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Herzblatt-Geschichten : Promis allein zu Haus

Bild: F.A.Z.

Eigentlich sind die Prominenten doch dazu da, den Normalbürgern zu zeigen, wie das Leben aussehen könnte: Mit dem Bademantel durch die Stadt laufen und seinen Porsche zu Schrott fahren. Die Herzblatt-Geschichten.

          3 Min.

          Die sogenannten Prominenten, das soll hier aus gegebenem Anlaß nochmal in aller Deutlichkeit festgehalten werden, sind in erster Linie dazu da zu zeigen, daß das Dasein auch anders aussehen kann.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Statt sich seinem doofen Alltagsleben zu ergeben, könnte man statt dessen im Bademantel durch die Stadt laufen und seinen Porsche 993 zu Schrott fahren (Keanu Reeves); Kinder aus Afrika adoptieren (Angelina Jolie); mit seinem Mercedes SL einen zu langsamen Lastwagen rammen und so zu höherem Tempo antreiben (Lindsay Lohan); tolle Filme über globale Umweltkatastrophen drehen (Al Gore); in beutelnden Jeans auf Golfplätzen herumproleten (Robbie Williams); beim Autofahren und Spazierengehen manisch zähneputzen (Matthew McConaughey); Kate Moss malen und zwölf uneheliche Kinder zeugen (Lucian Freud); sich von dem als Sexsymbol irgenwie überschätzten Vince Vaughn trennen (Jennifer Aniston); sich mit der Königin von England so sauber verkrachen, daß der eigene Gatte nicht König werden darf (Herzogin Camilla); sich so fein anziehen, daß man erst Freundin von Prinz William und dann, wenn der - nach dem soeben bekanntgewordenen Willen von Queen Elizabeth - dereinst König ist, sogar neue Königin wird (Kate Middleton).

          Vorboten eines besseren Lebens

          Oder aber sich noch viel toller anziehen, nämlich so wie David Bailey (schwarzer Anzug, schmale weiße Krawatte) und Catherine Deneuve (weißer Flauschfusseltotalwahnsinn) auf dem alten Foto in der Amica, die ihre Leser mit einem Frankreich-Stil-Heft erfreut, wohingegen es leider seit langem schon nicht mehr das lustige kleine Sonderheft gibt, in denen Amica-Leserinnen und -Leser einen neuen Partner suchten und sich dafür mit äußerst phantasievollen, bisweilen ans Psychotische grenzenden Selbstbeschreibungen anpriesen („Ich hole Dir die Sterne vom Himmel und lasse Deine Seele in Champagner und Erdbeeren baumeln“).

          Baumelnde Erdbeerseelen hin oder her: Prominente haben Vorboten eines besseren Lebens zu sein, Ansporn, befeuernde Utopie, dafür werden sie bezahlt, und deswegen kann man sich gar nicht genug darüber aufregen, daß sie ihrer Stellenbeschreibung immer weniger entsprechen und mit breitestem Prominentengrinsen Anspruch auf eine Normalität erheben, aus der sie ihre Fans doch erlösen sollten. Statt dessen totale Tristesse, wohin man schaut: Paris Hilton geht dem Lieblingssport krankheitsresistenter Rentner nach und füttert auf dem Markusplatz mit Hingabe Tauben, die dann frisch gestärkt die Fassaden der italienischen Hiltonhotels weißeln. Barbara Schöneberger schwärmt in Bunte von ihrem Freund, dem „Porsche-fahrenden Doktor der Physik“ Mathias Krahl, er sei „die Essenz des Männlichen“; sie schätze an ihm, „daß er ein so typischer Mann ist, und er schätzt an mir, daß ich eine so typische Frau bin“.

          Decke übern Kopf und abtauchen

          Dazu schaut auf dem Foto die gelobte Essenz des Männlichen so kniesterig hinter ihrem eigenwilligen Bart hervor, daß man sofort bei Alice Schwarzer einziehen möchte. Auch der alten Miniaturnervensäge Tom Cruise fällt nichts Besseres mehr ein, als das Leben von David Beckham zu verfilmen, welcher immerhin neben seiner Frau weniger albern aussieht als Cruise neben der seinen, die er, wie In Touch zu entnehmen ist, zur Einhaltung des klassischen Rollenbildes (Mann groß, Top-Gun-Grinsen, Beschützer; Frau zierlich, kleiner) lange zwang, sich auf Fotos krumm neben ihn zu stellen und keinesfalls hohe Schuhe zu tragen.

          Michael Schumacher schwärmt, anstatt sich in der gebotenen Entschlossenheit mit seinem jüngeren Alter ego Fernando Alonso (ebenfalls großes Kinn und großes Talent) anzulegen, in der Revue davon, wie toll es sei, „ein ganz normaler Familienvater zu sein“, sich seiner Ehe mit Corinna zu widmen, die, was sonst, von „totaler Harmonie“ geprägt ist, und ansonsten in sein 600-Quadratmeter-Blockhaus im norwegischen Trysil abzudampfen, wo es dem Vernehmen nach so einsam ist, daß die örtlichen Elche überhaupt keine Gelegenheit bekommen, irgendwelche Autofahrer zu Elchtests zu zwingen - und zwar deswegen, weil es dort so gut wie keine Autos gibt, von Rennwagen mal ganz zu schweigen.

          Die Prominenten haben nur noch eines im Kopf, nämlich das, was der Soziologe Richard Sennett die „Tyrannei der Intimität“ nannte: Decke übern Kopf, abtauchen, normal sein, bei Manufactum handgedrechselte Deko-Enten und Luxusgartenharken kaufen, zu Hause gemütlich einrichten statt draußen im Leben richtig ausrasten. Aber das, Freunde, kann nicht alles sein. Wenn der Rückzug der Reichen und Famosen in olle Rollenmodelle, Blockhäuser und Männeressenzen so rapide weitergeht, drohen auch diese Herzblatt-Geschichten eher zu matten Herbstblatt-Geschichten zu werden, und deswegen schließen wir uns ganz unbedingt der Meinung der Gala-Leser an, die, befragt, ob die New Yorker Schauspielerin Lindsay Lohan „ihren wilden Lebensstil ändern“ soll, zu 68 Prozent sagen: Nein, eindeutig bitte überhaupt nicht!

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