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Zukünftige Agenten : Eine Spur durch Moskau

So feiern russische Agenten: Die Geländewagen blockierten mehrfach ganze Spuren, hupten und blinkten. Bild: Video Screenshot

Die Absolventen der Moskauer Geheimdienst-Akademie feierten ihren Abschluss – mit einem Autokorso. Mit den knapp 30 Mercedes-Geländewagen sorgten die zukünftigen Agenten für einigen Ärger.

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          Schalten Russen das Fernsehgerät an, bedroht sie der Westen mit Komplotten, Kriegen und Gay-Pride-Paraden. Doch auf den Straßen sind die Welt und ganz besonders die deutsch-russischen Beziehungen noch in Ordnung.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Präsident Wladimir Putin wird weiter in einer überlangen Mercedes-Benz-Limousine durch Moskau gefahren, die stets mehrere schwarze Mercedes-Benz-Geländewagen mit voll getönten Scheiben flankieren. Diese klassisch-kantige „G-Klasse“ ist auch jenseits von Putins Leibwache beliebt; in Moskau, in den Provinzen, ja, im ganzen postsowjetischen Raum steht sie, besonders in schwarzer Wagenfarbe, für die vorteilhaften Wechselwirkungen zwischen Nähe zur Macht und Finanzkraft.

          Feiern im Autokorso

          Wer sollte das besser wissen als die Absolventen der Moskauer FSB-Akademie. Wie der Geheimdienst selbst ist sie ein Erbe aus KGB-Tagen und der Aus- und Weiterbildung des Nachwuchses gewidmet, der aus dem ganzen Land nach einem strengen Auswahlverfahren rekrutiert wird und dann Staat und Macht im In- wie im Ausland vor Widersachern schützen soll. Die diesjährigen Absolventen feierten am 21. Juni den Abschluss ihrer vierjährigen Ausbildung mit einem Autokorso aus knapp 30 schwarzen Mercedes-Geländewagen durch Moskau.

          Dazu stellten sie Ende vergangener Woche ein professionell gefilmtes, mit elektronischer Musik unterlegtes Video ins Internet. Aus Fenstern und Autodachluken triumphieren glattrasierte junge Männer, spreizen die Finger zum Victory-Zeichen, grinsen an zwei Stellen auch außerhalb der Geländewagen in die Kamera. Im Stil sind Anklänge an amerikanische Gangsta-Rapper unverkennbar. Nicht nur das: Passanten stellten eigene Videoaufnahmen der Aktion online, die Verstöße gegen Straßenverkehrsregeln offenbaren. Demnach blockierten die Geländewagen mehrfach ganze Spuren, hupten und blinkten. In sozialen Netzen sollen Absolventen, immerhin künftige Agenten, zudem ein Fotoalbum mit ihren Namen verbreitet haben.

          Ein Teil der Kritik entzündete sich denn auch an dieser geheimdienstuntypischen Offenheit, die an sorglose Einträge in die Ukraine entsandter russischer Soldaten erinnert – und die künftige Verwendung besonders im Ausland erschweren könnte. Wenn ein Geheimagent etwas tue, müsse er die Folgen „für das System, das er vertritt“, bedenken, äußerte Alexander Michajlow, FSB-Generalmajor der Reserve. „Es gibt bei uns eine unerschütterliche Regel: Keine Spuren hinterlassen. Unter anderem in sozialen Netzwerken.“ Vier Jahre habe man die jungen Leute auf Konspiration getrimmt, offenbar vergebens. Michajlow beklagte „Vaterlandsverrat“ und forderte, die Absolventen zu entlassen.

          Geländewagenparade sei „vollkommen normal“

          Wladimir Gorowoj, ein früherer KGB-Mann, beklagte, die Absolventen gebärdeten sich als besondere Gruppe, für welche die Regeln nicht gälten – wobei das freilich gerade den Reiz des Dienstes ausmacht. Internetkommentare fielen entsprechend bitterer aus; einer fragte, ob der Film zeigen solle, dass die FSB-Akademie „selbstzufriedene und gedankenlose Offiziere“ ausbilde, die „eher den Banditen der neunziger Jahre“ ähnelten. Andere erinnerte die Aktion an die Selbstherrlichkeit der reichen Nachkommen der Macht- und Geldelite. Ende Mai war der Sohn eines Vizepräsidenten des Ölkonzerns Lukoil durch Moskau gerast: Vom Beifahrersitz eines Mercedes-Geländewagens filmte er die Autorennen, die man sich mit anderen Fahrern lieferte.

          Ein Teilnehmer der Geländewagenparade verteidigte die Aktion als „vollkommen normal. Wenn wir in weißen Wolgas gefahren wären, würden wir gelobt“, sagte der Mann im Radio. Er spielte damit auf die sowjetische Traditionsautomarke und auf die offizielle Rhetorik an, ausländische Produkte durch heimische zu ersetzen. Der Teilnehmer sagte weiter, die Geländewagen seien von Absolventen vergangener Jahrgänge gestellt worden, als „patenschaftliche Hilfe für die junge Generation“. Die Eigentümer hätten auch selbst am Steuer gesessen. Doch – immerhin insoweit geheimdiensttypisch – gab es zur Herkunft der Autos auch andere Versionen: Manche bezeichneten sie als Leihwagen, andere vermuteten Gaben großzügiger Eltern.

          Putins Sprecher sagte jetzt, das betreffe den Kreml nicht: Die Polizei habe die Rechtsverstöße, die FSB-Akademie den „moralisch-ethischen Aspekt“ zu kommentieren. Erst danach – und nach fast zwei Wochen des Schweigens seit der Aktion – hieß es bei Polizei und FSB, man prüfe die Berichte. Ein Sprecher von Mercedes-Benz in Russland sagte über die Werbung in Eigeninitiative, der Geländewagen werde mit „Komfort“ und „legendären Offroad-Qualitäten“ verbunden. „Hier muss man zwischen dem Verhalten von Menschen und dem Image des Automobils trennen.“

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