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Herzblatt-Geschichten : Übernehmen Leichtmatrosen das Kommando?

Sascha Hehn (rechts): Das Anforderungsprofil für den Job scheint nicht übertrieben hoch zu sein. Bild: dpa

Die „Bild“-Zeitung schießt sich auf das Dschungelcamp ein. Jessica Stockmann verliert ständig ihr Handy. Und Friedrich Merz wäre der ideale „Traumschiff“-Kapitän. Die Herzblatt-Geschichten.

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          Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass die alte Bundesrepublik an ihr Ende gelangt ist, dann wäre es wohl dieser hier: Das ZDF hat noch immer keinen neuen „Traumschiff“-Kapitän gefunden. Ein Amt, das in den Achtzigern auf einer Ebene stand mit dem des Bundestrainers oder Bundespräsidenten, seit Monaten unbesetzt: erschütternd. Statt eines Kapitäns soll in einer Sonderfolge an Ostern nun ein Erster Offizier, gespielt von einem Mann namens Daniel Morgenroth, den Dampfer nach Sambia lenken. Übernehmen beim einstigen Schwergewicht der Abendunterhaltung nun die Leichtmatrosen das Kommando? Gut, dass es bei Sambia wenigstens keine Eisberge geben dürfte – obwohl man angesichts des Klimawandels und der Schneemassen allerorten auch da keine Gewissheit mehr hat.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dabei scheint uns das Anforderungsprofil für den Job gar nicht übertrieben hoch zu sein: In weißer Uniform mit weisem Blick gen Horizont zu schauen und gravitätische Sätze zu sprechen, das sollte man doch hinbekommen – und wer sich um die rechte Work-Life-Balance sorgt, der muss sich erst mal entscheiden, ob sieben Monate im Jahr auf hoher See ein Zuviel an Arbeit oder eher ein Zuviel an Freizeit bedeuten. Über den ausgeschiedenen Kapitän meldet „Das neue Blatt“ derweil Schlimmes: „Drama um den Traumschiff-Star – Sascha Hehn – Er kämpfte um sein Leben!“

          Und zwar, als er sich erstmals, seinerzeit als Steward, vom Schiff verabschiedete, mit einem Kopfsprung ins Wasser: „Wir drehten die Szene in der Acapulco Bay, und ich hatte eine weiße Hose an. Wenn du vor Acapulco mit einer weißen Hose schwimmen gehst, ist das ungefähr so, als ob du einen Blinker durch ein Hechtwasser ziehst.“ Beinahe zum Verhängnis wurden Hehn dann aber keine angelockten Haie, sondern die Strömung: „,Ich habe mich mit letzter Kraft ins Boot gerettet‘, sagt der Schauspieler voller Erleichterung.“

          Schippert führungslos dahin: Das „Traumschiff“ sucht einen Kapitän.

          Wobei es im Grunde genommen „sagte“ heißen müsste, denn diese Sätze hat „Das neue Blatt“ einem Interview entnommen, das Hehn 2013 einem Magazin gab. Das macht dann aber wohl auch nichts mehr angesichts der Tatsache, dass die geschilderte Episode aus dem Jahre 1991 stammt. Gern würden auch wir mal schauen, ob wir unsere Zeitung mit so ollen Kamellen aufmachen könnten, doch wir fürchten, Schlagzeilen wie „Boris Jelzin zum russischen Präsidenten gewählt“ würden uns unsere Leser nicht abnehmen.

          Désirée Nick preist sich selbst

          Auf eine andere Sendung, nämlich das RTL-Dschungelcamp, hat sich die „Bild“-Zeitung eingeschossen. Neun Staffeln habe man nun erlebt, schreiben die Reporter, und jetzt „verraten wir in der neuen „Bild“-Serie zum ersten Mal alles“. Oder anders ausgedrückt: Wir haben alles schon lange gewusst, aber euch Lesern, ätsch, nichts verraten. RTL wiederum hatte die „Bild“-Fragen ebenso öffentlich gemacht wie die eigenen Antworten darauf, unter anderem diese: „Australische Skorpione können stechen.“ „Bild“ schreibt nun: „Australische Wasserspinnen beißen in den seltensten Fällen (die wollen nur spielen), das gilt auch für australische Skorpione.“ Wie beruhigend, dass die Skorpione nicht beißen, doch was ist mit ihren Stacheln? Vermutlich rät „Bild“ ihren Lesern auch, sich nicht zu fürchten, sollten sie in Afrika mal einem Löwen gegenüberstehen: Die stechen nämlich nur ganz, ganz selten.

          Wieder auf Sendung: Die Dschungelcamp-Moderatoren

          Die gemeinhin ziemlich bissige Désirée Nick preist sich derweil im „Echo der Frau“ selbst: „Mit einem Klempner und einem Fürsten auf die gleiche Art zu reden zeugt von Menschlichkeit und Aufrichtigkeit.“ Menschlich und aufrichtig würden auch wir uns gern zeigen, nur bekommen wir so selten die Gelegenheit, mit Fürsten zu reden; anders als Klempner kann man die ja leider nicht am Telefon nach Hause bestellen. Apropos Telefon: Jessica Stockmann, „Schauspielerin und Bauunternehmerin“ („Frau im Spiegel“), teilt auf die Frage nach ihren Macken mit: „Ich verliere ständig mein Handy. Letztens habe ich es wieder im Flieger liegenlassen. Das ist mir schon zehn Mal passiert.“ Jaha, davon können auch wir ein Lied singen. Wir haben schon dutzendfach unsere diamantenbesetzte Kreditkarte in unserem Privatjet vergessen.

          Wie man mit ähnlich schmerzhaften Ereignissen zurechtkommt, verrät Schauspieler Hans Sigl im „Echo der Frau“: „Eine Mischung aus Reden und Schweigen ist für mich hilfreich in solchen Situationen.“ Geniale Strategie. Um generell gut durchs Leben zu kommen, empfehlen wir ja eine Mischung aus Einatmen und Ausatmen sowie aus Wachsein und Schlafen.

          Ob es hingegen so klug ist, was sich Schauspielerin Henriette Richter-Röhl einfallen ließ, um ihre Tochter zu einer Zirkus-Premiere mitzunehmen und sie dennoch aus dem Rampenlicht herauszuhalten? Sie ließ das Kind laut „Frau im Spiegel“ „eine Maske mit dem Gesicht von Angela Merkel“ tragen. Und damit soll die Kleine weniger aufgefallen sein? Vor allem in den neuen Bundesländern würden wir von so einer Idee eher abraten.

          Und wo wir schon bei der Politik sind: Wir wüssten ja, statt ihn mit irgendwelchen Posten in irgendwelchen Kommissionen abzuspeisen, einen adäquaten neuen Job für Friedrich Merz: Er wäre der ideale Traumschiff-Kapitän. Stattlich, charismatisch und im besten Alter, ein Mann mit klarem Kurs, kennt sich mit Steuern aus – und so manche Parteifreundin wäre gewiss ganz froh, wenn sie mal wieder sieben Monate nichts von ihm hören würde.

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