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„Solar Impulse 2“ : In der Karbon-Kiste um die Welt

Kurz nach dem Start: die „Solar Impulse 2“ über Abu Dhabi Bild: Getty

Zwei Abenteurer wollen ohne Sprit die Erde umfliegen. Ihre Maschine ist so leicht wie ein Geländewagen, hat aber eine Spannbreite wie ein Airbus A380. Ihr Treibstoff ist allein die Kraft der Sonne. Aber wehe, es stürmt.

          3 Min.

          Eigentlich sollte die Reise am 1. März beginnen. An diesem Tag feierte Bertrand Piccard seinen 57. Geburtstag. Das ist ein Alter, in dem sich andere Menschen zumindest gedanklich schon einmal mit ihrem näherrückenden Ruhestand beschäftigen. Doch nichts läge dem Schweizer ferner. Der Arzt und Psychologe, Spross einer berühmten Entdeckerfamilie, hat seit fast 13 Jahren nur ein einziges Ziel vor Augen: Er will die Erde ohne Treibstoff umrunden. Mit einem Solarflugzeug.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Sandstürme und zu hohe Windgeschwindigkeiten am Boden in Abu Dhabi verhinderten einen pünktlichen Start. Aber am Montagmorgen ging es nun los. Piccards Partner, der ehemalige Militärpilot André Borschberg, hob um 7.12 Uhr ab und nahm Kurs auf Maskat, die Hauptstadt des Oman. Dort übernimmt Piccard das Ruder, um über das Arabische Meer nach Indien zu fliegen. Mehr als 35.000 Kilometer wollen die Abenteurer in zwölf Etappen zurücklegen, wobei sie sich nach jeder Zwischenlandung abwechseln. Sie überqueren China, den Pazifik, die Vereinigten Staaten, den Atlantik, Südeuropa oder Nordafrika, um nach fünf Monaten wieder am Ausgangspunkt in Abu Dhabi anzukommen.

          Das ist ein schwieriges Unterfangen, bei dem eine Menge schiefgehen kann. Vorsichtshalber haben sich die zwei tollkühnen Männer mit Hilfe der Deutschen Marine für den Ernstfall vorbereitet. Falls er über dem offenen Meer abzustürzen drohe, könne er mit dem Fallschirm abspringen und in eine aufblasbare Rettungsinsel klettern, sagte Piccard vor dem Start der Mission im Gespräch mit dieser Zeitung. Den Sprung ins Meer hätten die beiden Piloten in einem Trainingszentrum für Marinepiloten in Nordholz an der Nordsee geübt. „Wir wissen jetzt, was zu tun ist, wenn sich die Rettungsinsel im stürmischen Wasser auf den Kopf dreht.“

          Solarflugzeug umrundet Welt : „Solar Impulse 2“ hebt ab

          Leichtgewicht mit einer Spannweite wie ein Airbus A380

          Die Vorbereitung scheint angeraten, wenn man sich das ungewöhnliche Fluggerät der modernen Pioniere der Lüfte anschaut: Die Flügel der „Solar Impulse 2“ sind mit einer Spannweite von 72 Metern etwa so breit wie die des Großraumflugzeugs Airbus A380. Die Solar Impulse wiegt aber nur 2,3 Tonnen, ist also nur so schwer wie ein größerer Geländewagen. Die Flügel müssen so breit sein, weil es galt, mehr als 17.000 ultradünne Solarzellen darauf unterzubringen. Sie holen sich aus der Kraft der Sonne die nötige Energie, um vier Elektromotoren anzutreiben. Dahinter steckt jeweils die Kraft eines Mopeds. Entsprechend langsam kommt das Luftgefährt voran.

