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Herzblatt-Geschichten : Er zeigt gern seine kleine Plauze

Oliver Pocher zaubert seiner Amira – auch ohne die Plauze auszupacken – ein Lächeln ins Gesicht. Bild: dpa

30 Jahre Mauerfall – das ist auch für viele Illustrierte ein Grund zurückzublicken und neue historische Erkenntnisse zu liefern. Die Gegenwart erfreut uns derweil mit Plauzen und anderen Tragödien. Unsere Herzblattgeschichten.

          3 Min.

          Vielleicht ist es nicht die allerbeste Idee, wenn die Herzblätter ihr ureigenes Gebiet, die fiktionsfreudige Prominentenberichterstattung, verlassen und sich der Historie widmen. In dieser Woche jedenfalls ist die deutsche Geschichte in großen Teilen neu geschrieben worden.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zum Beispiel im Goldenen Blatt. „9.November“ steht groß auf einer Seite, und daneben: „30 Jahre deutsche Wiedervereinigung“. Gut, bei so vielen Gedenktagen kann man mal durcheinanderkommen. Immerhin lässt man auf derselben Seite Zeitzeugen berichten, wie sie sich „an den Mauerfall“ erinnern, zum Beispiel Gunther Emmerlich und Wolfgang Stumph. Folgendes sollen sie gesagt haben: „An dem Abend saßen wir in einer Kneipe, wo wir die Worte des Herrn Grabowski verfolgten. Danach fielen sich alle in die Arme.“ Wir aber halten inne: Grabowski? Etwa der Frankfurter Fußballspieler? Oder hat am Ende der gleichnamige Maulwurf aus dem bekannten Kinderbuch die Mauer durch jahrzehntelange Wühlarbeit ins Wanken gebracht? Es ist uns freilich nicht in Erinnerung, dass berühmte Politiker wie Helmut Grohl oder Willy Grandt dem Herrn Grabowski je gedankt hätten.

          Hätte mit dieser Sprungkraft Leichtathletin werden sollen: Gesine Cukrowski

          Zitternde Haut auf den Knochen

          Ganz nah dran war seinerzeit auch die Schauspielerin Gesine Cukrowski. „Denn ich“, sagt sie dem Goldenen Blatt, „gehörte zu den ersten 40, die damals über die Berliner Mauer gesprungen sind.“ Sehr beeindruckend, zumal andere erst mühsam drüberklettern mussten; ein Sprung über 3,60 Meter Höhe dürfte jedenfalls gesamtdeutscher Rekord gewesen sein.

          Der Chefhistoriker der Bild-Zeitung, Franz Josef Wagner, wendet sich in seiner Kolumne der Grundrente zu. „Ich fühle mit unseren Alten, die man stützen muss, die nicht mehr alleine gehen können“, schreibt er. „Ihre kräftigen Arme vor 40 Jahren bauten Deutschland auf. Jetzt zittert die Haut auf ihren Knochen.“ Das haben wir auch noch nicht gewusst: dass Deutschland erst im Jahr 1979 aufgebaut worden ist. Damals waren auch wir schon auf der Welt, hätten wir dann womöglich beim Aufbau mithelfen müssen? Vor Schreck fängt da glatt unsere Haut auf den Knochen zu zittern an.

          Riesige Tragödie bei Dieter Bohlen

          Dass die harten Zeiten noch nicht überwunden sind, entnehmen wir dem Interview, das Gala mit Oliver Pochers Ehefrau Amira führt. Zunächst sagt sie über ihren Mann: „Er wird immer die große Show suchen und sich ausziehen, weil er glaubt, dass seine kleine Plauze für Lacher sorgt“, und: „Er wird immer den schnellen, besten Gag nehmen, auch auf Kosten anderer.“ Oliver Pocher, den besten Gag? Liebe scheint nicht nur blind, sondern auch taub zu machen. Dramatisch allerdings wird es, als sie über sein „wahnsinnig großes Herz“ spricht: „Wenn wir nur noch ein Brot hätten, würde er lieber verhungern und mir die letzte Scheibe geben. Das ist auch schon oft passiert.“ Das tut uns dann ja doch leid, dass Pocher schon oft verhungert ist. Immerhin verstehen wir nun, wieso er sich die kleine Plauze angefressen hat.

          Zum Glück weiß Dieter Bohlen was ein Schlüsseldienst ist – und hat das nötige Kleingeld, um den zu bezahlen.

          Wirklich Schlimmes erlebt hat auch ein anderer. „Dieter Bohlen – Tragödie im Familien-Urlaub – Wie soll es jetzt nur weitergehen?“ titelt Woche heute. Den Vorfall hat das Blatt Bohlens Instagram-Account abgelauscht und fasst zusammen, wie es „zur riesigen Tragödie“ kam: Bei strömendem Regen vergaß Bohlen im Mallorca-Urlaub den Haustürschlüssel in der Unterkunft „und sperrte so die ganze Familie aus“. „Jeder“, schreibt Woche heute, „dem so etwas schon mal passiert ist, weiß, wie ausweglos diese Situation erscheint – vor allem im Ausland, wo man niemanden kennt!“ Das Happy End der riesigen Tragödie – als Deus ex Machina half, o Wunder, ein Schlüsseldienst – verschweigt das Heft. Es erzählt dann auch nicht von der gewaltigen Katastrophe, als bei Bohlens die Milch alle war, von dem zerstörerischen Schicksalsschlag, als eine Fliege im Haus war, und von der verheerenden Heimsuchung, als der Papa die Kinder in den Schlaf gesungen hat.

          Wendegewinnler aus dem Osten: Das Sandmännchen feiert Geburtstag.

          Die Alternative fürs Märchenland

          Apropos: Sylvie Meis versucht, wie sie Bunte wissen lässt, „jeden Tag 7 bis 8 Stunden zu schlafen“, und „zum Glück klappt es bei mir mit Power-Naps auch im Flieger“. Für uns klingt das beschämend: Statt wie Sylvie Meis mit Power Naps zu glänzen, dösen wir höchstens mal für ein Nickerchen weg. Darüber hinaus empfiehlt Meis, sich mit der Wimpernzange die Wimpern nach oben zu biegen, denn das „öffnet die Augen und macht einen Riesenunterschied, man sieht viel wacher aus!“. Vor der nächsten ausgiebigen Konferenz werden wir eine Wimpernzange mit ins Büro nehmen.

          Noch einschläfernder sind die Auftritte des Sandmännchens, das auch schon 60 wird. „Sowohl im West- als auch im Ost-Fernsehen wurde die Kindersendung erstmals 1959 ausgestrahlt“, behauptet das Goldene Blatt – als hätte es einen gemeinsamen Abendgruß in beiden deutschen Staaten gegeben statt zweier Sandmänner im Dienst konkurrierender Systeme. Das Neue Blatt hat sich ein Interview mit dem verbliebenen Sandmännchen ausgedacht; die Frage, warum es nicht sprechen kann, beantwortet es eher ausweichend, dabei liegt die Antwort auf der Hand: Es hat, womit es in der DDR auch nie anecken konnte, gar keinen Mund. Befragt nach seinem West-Vetter, den es verdrängen konnte, sagt es, dieser sei im Ruhestand und es gehe ihm prima. Dabei ahnen wir, wie es ihm als einem der ganz wenigen Wendeverlierer aus dem Westen tatsächlich geht: Er lebt von einer mickrigen Rente, schnupft säckeweise Traumsand und wählt die fürchterliche AfM – die Alternative fürs Märchenland.

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