https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/so-hat-das-unwetter-in-nordrhein-westfalen-gewuetet-18051097.html

Tief „Emmelinde“ : So hat das Unwetter in Nordrhein-Westfalen gewütet

Aufräumarbeiten nach dem Unwetter in Paderborn. Bild: Reuters

Tornados haben am Wochenende unter anderem in Lippstadt und Paderborn große Schäden angerichtet, mehr als 40 Menschen werden verletzt. Der Wetterdienst warnt vor neuem Unheil.

          3 Min.

          Mit welcher Wucht der Tornado in kaum mehr als einer Minute im Herzen von Pa­derborn wütete, vermag Bürgermeister Michael Dreier kaum in Worte zu fassen. „Es ist ein unvorstellbares Bild gewesen, und es ist es nach wie vor.“ In einem ungefähr 300 Meter breiten Korridor zog der Tornado am späten Freitagnachmittag mit ohrenbetäubendem Lärm mitten durch die Stadt in Ostwestfalen, deckte Dächer ab, knickte Ampeln wie Streichhölzer um, zahlreiche Autos und auch ein Linienbus wurden unter Bäumen begraben. Umherfliegende Dachpfannen fraßen sich regelrecht in die Fassaden der Häuser. 43 Menschen wurden in Paderborn verletzt, von ihnen 13 so schwer, dass sie in Kliniken behandelt werden mussten. Eine Frau schwebte in Lebensgefahr. „Es ist schockierend, wenn man sieht, was mit ei­ner Stadt in so kurzer Zeit passieren kann“, so Dreier.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Die Schneise der Verwüstung zieht sich quer durch Paderborn, mehr als 100 Ge­bäude wurden nach einer ersten Bilanz zum Teil schwer beschädigt. Heftig getroffen hat es auch das Quellgebiet des Flusses Pader, mit dem sich die Stadt für das UNESCO-Weltkulturerbe bewerben will, bei­nahe die Hälfte der Bäume dort ist abgeknickt oder entwurzelt worden. In ei­nem Gewerbegebiet warf der wütende Wir­bel Lastwagen wie Spielzeuge um, ließ Leitplanken und andere Metallteile wie Papierschnipsel durch die Luft fliegen. Dutzende Betriebe haben mit enormen Schäden zu kämpfen. Auch die Einsatzkräfte waren betroffen. Die Zufahrt zum Technischen Hilfswerk war durch einen umgestürzten Baum versperrt, ein ausgerücktes Feuerwehrfahrzeug wurde von ei­nem Baum getroffen, das Dach der Kreispolizeibehörde Paderborn wurde abgedeckt, mehrere Streifenwagen wurden be­schädigt.

          Mit großer Wucht fegte Tief „Emme­linde“ am Freitag über weite Teile Deutschland hinweg. Am heftigsten aber traf es den Nordosten von Nordrhein-Westfalen. Dort entstanden im Zuge von schweren Gewittern mindestens drei Tornados: In Paderborn, Lippstadt und Höxter-Lütmarsen im Weserbergland. Tornados sind zwar kleinräumige Wettererscheinungen, doch wo sie auftreten, entstehen von einem Augenblick auf den anderen extreme Gefahren – nicht nur durch die Kraft des Luftwirbels selbst, sondern auch durch umstürzende Bäume und umherfliegende Gegenstände und Trümmer. In den sozialen Medien sind Handyvideos von sich drehenden Luftmassen zu sehen, die sich in der Nähe von Lippstadt am Horizont zusammenbrauen, immer wilder wirbeln. Noch eindrücklicher sind Aufnahmen aus Paderborn, die losgerissene Gegenstände zeigen, die durch die Luft getrieben werden, als sausten sie in einem Trichter auf und ab.

          Anders als in Paderborn gab es nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei weder in Lippstadt noch in Lütmarsen Verletzte. Doch auch von dort berichten Zeugen von apokalyptischen Szenen. In der Altstadt von Lippstadt brachten sich Geschäftsleute und Kunden im letzten Augenblick in Si­cherheit. Rund 120 Badegäste des Freizeitbads „CabrioLi“ kamen ebenfalls mit dem Schrecken davon. Sie waren vorübergehend eingeschlossen, weil umgestürzte Bäu­me den Eingang versperrt hatten.

