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Herzblatt-Geschichten : „Sind doch alles Schlampen“

Hasst schmuddelige Intellektuelle: Karl Lagerfeld Bild: dapd

Angela Merkel ist urplötzlich im Enkel-Glück, und dem Paketbombenterrorismus ist nur noch mit „In & Out“-Listen entgegen zu kommen. Was zeigt: Die Herzblätter greifen wieder zu ihren schärfsten publizistischen Waffen.

          Herzlichen Glückwunsch, Angela Merkel! Zum einen dazu, dass sie es auch in dieser Woche aufs Cover eines Herzblatts geschafft hat, zum zweiten zu einem freudigen Ereignis: „Kanzlerin im Enkel-Glück!“, frohlockt die Neue Welt. Das ist bemerkenswert vor allem, da Merkel gar keine Kinder hat, aber medizinisch ist ja heute vieles möglich. Wobei es sich in diesem Fall vielmehr um einen journalistischen Eingriff handelt, ist mit dem „Familienzuwachs“ doch der Sohn des Sohns von Merkels Mann gemeint, der aber auch schon zwei Jahre alt ist. So detailliert hätte das natürlich nicht in eine Schlagzeile gepasst, aber wie auch immer: Beim Spiel mit dem kleinen Kasimir jedenfalls, lesen wir, „ist sie wieder ein unbeschwertes junges Mädchen, das von Paketbomben und Terrorismus nichts weiß“. Das ist schön für Kasimir, aber doch etwas beunruhigend für uns, die von Merkel Regierten.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Gut, dass sich den Terroristen ein anderer Gegner in den Weg stellt. Die Bunte nämlich greift zu einer ihrer schärfsten publizistischen Waffen und sperrt in die Out-Rubrik ihrer „In & Out“-Liste „die kriminellen Paketbomber“, Begründung: „Gerade vor Weihnachten möchte man keine Angst vor Geschenkpäckchen haben!“ Unsere Sorge, dass die Paketbomber aufgrund ihres gehäuften Auftretens gerade „in“ seien, ist damit gelindert. Von diesem Schlag werden sie sich so rasch nicht erholen, und falls doch, so hat die Bunte ja noch die Rubrik „Gewinner & Verlierer“ auf der Seite gegenüber.

          Journalistische Skepsis und Wachsamkeit

          Die Kanzlerin übrigens ist nicht die Einzige, die beim Spiel wieder zum Kind wird. Auch Schwedens König verfügt über eine Spielkameradin, die freilich nur fast seine Enkelin sein könnte. Camilla Henemark, heute 46, einst Sängerin der Band mit dem vielversprechenden Namen Army of Lovers, hat in der schwedischen Presse, wie Bild berichtet, den König als so „richtig kindlich und mit Freude am Lachen“ beschrieben: „Wenn wir uns trafen, war es wie eine Fantasiewelt, in der wir spielen konnten.“ Das stellen wir uns süß vor, wie Camilla und Carl Gustaf im Spielzimmer aus Püppchen und Zinnsoldaten Armeen der Liebe formieren. Alles halb so wild also, das findet auch die von Bild befragte Stockholmerin Frida Rodenkirchen (18): „Der König ist dumm. Das ist aber kein Grund zur Aufregung. Alle Männer gehen zum Tabledance.“

          Angela Merkel und Ehemann Joachim Sauer: Gemeinsames Enkel-Glück dank journalistischem Eingriff

          Über die Vorlieben Jörg Kachelmanns hält Bild uns ebenfalls auf dem Laufenden und präsentiert die „Liebesrechnung“, die ihm Katharina T., eine seiner Bekanntschaften, ausstellte. Aufgeführt sind neben den Kosten für Hotelzimmer und „ca. 530 SMS“ auch solche für „2 Gläser Honig“ und „6 Pfirsiche“. Die Frage nach dem Zweck dieser Anschaffungen lenkt unsere Phantasie in Richtungen, wo sie nie hinwollte, deshalb rasch ein Wechsel in seriösere Gefilde: zur neuen Serie „Engel in unserem Leben“ im Goldenen Blatt. Redakteurin Ellen Andresen besucht die Engel-Expertin Jana Haas (31) am Bodensee und lässt sich von dieser ihre Aura ertasten. „Dort sieht es bei Ihnen zunächst ein wenig matt aus, wie verschleiert“, urteilt Frau Haas. „Aber ich spüre, dass dies einer journalistischen Skepsis und Wachsamkeit entspricht.“ Journalistische Skepsis und Wachsamkeit – beim Goldenen Blatt? Das ist uns eine schöne Expertin. Schnell aber fällt der Schleier, und die Redakteurin schwärmt: „Lieblich umhüllen die warmen Sonnenstrahlen den Seminarraum. Was ich hier heute erfahren habe, wird auch sicherlich für viele andere Menschen eine außergewöhnliche Erfahrung sein . . .“ Was genau sie erfahren hat, erfahren wir leider nicht; das steht dann womöglich in der nächsten Folge der Serie.

          Die Jeanne d'Arc des deutschen Sports

          Neue Erfahrungen macht auch Verona Pooth, deren Familie laut Echo der Frau nach einem Umzug nun „sogar zur Miete“ wohnt. Außerdem hat das Blatt beobachtet, dass Pooth „sich längst nicht mehr für jeden Termin ein neues Kleid leisten kann“. Ganz so schlimm scheint es aber nicht zu sein, weiß Das Neue Blatt doch, dass die Pooths mehrmals pro Woche „in die nahe Bäckerei zum Frühstück“ gehen: „Sie haben dort sogar ein eigenes Nutella-Glas.“ Wieder besser geht es der des Dopings verdächtigten Eisschnellläuferin Claudia Pechstein, deren neuer Partner in Bunte verspricht: „Die Jeanne d’Arc des deutschen Sports wird alle überraschen.“ Die echte Jeanne, das nur zur Erinnerung, hörte Stimmen, zog in den Krieg und endete auf dem Scheiterhaufen.

          Karl Lagerfeld, ein immer gerngesehener Gast in dieser Kolumne, hat dem Zeit-Magazin ein Interview gegeben, von dem wir via Bild erfahren: „Tut mir leid, ich hasse schmuddelige Intellektuelle. Früher, da sahen die Intellektuellen noch nach etwas aus. Aber heute sind das doch alles Schlampen.“ Namentlich „Günter Grass sollte sich mal Schlips und Kragen zulegen, er würde jünger wirken“. Und am besten noch Sonnenbrille, weißen Zopf und ein paar junge Musen. Wir freilich finden, dass Lagerfeld wie üblich übertreibt und die Intellektuellen im Grunde genauso aussehen wie vor vierzig Jahren. Sie haben halt nur seitdem nicht die Kleider gewechselt.

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