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Hitzesommer : Die trockenste Periode seit 1881

Bauwerke des versunkenen Edersee-Atlantis tauchen derzeit wieder in Waldeck auf. Der Stausee hat zurzeit nur rund ein Viertel seines Wasserstandes. Bild: dpa

Hitze und Dürre bestimmen den Sommer in Deutschland. Und trotzdem sind die vergangenen Monate nur teilweise ein Fall für die Rekordbücher.

          Als vor mehr als 100 Jahren die Staumauer fertig war und der Edersee geflutet wurde, verschwanden in den Wassermassen mehrere Dörfer. Nun sind sie wieder aufgetaucht – trockenen Fußes kann man durch die Ruinen des nordhessischen Atlantis spazieren. In nur drei Monaten ist der Füllstand des Stausees nämlich auf rund 20 Prozent abgesunken. 25 000 Liter Wasser pro Sekunde wurden zuletzt aus dem Stausee abgelassen, um die Schifffahrt auf der Weser zu sichern. Auf dem See musste deshalb eine Segelregatta abgesagt werden, Hoteliers und Gastronomen befürchten großen Schaden für den Tourismus, da das Interesse an den wiederaufgetauchten Ruinen nicht die Ausfälle durch die ausbleibenden Wassersportler aufwiegen kann. Und auch die Schifffahrt auf der Oberweser muss nun mit Einschränkungen rechnen, da die Wasserabgabe aus dem Edersee am Dienstag stark reduziert werden musste.

          Den Temperaturrekord von 2003 wird dieser Sommer nach Angaben des Deutschen Wetterdiensts (DWD) wohl nicht brechen. Die diesjährige Durchschnittstemperatur von Juni bis August liegt momentan knapp über 19 Grad. Im Jahrhundertsommer 2003 waren es 19,6 Grad – ein Wert, der wohl nicht mehr erreicht wird, da von Freitag an wesentlich kühlere Tage erwartet werden und die letzte Augustwoche laut DWD voraussichtlich unter dem langjährigen Durchschnitt liegen wird. Auch die Sonnenstunden seien 2018 klar weniger gewesen als vor 15 Jahren: „Die 785 Stunden von 2003 werden wir in diesem Jahr auf keinen Fall mehr erreichen“, sagt ein Sprecher. Dank besonders warmer Frühlingsmonate aber dürfte der Zeitraum von April bis August 2018 die heißeste und trockenste Periode seit Beginn der flächendeckenden Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881 in Deutschland gewesen sein. Bis dato fielen nach DWD-Angaben in diesem Sommer lediglich etwa 113 Liter Regen. „Das ist weniger als die Hälfte des vieljährigen Mittelwerts der Niederschlagsmenge.“

          Auch Tiere von Hitze bedroht

          Diese Dürre hat in Deutschland nicht nur zu enormen Ernteausfällen geführt. Vielerorts herrscht hohe Waldbrandgefahr, Borkenkäfer befallen immer mehr Bäume, die wegen des Wassermangels nicht ausreichend Harz zur Abwehr der Schädlinge bilden können. Teiche und Bäche sind ausgetrocknet, die Pegel der großen Flüsse stark gesunken. Der Binnenschifffahrt bereitet das einen erheblichen Mehraufwand. Schiffe könnten nicht maximal beladen werden, da sie sonst zu viel Tiefgang hätten. Schon Ende Juli konnten Schiffe auf dem Rhein je nach Fahrtstrecke teilweise nur noch die Hälfte der normalen Ladung transportieren. An der Elbe musste in dieser Woche die Fähre „Amt Neuhaus“ als zweite wichtige Fährverbindung den Betrieb vorübergehend ganz einstellen.

          Nach Angaben der Wasserexpertin des Bundes für Umwelt und Naturschutz litt auch die Tierwelt unter den niedrigen Pegelständen. Regional begrenzt seien Fische in ausgetrockneten Flüssen oder überhitzten Gewässern verendet. Viele Störche sind schon früher als sonst in den Süden geflogen, da sie in den ausgetrockneten Böden hierzulande nicht mehr genug Futter finden.

          Brennpunkt Landwirtschaft

          Die Landwirte beklagen wegen der Dürre Ernteausfälle und melden Schäden in Milliardenhöhe. „Die Schäden sind enorm und bringen betroffene Betriebe teilweise in Existenznot“, sagt der Präsident des Deutschen Bauernverbands, Joachim Rukwied. Allein das nordrhein-westfälische Umweltministerium meldete insgesamt 200 Millionen Euro als Summe der diesjährigen Dürreschäden an das Bundeslandwirtschaftsministerium, wie die „Rheinische Post“ berichtet. Das Statistische Landesamt in Sachsen-Anhalt, wo es besonders trocken war, teilte am Dienstag unter Berufung auf vorläufige Schätzungen mit, dass die Landwirte des Bundeslands allein beim Roggen in diesem Jahr nur halb so viel einbringen wie im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre. Beim wichtigsten Getreide, dem Winterweizen, betragen die Verluste demnach 28 Prozent. Auch bei Hafer (minus 34 Prozent) und Gerste (minus 28 Prozent) wirkte sich die Trockenheit spürbar aus. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) wird den Erntebericht für Deutschland an diesem Mittwoch im Kabinett vorstellen. Zur Debatte steht, ob es sich um eine „Extremwettersituation von nationalem Ausmaß“ handelt und der Bund Hilfsprogramme der Länder finanziell aufstockt, wie es Bauernvertreter fordern.

          Die großen Gewinner der vielen Sommertage sind die Freibäder im Land. Nach Hochrechnungen der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen werden 2018 im Vorjahresvergleich landesweit 50 Prozent mehr Gäste in die Freibäder kommen. Schon Ende Juli hätten die Bäder die Zahlen des gesamten, allerdings eher schwachen, Vorjahrs erreicht.

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