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Solidarität mit Carola Rackete : Italienerinnen rufen zum BH-Boykott auf

  • -Aktualisiert am

Für den „Libero“ zu viel des Guten: Carola Rackete bei einer Anhörung vor Gericht vergangene Woche Bild: EPA

Statt sich auf den politischen Fall Carola Rackete zu konzentrieren, kommentiert ein italienisches Medium ihren nicht vorhandenen Büstenhalter. Das wollen die Frauen im Land nicht auf sich sitzen lassen. Und auch Innenminister Salvini mischt sich ein.

          Als Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete vergangene Woche im sizilianischen Agrigento vor Gericht erschien, ging es vor allem um die Frage, ob und inwiefern ihre Entscheidung, in den Hafen vor Lampedusa einzulaufen, berechtigt war. Nun kann man sich dieser rechtlich sowie moralisch schwierigen Frage widmen – oder man macht es wie das konservative italienische Medium „Libero“ und kommentiert Racketes Äußeres. Die Kapitänin trug offenbar keinen Büstenhalter, ihre Brustwarzen zeichneten sich unter dem Shirt ab.

          Für den Salvini-nahen „Libero“ eine „Unverschämtheit ohne Grenzen“. Dort forderte man „ein bisschen mehr Anstand an einem öffentlichen Ort“. Die Debatte ließ nicht lange auf sich warten. Zwei Studentinnen nahmen diesen Angriff auf den weiblichen Körper zum Anlass, für den heutigen Samstag den #freenipplesday auszurufen. Aus Solidarität mit Carola Rackete sollten Italienerinnen auf den BH verzichten.

          Gegenüber der Zeitung „La Repubblica“ erklärten die Initiatorinnen Nicoletta Nobille und Giulia Trivero: „Wir erleben einen Moment, in dem die politische Debatte durch das Beschreien des Skandals von Details überschattet wird, die darauf abzielen, von den tatsächlichen Inhalten abzulenken. Gleichzeitig demütigen sie die Frauen, indem der weibliche Körper dämonisiert wird.“ Wichtig sei den Studentinnen, dass der Protest völlig gewaltfrei verlaufe. Keinen BH zu tragen, sei völlig natürlich und keinesfalls anstößig: „Eine Wahl, die jede Frau treffen kann, es ist kein Skandal und es ist nicht vulgär.“

          Der Streit um weibliche Brustwarzen ist nicht neu. Ihre Sexualisierung und Tabuisierung sorgt seit Jahrzehnten für Proteste. Befeuert werden die von Löschmechanismen der sozialen Netzwerke, die die weibliche Brust zensieren – und das männliche Pendant nicht. Seit 2012 posten Frauen unter dem Hashtag #freethenipple Bilder, auf denen sie keinen BH tragen. Mehr als vier Millionen Beiträge auf Instagram sprechen für sich.

          Der Anblick weiblicher Brustwarzen wird sogar dann zum Problem, wenn diese der Ernährung eines Babys dienen. Immer wieder werden Mütter, die ihre Kinder in der Öffentlichkeit stillen, angefeindet – oder aus Cafés und Restaurants geworfen, wie zuletzt im Fall der Schauspielerin Nina Bott. Sie musste ein Café in Hamburg verlassen, nachdem sie ihren drei Wochen alten Sohn dort stillen wollte. Um der Diskriminierung entgegenzuwirken, veranstaltete die Bundesregierung jüngst eine Fachtagung mit dem bezeichnenden Titel: „Wie stillfreundlich ist Deutschland?“

          Tausende Italienerinnen sind dem Aufruf gefolgt und dokumentieren ihren BH-freien Tag in den sozialen Netzwerken – den Büstenhalter in der Hand, statt am Körper. Auch Männer wurden am #freenipplesday eingebunden. Wer qua Geschlecht keinen BH trägt, war dazu aufgerufen, sich einen anzuziehen. Sogar Innenminister Matteo Salvini fühlte sich dazu aufgerufen, seine Meinung kundzutun. Auf Twitter postete er eine Fotocollage von Rackete und den Initiatorinnen und lies sich zu folgendem ironischen Kommentar hinreißen: „Heute ist der große Tag ohne BH! Auf dem Foto sucht die neue Heldin der Journalisten, Intellektuellen und Linken die Stimmen der demokratischen Partei. Jetzt nützt ihr das Fernglas was.“

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