          Zwei Lastwagen sind bei einem Autohändler in Paderborn umgekippt. Bilderstrecke
          Sturmtief „Emmelinde“ : Diese Schäden hat das Unwetter angerichtet

          Wie in Paderborn sind auch in Lippstadt die Sachschäden enorm. Zwei Bilder führen das eindrücklich vor Augen: Im Ortsteil Hellinghausen riss der Tornado dem Turm der katholischen Kirche St. Clemens seinen kompletten Dachstuhl weg, auf dem Lipp­städter Rathausplatz warf er binnen Se­kunden die Friedenseiche um, die dort 150 Jahre lang stand. Die Altstadt von Lippstadt musste auch am Sonntag noch ge­sperrt bleiben. Zwar waren seit Freitag Hunderte Helfer im Einsatz, die Aufräumarbeiten sind weit vorangeschritten. Doch noch ist die Gefahr zu groß, dass lose Ziegel von den Dächern herabstürzen oder beschädigte Bäume umfallen könnten. Weil sich Unbelehrbare und Schaulustige nicht an Absperrungen hielten, stehen nun Kontrollposten an den Zufahrtsstraßen. „Ka­tastrophentourismus behindert Rettungskräfte und Aufräumarbeiten“, klagte der Lippstädter Bürgermeister Arne Moritz auf Facebook. Zugleich bedankte er sich für die große Hilfsbereitschaft. Das am kommenden Wochenende geplante Altstadtfest sagte Moritz „schweren Herzens“ ab. Ebenfalls aus Sicherheitsgründen findet an den sieben vom Unwetter betroffenen Lippstädter Schulen bis auf Weiteres digitaler Distanzunterricht statt.

          Am Samstag kam der nordrhein-west­fälische Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) nach Lippstadt und Paderborn, um sich einen eigenen Eindruck von den Verheerungen zu verschaffen. Er zeigte sich tief betroffen und bedankte sich bei den Einsatzkräften und den vielen freiwilligen Helfern, die bis in die Nacht mit anpackten. Angesichts der enormen Schäden sei es „ein kleines Wunder, dass, Stand jetzt, niemand zu Tode gekommen ist“, sagte Wüst nach seinem Rundgang in Paderborn. Als er am Freitagabend die ersten Handyvideos von den Tornados gesehen habe, sei auch sein erster Gedanke gewesen, das man solche Bilder doch eigentlich nur aus den USA kenne. Nun ist Wüst überzeugt, dass der Tornado-Freitag mit Wucht die Bedeutung des Klimaschutzes vor Augen führt. „Wenn man diese Schneise der Verwüstung hier sieht, dann fasst das einen schon an. Dann sieht man, dass das eben auch bei uns leider möglich ist, und wir müssen uns darauf einstellen, dass so etwas hier häufiger passiert.“ Es gelte, auf solche Extremwetterereignisse vorbereitet zu sein.

          Wie zur Bestätigung warnt der Deutsche Wetterdienst (DWD) wenige Stunden später in seiner am Sonntagvormittag verbreiteten Vorhersage für Nordrhein-Westfalen vor zum Teil heftigen Gewittern mit Starkregen, Sturmböen und Hagel. Örtlich be­steht demnach am Montag durch das von Frankreich über Belgien heranziehende Tief „Finja“ abermals Unwettergefahr, wieder sind demnach auch Tornados möglich. Laut DWD diesmal aber im südöstlichen Teil Nordrhein-Westfalens.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der leere Plenarsaal nach der Bundestagswahl 2021

          Wahlrechtsreform : Ist der Bundestag wirklich zu groß?

          Die Ampel will das Wahlrecht ändern, weil ein großer Bundestag angeblich nicht funktioniert. Aber stimmt das überhaupt? Wir haben uns umgehört – und überraschende Antworten bekommen.
          Blut am Maul: Die Disqualifikation von Isabell Werth und Quantaz stellte beim CHIO niemand in Frage.

          Totes Pferd überschattet CHIO : Auch gutes Reiten ist Tierschutz

          Der Reitsport ist in der Defensive und kommt dort auch nicht so schnell heraus. Verbände und Turnierveranstalter reagieren zwar auf den Druck. Doch das alltägliche Verletzungsrisiko lässt sich nie ganz ausschließen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.