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Herzblatt-Geschichten : Juckende Klatschspalten

„Sind Sie peinlich, Frau Effenberg?” Bild: dpa

Der Karriere eines Fußballspielers sind natürliche Grenzen gesetzt, der einer Spielerfrau leider nicht, und so scheint Ehefrau Claudia auf immer und ewig dazu verdammt, auf Opernbällen herumzuhampeln und vor jeder Kamera Grimassen zu ziehen.

          So skrupulös und meinungsschwach kennen wir die Bild-Zeitung sonst gar nicht. Jedenfalls leuchtet es uns nicht ein, was in ihrer Schlagzeile „Sind Sie peinlich, Frau Effenberg?“ das Fragezeichen verloren hat. Der Karriere eines Fußballspielers sind ja natürliche Grenzen gesetzt, der einer Spielerfrau aber leider nicht. Und während Stefan Effenberg den Stinkstiefel längst im Schrank verstaut hat, scheint Ehefrau Claudia auf immer und ewig dazu verdammt, auf Opernbällen herumzuhampeln und vor jeder Kamera Grimassen zu ziehen. „Das ist nicht peinlich, sondern lustig!“, beantwortet sie die Bild-Frage und fügt, auf ihren Gatten angesprochen, hinzu: „Die richtig verrückten Bilder mag Stefan nicht so gerne - aber eigentlich jucken ihn die Klatschspalten nicht so.“ Ein wenig aber dann wohl doch. Juckende Klatschspalten: ein lange unterschätztes Leiden und eine große Herausforderung für die Hygieneartikelindustrie.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wir selbst haben ein ganz gutes Gegenmittel gefunden und einfach mal zwei Wochen die Finger von den Herzblättern gelassen. Zwei Wochen ohne knallhart recherchierte Meldungen, dass Prinz William Kate jetzt endlich oder nun doch nicht heiratet, zwei Wochen ohne verräterisches Bäuchlein bei Prinzessin Mettemaritmaxima. Zwei Wochen aber auch ohne so interessante Erkenntnisse, wie sie jetzt die Bunte in ihrer In-&-out-Liste liefert: „In“ sind „nette Kerle, die selbstlos hilfsbereit sind. Sie kriegen die meisten Frauen (Studie der Uni Nottingham).“ Das finden wir, auch in eigener Sache, erfreulich, wagen aber einen Einwand: Wenn diese Typen all die Frauen kriegen, kann man dann wirklich noch von Selbstlosigkeit sprechen?

          Unmoralisch: Dieter Bohlen

          Eher nicht in jene Kategorie gehört der gleichwohl bei manchen Damen nicht ganz unpopuläre Dieter Bohlen, über dessen zweifelhaften Charakter seine Ex-Freundin Estefania Küster im Neuen Blatt klagt: „Du kannst doch nicht mit einer anderen Frau etwas haben und dich dann wieder zu deiner schwangeren Frau ins Bett legen. Das geht moralisch schon nicht.“ Hier, liebe Estefania, liegt ein Missverständnis vor: So etwas geht nur moralisch nicht, praktisch aber eben schon. Und genau das war ja das Problem. Das Neue Blatt feiert übrigens Geburtstag, es wird sechzig und sieht auch keinen Tag jünger aus. Mitfeiern sollen die Leser: „Wählen Sie Ihren Lieblingstitel, und gewinnen Sie tolle Preise!“ Aus neun Titelseiten sollen die Leser „Ihren Favoriten“ bestimmen, darunter: „Rainier und Caroline: Erschütternder Abschied von Fürstin Gracia“ (1982), „Der Tod von Prinzessin Diana +“ (1997), „Rex Gildo + - Die ganze Tragödie“ (1999), „Hannelore Kohl + - Der furchtbare Selbstmord“ (2001). Wir müssen uns den Leser des Neuen Blatts offenbar als einen leicht morbid veranlagten Menschen vorstellen.

          Anlass für diese Frage ist unter anderem: dieser Kuss auf dem Oktoberfest

          Optimistisch nach vorn hingegen blickt das Echo der Frau: „Schritt für Schritt mehr Beachtung finden - So polieren Sie Ihr Image auf.“ Hier lernen wir nicht nur, dass „schrille Haarfarben nicht unbedingt stilvoll sind“, sondern erhalten auch den Rat: „Schauen Sie sich im Internet die Buch-Bestsellerliste an. Lesen Sie dazu die Inhaltsangabe und Rezensionen.“ Außerdem legt das Blatt uns „elegantere Kleidungsstücke“ ans Herz, „eine schicke Bluse, ein Rock, der die Knie bedeckt, ein Blazer und Pumps“, und empfiehlt: „Tragen Sie nicht direkt alles auf einmal, sondern fangen Sie stückweise an.“ Ein heikler Rat, könnte er die Leserin doch dazu verleiten, einzig mit Pumps bekleidet auf die Straße zu gehen. Immerhin würde sie so tatsächlich Schritt für Schritt mehr Beachtung finden.

          Boris hat keine Unterhosen mehr

          Unangebracht aber finden wir es, dass du, Gala, an Boris Becker herummäkelst, nur weil dessen Video-Blog „eher unspektakulär“ ausfalle, etwa bei einem Telefonat mit Gattin Lilly: „Ich habe keine Socken, keine Unterhosen mehr. Ich komme morgen nach Hause. Was gibt es zum Mittagessen?“ Wir finden das wohltuend bodenständig: Wer hätte gedacht, dass ein Jetset-Star wie Boris dem Gourmetlokal die Hausfrauenkost vorzieht? Und dass er bei Wäschemangel keine teuren neuen Designerschlüpfer kauft, sondern lieber den nächsten Flieger nach Hause nimmt?

          Ein weit seltsameres Paar scheinen die Schauspieler Pierre Franckh und Michaela Merten zu sein, die esoterische „Wunsch-Lehren“ verbreiten und Bücher wie „Wünsch dich schlank“. Das, so die Sektenexpertin Ursula Caberta in Bunte, sei „an Banalität nicht mehr zu unterbieten, völlig unseriös und verantwortungslos“. Etwa Franckhs Anrufung eines „Parkplatzengels“, der uns stets einen Platz reserviert: „Man sollte seinen Wunsch aber nicht zu knapp vor Eintreffen formulieren, denn auch das Universum braucht einen gewissen Vorlauf.“ Das glauben wir gern: Gegen die Parknot in unserer Straße wäre selbst das Universum machtlos.

          Nicht nur der Leser würde sich nun einen richtig lustigen Abschlussgag wünschen. Auch wir selbst haben das getan. Es hat nur leider nichts geholfen: Wir haben wohl dem Pointenengel zu wenig Vorlauf gegeben.

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