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Herzblatt-Geschichten : Es ist alles eins

Bild: F.A.Z.

Uschi Glas hat geheiratet! Eine Synthese aus Sakrament und Hopsasa, Segen und Rambazamba, Heiligem und Riesenjux, schreibt die Fachpresse. Ob das stimmt? Die Herzblatt-Geschichten vom Wochenende.

          3 Min.

          Alle sind sich einig, daß großer Ernst und hohe Weihe mit Party und Halligalli nicht länger unvereinbar sind: Die Neue Welt für die Frau beglückwünscht die bekannte Niedlichkeitsdarstellerin und Kosmetik-Tragödin Uschi Glas zu einem „großen, ausgelassenen Hochzeitsfest“, die Neue Revue verrät, es sei gleichzeitig „feierlich und fröhlich“ zugegangen, die Frau im Spiegel nennt die Blitztrauung mit einem stattlichen Millionär erst sehr ernst eine „geheime Kommandosache“ und weiß dann doch, daß „bis in die frühen Morgenstunden“ auf den Putz gehauen wurde.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Bunte schließlich zitiert Hubert Burda mit dem priesterlichen Befund, Frau Glas sei ein „Nationalheiligtum“ - also so etwas Ähnliches wie die Dresdner Frauenkirche -, bevor der dazu passende Ministrantenchor dann doch abgesagt wird und statt dessen eine Band mit „fetzigen Rhythmen“ die Löcher aus dem Käse schießt.

          Erfindungen einer geheimen Zivilreligion?

          Wo so große Einigkeit darüber besteht, was die symbolische Bedeutung eines gesellschaftlichen Ereignisses sei, nämlich in diesem Fall die gelungene Synthese aus Sakrament und Hopsasa, Segen und Rambazamba, Heiligem und Riesenjux, kann leicht der Verdacht aufkommen, die Priester irgendeiner geheimen Zivilreligion hätten sich das Vorgefallene nur ausgedacht und es in den einschlägigen Blättern untergebracht, um ihre Gläubigen zu unterweisen.

          Eine Chagall-Bibel gab's als Traugeschenk vom evangelischen Pfarrer, Bach-Kantaten umrahmten die Zeremonie: Sind wir hier wirklich noch bei der High-Society oder nicht schon im Reich der Sagen, wo Erotik und Göttliches einander umschlingen, die Göttin der Magie namens Isis zugleich die Schutzpatronin der Liebe und Fruchtbarkeit ist, die Göttin Aphrodite dem Allvater Zeus einen schmutzigen Witz erzählt oder die Göttin Freya der Braut ihre Halskette umhängt, die anfängt zu glühen, wenn eine Lüge ausgesprochen wird?

          Ein abgründiger Satz

          Die nun Vermählten „ließen sich nicht zuviel Zeit“, lobt die Neue Revue, und Das Neue Blatt zitiert den Pfarrer mit den Worten: „Es hat eine höhere Macht gegeben, welche die beiden zusammenführte.“ Ein abgründiger Satz, denn er bedeutet entweder, daß es diese Macht jetzt nicht mehr gibt - ein Gedanke, den man eher Nietzsche als einem Pastor zutraut -, oder aber, daß selbst Feststellungen über Dinge, die im Bereich des Ewigen stattfinden, heute bei Prominentenhochzeiten in der Vergangenheitsform ausgedrückt werden müssen, damit klar ist, daß die Sache ihren glücklichen Abschluß gefunden hat, unter Dach und Fach ist und es nichts mehr daran zu rütteln oder zu mäkeln gibt. Und wer dies dennoch täte, ließe sich eben „zuviel Zeit“.

          Die Drängelei, möglichst alles zu versöhnen, was ehemals getrennt war - das Ewige mit dem Abgeschlossenen, das Weihevolle mit dem Glamourösen, den Mann mit dem Weib -, durchherrscht derzeit ohnehin alle schönen Illustrierten. Das Neue Blatt will sogar die lang entfremdeten Boris und Barbara Becker wieder zueinanderzwingen und fragt suggestiv: „Sind sie bald wieder ein Paar?“

          Die Neue Revue ist ganz begeistert davon, daß auch Schickimicki und Unterklassenmode einander nicht mehr ausschließen - „Cora Schumacher: Hier trägt sie Kleider von der Stange“ -, und die medizinische Ratgeberdoppelseite im Echo der Frau demonstriert die friedliche Koexistenz des panischen Mode-Themas „Vogelgrippe“ mit so bodenständigen Uralt-Problemen wie „Lungenentzündung“ und „Blähungen“. Keine zwei Personen, keine zwei Stimmungen, keine zwei Besorgnisse, lautet die Botschaft, schließen einander wirklich noch aus. Wir leben in der Ära der großen Koalition von allem mit jedem.

          Die Pressefreiheit verschärfen

          Ist das gut? Einerseits ja: Besser, die Zeitungen lehren die Menschen Versöhnlichkeit, als daß sie, wie in Amerika, nur dazu da sind, der Leserschaft Angst vor Verbrechen, Naturkatastrophen, Außerirdischen, Wirtschaftschaos, Seuchen und Sekten einzujagen, damit die Leute brav zu Hause bleiben und per Telefon alles bestellen, was ihnen der Fernseher anpreist.

          Andererseits nein: Wenn wir uns erst monatelang Sorgen machen, daß Jennifer Aniston von Brad Pitt verlassen wurde, und dann plötzlich, wie in dieser Woche geschehen, alle Boulevardjournale als Lösung der Klemme anbieten, daß die arme Frau jetzt ausgerechnet in den Armen des besten Freundes ihres Exliebsten Trost findet, dann geht die allgemeine Einmütigkeit und globale „Ist doch alles dasselbe“-Gesinnung zu weit.

          Man sollte schleunigst die Pressefreiheit verschärfen: Verschiedene Blätter dürfen nicht nur Unterschiedliches schreiben, sie müssen es auch. Sonst geht die Moderne kaputt, und wir sitzen bald wieder nackt und bemalt ums Feuer wie damals, als wirklich noch alles eins war, für die Urhorde: Fest und Geheimnis, Hochzeit und Wunder, ein Mann und sein bester Freund.

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