          Ultraleicht ist diese Karbon-Kiste deshalb, weil sie nicht durch die Nacht käme, wenn sie schwerer wäre. Während der Nachtflüge kommt die Antriebskraft aus den mitgeführten Batterien, die am Tag über die Solarzellen aufgeladen werden. Für Piccard und Borschberg haben die Gewichtsrestriktionen einschneidende Konsequenzen: Die Solar Impulse hat nur einen Sitzplatz. Und dieser Platz entbehrt jeglichen Komforts. Trotz zuweilen zweistelliger Minus-Temperaturen gibt es an Bord keine Heizung. Die Piloten schützen sich mit mehrfachen Daunenlagen vor der Kälte. Tagsüber wiederum kann die Temperatur im Cockpit auf bis zu 40 Grad steigen.

          Bis an die Grenzen der körperlichen und geistigen Belastungsfähigkeit gehen die Piloten, wenn sie Atlantik und Pazifik überqueren. Diese Flüge dauern jeweils fünf Trage und fünf Nächte. Wenn die Batterieladetechnik funktioniert, könne das Flugzeug theoretisch für immer in der Luft bleiben, erläuterte Piccard vor dem Abflug. „Der Engpass ist der Mensch.“ Wegen der großen Spannweite und des niedrigen Gewichts ist die Solar Impulse ziemlich anfällig für Wind und Turbulenzen. Stundenlang in einen Tiefschlaf zu verfallen wäre gefährlich. Gar nicht zu schlafen auch, weil dann Halluzinationen drohen. Deshalb haben sich die Piloten über Hypnose- und Meditationstechniken antrainiert, über den Tag verteilt mehrmals in einen zwanzigminütigen Ruhemodus zu verfallen. Viel mehr als drei Stunden Schlaf kommen damit aber nicht zusammen. Das reicht, glaubt Piccard: „Wenn man sich außerhalb seiner Komfortzone bewegt, ist man viel leistungsfähiger.“

          Gesamtkosten von 150 Millionen Franken

          Rund 150 Millionen Franken wird die Solarflugmission gekostet haben, wenn sie im ersten Anlauf gelingt. Der größte Teil dieses Geldes kam von Sponsoren und Technologiepartnern wie ABB, Solvay, Omega und Schindler. Trotz der Allianz mit insgesamt 80 Unternehmen, die zum Teil auch Ingenieure abstellten, liefen die Kosten aus dem Ruder. Ursprünglich war das Budget auf 65 Millionen Franken veranschlagt. Doch das Projekt zog sich viel länger hin als gedacht, immer wieder waren hohe technische und finanzielle Hürden zu nehmen. 2013 drohte das Geld auszugehen. Ein Finanzspritze von Google bewahrte das Projekt vor dem Aus. „Das Unmögliche braucht immer etwas länger“, kommentierte Piccard den Zeitverzug. Schließlich gebe es für dieses Projekt kein Vorbild. „Alles, was wir hier machen, ist neu.“

          Und was soll das Ganze? Piccard sieht den aufsehenerregenden Flug als Kommunikationshebel für grüne Technik: „Der Schutz der Umwelt ist langweilig und teuer. Unser Solarflug ist aufregend – und weckt das Interesse für saubere Energien selbst bei Menschen, die damit bisher nichts am Hut haben.“

          Zunächst müssen die Piloten und die 40 Leute im Kontrollzentrum in Monaco, das den Flug überwacht und die jeweils beste Route bestimmt, aber zeigen, dass es wirklich möglich ist, ohne einen Tropfen Treibstoff die Erde zu umrunden. Als Piccard vor vielen Jahren als Erster mit einem Ballon nonstop rund um den Globus fuhr, brauchte er dafür 3700 Kilogramm Propangas. Bei der Landung waren davon noch 40 Kilogramm übrig. Er hatte bis zum Schluss große Angst, ihm könnte das Gas vor dem Ziel ausgehen. Und wovor hat Piccard bei seinem Solarflug die meiste Angst? „Mit dem Fallschirm im Wasser zu landen und zu erkennen, dass ich die Rettungsinsel verloren habe.“

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