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Gesunde Ernährung bei Kindern : „Lasst sie mitkochen“

Paprika, Kohlrabi und Mango sind viel gesünder als Kaiserschmarrn mit Apfelmus – finden die Eltern. Bild: dpa

Der Ernährungspsychologe Thomas Ellrott erklärt, wie man Kinder dazu kriegt, Obst und Gemüse zu essen. Zum Beispiel mit dem Ketchup-Trick.

          Herr Ellrott, sind Kinder schwierige Esser?

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Grundsätzlich nicht. Aber unter entsprechenden Rahmenbedingungen können sie es werden. Die Situation am häuslichen Esstisch kann fürchterlich kompliziert werden. Das liegt daran, dass Kinder das Grundbedürfnis haben, Zuwendung und Aufmerksamkeit zu bekommen. Der Wunsch nach Aufmerksamkeit kann die Esssituation dramatisch überlagern. Dann probieren Kinder die absurdesten Dinge, nur, damit sie im Vordergrund stehen - zum Beispiel im Vergleich mit ihren Geschwistern.

          Wenn die Eltern das nicht erkennen, verstärken sie dieses Verhalten durch ihre Reaktionen. Zum Beispiel, indem sie mit Engelszungen auf das Kind einreden oder mit ihm schimpfen. In beiden Fällen steht das Kind im Mittelpunkt. Es bekommt, was es möchte, das Verhalten wird zementiert. So etwas kann katastrophale Ausmaße annehmen.

          Was soll man stattdessen machen, wenn ein Kind sagt: „Ich ess’ das nicht“?

          Bloß nicht sachlich argumentieren, bloß nicht sagen: „Gemüse ist aber so gesund.“ Sondern nicht weiter auf die Weigerung eingehen, auf Durchzug stellen, bloß nicht überreagieren. Einer Marottenbildung kann man gut vorbeugen, indem man das Nein des Kindes einfach und leise respektiert. Dann fehlt die Verstärkung für das Verhalten, und das Kind isst das Gemüse das nächste Mal wahrscheinlich wieder.

          Oder man kann auch sagen: „Du magst das nicht? Oh, super, gib mal her, ich esse das total gerne.“ Das funktioniert besonders gut bei kleinen Kindern, man nennt es „künstliche Verknappung“. Größere durchschauen das irgendwann.

          Ich kenne einen vierzehnjährigen Jungen, der isst überhaupt kein Obst und Gemüse, und wenn er bei anderen Leuten ist, isst er überhaupt nichts, und auf Klassenfahrt nimmt er sein eigenes Essen mit. Kann man dem durch solche Tricks noch beikommen?

          Da ist natürlich die Frage, wie es dazu gekommen ist. Wenn er eine lange Zeit erlebt hat, dass er durch sein Verhalten einen Gewinn hat, weil er durch seine eigenwilligen Essgewohnheiten überall im Mittelpunkt steht, dann ist es kaum noch änderbar. Aber bei solchen Kindern kann man auch manchmal beobachten, dass sie, wenn sie in der Fremde sind, doch ganz normal essen. Weil sie mit ihrer Weigerung da entweder nicht beachtet werden oder weil sie sich aus eigenen Stücken den anderen Kindern anschließen.

          Thomas Ellrott ist Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie an der Universität Göttingen.

          Jeder weiß ja, dass Kinder Obst und Gemüse essen sollten. Aber warum ist das eigentlich so wichtig? Dieser oben erwähnte Junge ist total fit.

          Die Körper junger Menschen können kurzfristig viel kompensieren. Aber das Essverhalten gerade im Kindesalter ist für die Gesundheit während des ganzen Lebens von großer Bedeutung. Durch die richtige Ernährung in der Kindheit beugt man auch späteren Zivilisationskrankheiten vor, zum Beispiel Übergewicht und Diabetes. Das kann man Kindern nur leider nicht vermitteln. Sachliche Argumente ziehen bei ihnen nicht.

          Sie erleben sich nämlich, selbst wenn sie sich heute ungesund ernähren, als genauso leistungsstark wie ihre Altersgenossen, die Vollkornbrot und Obst essen. Und natürlich sind wir auch alle genetisch unterschiedlich. Der eine Körper verkraftet eine ungesunde Ernährung besser, der andere schlechter.

          Und wie kriegt man Kinder, die kein Gemüse mögen, dann dazu, trotzdem welches zu essen?

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