Ente“ kaum breiter sind als Mortons Oberarme und beträchtlich eiern, während nur ein blaues Gummiband die Motorhaube daran hindert, bei voller Fahrt hochzuklappen. Der Malermeister, Dreitagebart und sonniges Gemüt, ist mit seiner Familie (Frau Luiza, Töchter Julie, 12, und Freja, 1) in den Frankreich-Urlaub unterwegs - schon seit drei Tagen. Inzwischen hat er es bis Frankfurt geschafft. Man könne eben nur kurz schnell fahren, sagt er, wobei er mit „schnell“ 90 Stundenkilometer meint und mit „kurz“ fünf Minuten. Danach werde der Motor zu heiß. Das Auto sei trotzdem super, und blechern sehe es aus, weil es galvanisiert statt lackiert sei: „Ist besser.“ Die Familie lächelt so glücklich, dass man es sofort glaubt.

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